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Зов к духу

Lucien Siffrid

Der Boden wahrer Freundschaft

(DIE STIMME – 1937 – Heft 8)

Wieviele Menschen überkommt nicht eine große Bitterkeit, wenn sie das Wort Freundschaft vernehmen? Wieviele harte Erfahrungen, schwere Enttäuschungen, Feindschaften, Schmach und Elend werden nicht auf ihr Konto gebucht? Wieviele edle Seelen sind nicht schon durch sie aufs empfindlichste verletzt, sogar zerbrochen worden? Enttäuscht, geschwächt, abgekämpft und verbittert lehnen diese Menschen alles ab, was mit Freundschaft und Vertrauen in Zusammenhang steht. Entweder ziehen sie sich in ein weltentsagendes Kreisen um sich selbst zurück, oder sie lassen sich von Strömungen mitreißen, in deren betäubendem Strudel sie das große Vergessen suchen.

Und doch tragen diese Menschen den Drang nach wahrer Freundschaft in sich Gerade in ihrem Zweifel, ihrem Mißtrauen, ihrem Spott oder in ihrer völligen Verneinung liegt der Beweis für die Möglichkeit derselben. Denn im Ablehnen, im Nichts-mehr-davon-wissen-wollen ruht der unstillbare, sehnsüchtige Wunsch, den Zweifel gelöst, das Mißtrauen beseitigt, den Spott entwaffnet und die Verneinung aufgehobeh zu wissen. Da aber die vollständige Änderung in ihrer bisherigen Lebensauffassung allein die grundlegende Bedingung zur Ermöglichung wahrer Freundschaft ist, so folgert sich daraus für die Verneiner die Tatsache, dass es keine Freundschaft mehr geben kann.

Hier liegt die unüberbrückbare Schwierigkeit: Sie liegt in der Kluft, welche die verderblichen Folgen unrichtigen Denkens gerissen haben. Die Zweifler und Verneiner verlangen immer von dem Nebenmenschen, daß er sich ändere, um durch dessen Besserung wieder an Glück und Freundschaft glauben zu können. Aber sie denken unrichtig, handeln gegen das Gesetz in der Schöpfung. Denn es kann kein Mensch den anderen Menschen wirklich überzeugen, weil Überzeugung nur durch scharfes, eigenes Abwägen und Prüfen im Erleben erstehen kann.

Nur eigenes Erleben führt zur Überzeugung!

Deshalb verlange in erster Linie jeder alles von sich selbst, bevor er von den anderen etwas erwartet.Leider ist es oft gerade umgekehrt.

Der in Freundschaft enttäuschte Mensch bleibt bei seiner gewonnenen Überzeugung, deren unbedingte Richtigkeit für ihn gilt, weil letztere die Folge seines frei gefaßten Entschlusses ist. Starr bleibt er dabei und verlangt vom’ Nebenmenschen, daß dieser sich bewege. Darin liegt Entwertung!

Wer aber von dem Nebenmenschen nichts, sondern von sich alles verlangt, steht im Schöpfungsgesetz der Liebe, hat Verständnis für den Irrenden, weil er den harten Weg der Selbsterkenntnis gegangen ist und deshalb auch die Kämpfe kennt, die ein jeder Sucher der Wahrheit gegen sich selbst auszufechten hat.

Der spiralförmige Weg der Selbsterkenntnis windet sich vom Erleben zur Überzeugung und von der Überzeugung zum Erleben bis zur steilen Höhe hinauf. Bei jeder gewonnenen Überzeugung besteht die große Gefahr, in der neuen Ebene verbleibend zu kreisen, wie es bei vielen Menschen zutrifft, die sich im Eigenkreisen von allem abschließen oder, Betäubung suchend, sich in den Strudel dunkler Strömungen stürzen. Sie bleiben durch ihr Eigenkreisen im Rückstand, weil alles schöpfungsgesetzmäßige, natürliche Bewegen des Erdenmenschengeistes nach vorwärts und nach aufwärts strebt.

Der spiralförmige Weg ist vergleichbar mit der spiralförmig verlaufenden Bahn in einer Schallplatte, auf welcher die schönsten Weisen aufgenommen wurden. Sie kommen zum Erklingen durch die Vermittlung eines Saphirs, welcher sich in der spiralförmigen Bahn gleichmäßig laufend bewegt. Bei dem Menschen kommen die in ihm ruhenden Fähigkeiten zur Betätigung und Entfaltung durch das Erwachen des Geistes, was durch Beeindruckungen von außen her erfolgt. Die Rolle des Saphirs übernimmt dann das Schicksal.

