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Зов к духу

 

Die Biographie von Oskar Ernst Bernhardt genannt Abd-ru-shin und seiner Familie

Geboren am 18. April 1875 in Bischofswerda/Sachsen

Gestorben 6. Dezember 1941 in Kipsdorf/Sachsen

Wirkstätte auf dem Vomperberg/Tirol (13.2.1928 – 12.3.1938)

Verfasser des Buches „Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft“

Der Geburtsort Bischofswerda

Um Christi Geburt Verschiedene Germanenstämme ziehen während der Völkerwanderwanderungszeit (100 – 500 n. Chr.) von Ost nach West und damit auch durch das Gebiet des heutigen Sachsens. Später rücken slawische Stämme nach.

Um 600 Slawische Sorben besiedeln die Anhöhe inmitten des unwirtlichen Sumpfgebietes. Daher der Name “Werda“. Er bedeutet im Mittelhochdeutschen ein “wasserumflossenes Land“ (vgl. Rheininsel Kaiserswerth bei Düsseldorf, Werder Bremen, Württemberg, Stadt Wörth bei Karlsruhe, Wörther See in Österreich usw.).

970 – 1076 Trans-Elbien (= das Land jenseits/östlich der Elbe) wird von Deutschen kolonisierrt. Der Ort gehört nun den Bischöfen von Meißen. Bischof Benno von Meißen und Graf von Waldenburg läßt die erste Kirche errichten. Daher der Name Bischofswerda.

1227 – Erste urkundliche Erwähnung von Bischofswerda

1361 – Bischofswerda wird zum ersten Male “Stadt“ genannt. Es muß zu diesem Zeitpunkt also bereits eine Stadtmauer mit Toren vorhanden gewesen sein.

Warum wurde Abd-ru-shin gerade in dem Städtchen Bischofswerda inkarniert?

Am 11.8.1940 machte Abd-ru-shin seinen letzten Besuch in der Stadt. Dabei erzählte er dem ihn begleitenden Ehepaar Wagner, daß Bischofswerda auf einem Granitsockel steht. Dessen Ausstrahlung in den Kosmos hinein ergibt eine Strahlungsbrücke, auf der ihn körperlich und seelisch helfende Kräfte erreichen können.

Warum wurde Abd-ru-shin ausgerechnet in die Familie Bernhardt inkarniert?

In den dreißiger Jahren wurde er wieder einmal von SS-Schergen damit gequält, daß er Jude sei. Weil ihn abtrünnige Grals-Anhänger diesbezüglich diffamiert hatten. Dabei sagte Abd-ru-shin diesen Dunkelmännern, daß man wohl kaum eine deutschere und christlichere Familie finden könne als die, aus der er stamme.

Warum hat Abd-ru-shin speziell den Vomperberg als seine Wirkstätte erkoren?

Bestimmt nicht deshalb, weil die Alpen so schön sind und das mittlere Unterinntal einen ganz besonderen landschaftlichen Reiz hat. Alte Grals-Anhänger haben überliefert, daß an dieser Stelle der Erde der Einstrahlungswinkel der Sterne genau so ausfällt, daß die Sternenstrahlungen für den irdischen Aufbau seiner Sache förderlich sind.

Geburtshaus “Gambrinus”

Der “Gambrinus”, das Geburtshaus Abd-ru-shins, ist eine Gaststätte. “Gambrinus” ist der Sage nach der Name eine slämischen (belgischen) Königs, der das Bier erfunden haben soll. Nach diesem Schutzpatron der Bierbrauer sind in Deutschland viele Gasthäuser benannt.

12. Mai 1813: Bischofswerda und auch der “Gambrinus” werden in den Freiheitskriegen von den Franzosen unter Napoléon geplündert und in Schutt und Asche gelegt (großer Stadtbrand).

1816/17: Der “Gambrinus” ist wieder aufgebaut.

1830: Abd-ru-shins Großmutter Christiane Schierz stammt aus einer Randgemeinde von Bischofswerda. Sie und der Zimmermann Friedrich Heinrich Mittag aus Goldbach (in der Nähe von Bischofswerda) heiraten. Sie bringt (vermutlich) den “Gambrinus” in die Ehe mit ein.

1834: Im Steuerregister ist Christiane Mittag als “Hausbesitzerin” und Heinrich Mittag als “Schankwirth” eingetragen.

28.11.1836: Der Vater Abd-ru-shins, (Clemens) Theodor Bernhardt, wird in Königsbrück, etwa 40 km nordwestlich von Bischofswerda, geboren. Er ergreift später den Beruf des Weißgerbergesellen.

12.09.1839: Nach wahrscheinlich zwei Söhnen wird dem Ehepaar Mittag die Mutter Abd-ru-shins, Tochter Emma Theresia, geboren. Rufname wird “Therese”.

Im August 1859: Therese Mittag und Theodor Bernhardt heiraten in der ev.-luth. Christuskirche in Bischofswerda.

April 1862: Heinrich Mittag stirbt. Theodor Bernhardt arbeitet als Wirt bei seiner Schwiegermutter im “Gambrinus”. Da die Wohnräume im Gambrinus mit Schwiegermutter, Familie und Personal besetzt sind, wohnt er woanders. Das Ehepaar Bernhardt hat drei Kinder, als Ältester Theodor Clemens; es folgt eine Tochter und 1866 Sohn Alwin, die Geschwister Abd-ru-shins.

1869: Großmutter Christiane Mittag verstirbt. Das Ehepaar Bernhardt erbt den “Gambrinus”. Man wohnt und arbeitet jetzt dort.

18.04.1875, ca. 13.30 Uhr: Abd-ru-shin wird in Bischofswerda/Sachsen im elterlichen Gasthof “Gambrinus”, Kirchstraße 10, geboren. Seine Mutter ist bei der Geburt 36 Jahre alt. Er wird das spätgeborene Nesthäkchen. Seine Kindheit und Jugendjahre sind sonnig und behütet.

07.05.1875: Abd-ru-shin wird in Bischofswerda in der evangelisch-lutherischen Christus-Kirche auf den Namen Oskar Ernst getauft.

Schulausbildung: Abd-ru-shin besucht (vermutlich) einige Jahre die Grundschule (=”2. Bürgerschule”); darauf aufbauend 6 Jahre die Mittelschule (= “1.Bürgerschule”); dann 3 Jahre Handelsschule (Fächer: Deutsch, Englisch, Handelskorrespondenz, Stenographie, Buchführung).

1882: Theodor Bernhardt verzieht mit seiner Familie (vermutlich) in die Wagnergasse 2.

17.08.1887: Frau Maria Bernhardt wird im evangelischen Krankenhaus St. Jakob in Leipzig geboren. Ihre Eltern sind Friedrich Robert Taubert und seine Frau Auguste, geborene Bärwolf.

19.12.1887: Taufe von Frau Maria in der evangelisch-lutherischen St. Petri Kirche auf den Namen Marie Alma. Ihre Mutter stirbt im Kindbett, zwei Wochen nach der Geburt. Die kleine Maria wird in Schweta bei Mügeln von dem Pfarrer-Ehepaar Ernst Oswald Leberecht Kauffer und seiner Frau Hedwig Pauline, geborene Leue, aufgenommen und mit sechs Jahren adoptiert. Sie ist musikalisch hochbegabt (Klavier, Gesang).

1892 Schulabschluß: Abd-ru-shin will die Universität besuchen, um Seelsorger zu werden. Seine Mutter ist strikt dagegen. Auf ihren Wunsch hin absolviert Abd-ru-shin eine dreijährige kaufmännische Lehre bei der renommierten Bischofswerdaer “Kolonial Großhandels Firma C. L. Huste & Sohn” in der Dresdener Straße. Anschließend arbeitet er dort zwei Jahre als Angestellter bis 1897.