So wie die Weisen auf der Schallplatte nur erklingen, wenn der Saphir den normal spiralförmigen Weg durchläuft, so kann der Menschengeist seine Fähigkeiten erst dann richtig entfalten, wenn er in der Bewegung der schöpfungsgewollten Bahn kreist. Sonst verbleiben beide, dauernd kreisend, in der ersten Rille des Anlaufs, Beim Schallplattenspielen verursacht letzteres Geschehen ein unangenehmes Geräusch —- beim Menschen löst es eine ununterbrochene Anklage gegen das Schicksal aus.

Das Bild gibt ungefähr die Gefahren des Stehenbleibens bei einer gewonnenen Überzeugung wieder, wenn wir uns noch vergegenwärtigen, daß bei jedem erreichten neuen Kreis iti der Spirale eine tiefere Rille in dieselbe einmündet, ähnlich der Anlaufrille. Es bedarf eines eigenen starken Entschlusses, um der verlockenden Gelegenheit bequemen Ausruhens nicht nur die Stirne zu bieten, sondern um in dauernder spiralförmiger Bewegung dem weiteren Ziele zuzustreben. Das unangenehme Geräusch ist mit dem unaufhörlichen Verlangen vergleichbar, daß immer nur der andere sich zu ändern und zu bessern hat.

Dieses Eigenkreisen ist es, weiches die ganze Menschheit an den Abgrund getrieben hat. Angefangen bei dem Einzelmenschengeist, über die Ehe, Familie, Vereine, Gesellschaft, Parteien, Konfessionen, Nationen und Völker bis zu den Weltanschauungen läuft sich vieles in diesem Eigenkreisen des irdisch begrenzt bleibenden Menschenverstandes tot. Audi das Gute wird dadurch oft mitgerissen.

Nur das richtige Erleben, das Leben in den Gesetzen des Schöpfers führt von Stufe zu Stufe, von Überzeugung zu Überzeugung und mündet in der vollen Erkenntnis. Wenn nun noch das Erleben im freien Willen geschieht, hat der Mensch das Paradies auf Erden schon. Er lebt in der Erkenntnis und damit in wunderbarer Harmonie.

Beispiele zu dem hier Gesagten liefert das tägliche Leben in Hülle und Fülle. Nicht nur daß der betrogene Freund über den Ungetreuen herfällt, nicht nur dass eine Partei die andere unerbittlich bekämpft, selbst Glaubensbewegungen scheuen sich nicht, in Unduldsamkeit und Haß sich zu befehden.

Diese Tatsache zeigt, daß die Menschen den schöpfungsgewollten Weg zum Licht nicht aus freiem Willen heraus, nicht in jubelndem Dank int Herzen zu gehen fähig sind, welchen sie doch gehen müssen, wenn sie sich nicht verlieren wollen in der Finsternis. Und deshalb legen wechselwirkend in der Betätigung des Sinnes der Worte: „Was der Mensch säet, muß er ernten” die weisen und gerechten Schöpfungsgesetze im sogenannten Schicksal hartes Erleben auf jeden aus falschen Eigenwollen heraus erwählten Weg. Es zwingt, in größter Verzweiflung zu horchen der Stimme, die in jeglichem Ereignis des Tages mit eindringlicher Klarheit zu einem jeden spricht, ihm den Weg zum Lichte weist. Doch wir achten dieser Stimme die uns zu höherer Erkenntnis göttlicher Naturgesetze weisen will. Wir verirren uns infolgedessen von neuem in dem Gestrüpp selbstsüchtiger» beschränkter Lebensauffassungen irdischen Verstandesdünkels.

Nur das überzeugte Wissen der wirkenden Gesetze in der Schöpfung gibt den reinen Boden, auf welchem fruchttragend wahre Freundschaft gedeihen kann.

Ohne Umweg kann ein jeder dann den Weg zur Wahrheit beschreiten, wann und wo er will. Sucht er ehrlich nach ihr und lebt er in deren Lichte, so braucht er aber keine Freunde mehr, weil er selbst in der Wahrheit steht. Er strahlt Liebe aus und gibt sich darin selbst. Dieses Selbst-geben ist nichts anderes als ein Selbst-von- sich-loskommen, Sich-selbst-los-sein — also selbstlos sein. Dieses Kostbarste des Menschen betrifft nicht den Körper, sondern den Geist.