1893: Theodor Bernhardt gibt seinen Beruf als Wirt auf (wegen Gesundheit/kein Nachfolger?) und verkauft den “Gambrinus” an den Nachbarn aus der Kirchgasse 2, den Metzgermeister Paul Gille. Umfangreiche Umbauten werden durchgeführt, z.B. der Durchbruch zwischen den Häusern Kirchgasse 10 und 2 auf Erdgeschoßebene. Der “Gambrinus” erhält seine endgültige Struktur. Das Geburtszimmer Abd-ru-shins allerdings hat seine Form von 1875 behalten.

28. Oktober 1894: Abd-ru-shins Vater Theodor Bernhardt verstirbt.

1897: Abd-ru-shin verzieht nach Dresden in die Rosenstraße 35. Er arbeitet zunächst als Angestellter der Firma “Roeser Metallwaren Grosso-Geschäft” in der Güterbahnhofstraße 5 (= Parallelstraße zur Rosenstraße) und wird nach einigen Monaten dort Teilhaber.

1897: Vermutlich besucht Abd-ru-shin mit seinem Bruder Alwin einen Tanzkurs und lernt dort ein Mädchen aus großbürgerlichen Verhältnissen kennen: Susanna Auguste Martha Oeser, geboren 21.12.1871 in Dresden.

10.07.1897: Abd-ru-shin und Susanna Auguste Martha Oeser heiraten.

1898: Abd-ru-shin übernimmt den Mineralwasser-Generalvertrieb für ganz Sachsen der Firma “Sauerbrunnen Klösterle” bei Karlstadt (Tschechien?), was sich über Jahre als florierendes Geschäft erweist.

1898: Der Firmeninhaber der Firma Roeser scheidet aus und Abd-ru-shin wird Alleininhaber. Abd-ru-shin verzieht in die Holbeinstraße 67.

1898/1899: Abd-ru-shins Firma erweist sich im nachhinein als marode und ist nicht zu sanieren. Sie geht in Konkurs.

1899: Sohn Herbert wird geboren.

1899: Abd-ru-shin beteiligt sich an einem Handelsgeschäft “Hospotar”. Auch dieses erweist sich als marode. Um die eingebrachten Hypotheken nicht zu verlieren, muß er die Firma übernehmen. Sie ist trotzdem nicht zu retten und Abd-ru-shin muß sie 1901 unter Verlust liquidieren.

Frühjahr 1900: Abd-ru-shins Ehe zerrüttet sich. Insbesondere durch die ständige Anwesenheit der Schwiegermutter, was zu täglichen Auseinandersetzungen führt. Abd-ru-shin will die Trennung herbeiführen, indem er seine Familie verläßt. Ganz Gentleman will er auf diese Weise die Schuld auf sich nehmen mit allen finanziellen Folgen und einen Scheidungsgrund wegen “böswilligen Verlassens” geben. Er überläßt seiner Frau Geschäft und Besitz und begibt sich auf eine Reise nach Kleinasien (=Türkei).

1900: Abd-ru-shin regelt die geschäftlichen Angelegenheiten, damit alles während seiner Abwesenheit problemlos weiterlaufen kann Er nimmt und unterzeichnet zwei Wechsel über je 1000 Mark zu 20% für anstehende Geschäftsabwicklungen auf. Diese Wechsel sind gesichert durch den Warenbestand, fällige Geschäftsaußenstände und eine Hypothek der “Sauerbrunnen Klösterle”. Trotzdem fordern die Wechselgläubiger weitere Sicherheiten: Abd-ru-shin verpfändet einige wertvolle Möbelstücke, die seine Frau als Hochzeitsgeschenk der Mutter mit in die Ehe gebracht hat.