Viel leichter ist es, sein irdisches Blut für eine Sache einzusetzen! Der Mensch kann aus Überzeugung zum Fanatiker werden. Nicht selten geht er sogar als letzte Folgerung seiner Überzeugung in den Tod. Er braucht sich dabei nicht von Fehlern und Schwächen freizumachen. Er tritt, so wie er ist, für eine Sache ein. Er fühlt sich, so wie er ist, eins mit ihr. Das aber ist etwas ganz anderes, als selbstlos zu sein. Selbstlos sein setzt unbedingte Reinheit der Gedanken voraus, wahre Demut des Herzens, vollständige Überzeugung in die Gerechtigkeit des allweisen Schöpfers — alles Dinge, die zu erwerben größte Regsamkeit des Geistes sowie harte Selbstüberwindung fordern.

Das ganz allein bringt wahres Glück!

Alle anderen Wege sind Umwege, sind harte Wege, von denen wir in größtem Mühen die Hindernisse erst selbst wegräumen müssen, die wir leichtsinnig und frevelnd in der Verkennung der lebendigen Gottgesetze darauf häuften.

Und diejenigen, die ermattet, jammernd, sich selbst bedauernd liegen bleiben auf dem Wege, verschließen sich jeder Hilfe von oben. Sie versperren sich jeder Möglichkeit einer Rettung, weil sie durch ihr Beharren in den Folgen des Schicksalsschlages nur an sich selbst denken, über sich selbst grübeln und dadurch nicht mehr selbstlos werden können.

Hat aber der Mensch durch die Erkenntnis der Gottgesetze m der Schöpfung in sich den rechten Boden geschaffen, so kann er nicht nur wahre Freundschaft darauf erstehen lassen, sondern wird selbst zum brauchbaren Stein in dem Aufbau der ganzen Schöpfung. Er erfüllt dadurch seine Bestimmung, die in der Gnade des Seindürferns liegt. Alles, was aus der Hand des Schöpfers hervorging, wird ihm dann zum Freund. Er steht bewußt mit wachem Geist im Wunderwerke Gottes!

Die so geläuterte Menschheit gleicht dann einem riesigen Strahlenbündel, welches emporlodernd zu Gottes Füßen in Jubel und Danke flammt und welches wechselwirkend.jedem Einzelstrahle Kraft, Hilfe und Erkenntnis aus dem Lichtquell spendet. Da alle Strahlen nach dem hohen Ziele streben, nur noch reine Gedanken ins All zu senden, hat niemand mehr Zeit noch Grund, sich wie bisher mit seinem Nachbarn zu beschäftigen. Auch er bildet einen dem Lichte zu gerichteten, allen gleichlaufenden Strahl im gesamten Strahlenbündel. Jeder ist mit der Arbeit an der eigenen Entwicklung voll in Anspruch genommen, und gerade darin liegt für den Nächsten die große Liebe und folglich auch die wahre Freundschaft.

Jeder gibt sich, jeder strahlt das Hebende Leben aus und spornt dadurch schwächere Seelen an, es ihm gleich zu tun. Und wenn alle Menschengeister in diesem Strahlenbündel nur dem einen gemeinsamen Punkte: der Wahrheit in Gott zustreben, müssen sie audi wahre Freunde sein. Sie brauchen dann keinen schmerzenden Umweg mehr in seitlicher Richtung über das Vertrauen in die Mitmenschen zu gehen.

Kann es denn etwas Schöneres, kann es etwas Beglückenderes geben als das Wissen, daß wir alle selbst in uns den Schlüssel tragen, der uns das Reich des Friedens, ewiger Freundschaft und Glückseligkeit erschließt? Daß jeder Einzelne ihn verwenden darf, ja ihn verwenden soll?

Wenn wir aus dem Soll das Will erstehen lassen, um nicht durch Schläge entweder zum Muß gezwungen oder vernichtet werden zu müssen, so stehen wir im Willen Gottes, der uns die Wunder seiner Schöpfung im Empfangen erleben läßt.

Wir dürfen, können und wollen uns endlich auf uns selbst verlassen, unabhängig vom Nebenmenschen. Und der größte Triumph des Menschen über sich selbst liegt dabei im Verwirklichen des Satzes:

„Ich will rein werden!“

Die Hilfe dazu setzt schon bei diesem Gedanken ein, trägt dieser Gedanke bereits in sich.