1900: Der deutsche Generalkonsul in Konstantinopel (= Istanbul) verschafft ihm einen Paß

für die türkischen Staaten. Das osmanische (= türkische) Reich erstreckt sich damals bis

nach Bagdad, Jerusalem und Kairo. Über diese Reise will er ein Buch schreiben. Denn er

will beruflich vom Kaufmann zum Schriftsteller erwechseln.

04.12.1901 und 02.02.1902: Dresdener Prozesse: Abd-ru-shin wird unschuldig zu 13 Monate Haft wegen Betrugs verurteilt und sitzt die Strafe an einem Stück ab.

Die Dresdener Prozesse vom 04.12.1901 und 02.02.1902: Auf seiner Rückreise aus Kleinasien wird Abd-ru-shin in Izmir (= das antike Ephesus) infolge Quarantäne wegen des Ausbruchs der Pest festgehalten. Inzwischen werden aber die zwei Wechsel fällig. Die Außenstände gehen nicht ein. Die Firma “Sauerbrunnen Klösterle” geht Konkurs und somit seine Hypothek verloren. Die sehr vermögende Schwiegermutter deklarierte die verpfändeten Möbel als ihr Eigentum, um die Wechselgläubiger zum Warten zu bewegen, anstatt selbst die 2000 Mark vorzustrecken, was ihr problemlos wegen ihres Reichtums möglich wäre. Aber um an die um vielfaches wertvolleren Möbel zu kommen, erstatten die beiden Wechselgläubiger Anzeige gegen Abd-ru-shin wegen Betrugs, er habe sich betrügerisch als Eigentümer der Möbel ausgegeben. Abd-ru-shins Frau Martha hält zu ihrer Mutter und nicht zu ihrem Ehemann, und klärt diesen Sachverhalt deshalb nicht auf. Der Staatsanwalt erläßt sofort Haftbefehl, weil sich Abd-ru-shin im Ausland aufhält. Bei seiner Rückkehr wird er somit an der deutschen Grenze verhaftet.

Abd-ru-shin nimmt an, die Schwiegermutter habe die Möbel-Lüge unter Eid ausgesagt. Um sie nicht des Meineides schuldig werden zu lassen (= was mit Kerker bestraft würde) und weil seine Frau sehr an ihrer Mutter hängt, nimmt er alles auf sich. Bei der Verhandlung bleibt die Schwiegermutter weiter bei ihrer Behauptung, sie sei die Möbel-Eigentümerin, und seine Frau schweigt sich aus. Verurteilung zu 5 Monaten Haft wegen Betrugs durch das Dresdener Landgericht.

Das Urteil bezieht sich aber nur auf die Anzeige eines der Wechselgläubigers. Die Anzeige des anderen Wechselgläubigers wird getrennt verhandelt. Und da wegen des Urteils in der vorherigen Verhandlung eine “Vorstrafe” vorhanden ist, lautet das Urteil am 02.02.1902 auf 8 Monate Haft. Eine unerhörte Rechtsbeugung. Von zwei getrennten Fällen sowie einer Vorstrafe kann überhaupt keine Rede sein.

Abd-ru-shin wird unschuldig zu insgesamt 13 Monaten Haft wegen Betrugs verurteilt und sitzt sie an einem Stück ab. Diese Angelegenheit wird später von seinen Gegnern oft als “Beweis” seiner betrügerischen Absichten angeführt. Nachdem seine Frau Martha die Schlammschlachten der Feinde ihres Mannes miterleben muß, sieht sie ein, was sie durch

ihren Fehler angerichtet hat. Um wieder wenigstens ein bißchen gutzumachen, gibt sie am 29. Oktober 1951 folgende notariell beglaubigte Erklärung ab:

Erklärung:

Ich, Frau Martha Bernhardt geb. Oeser bin geb. am 21.12.71 in Dresden und z.Zt. wohnhaft in Wackersberg-Bach 135 Post: Bad Tölz. Ich war mit Herrn Oskar Ernst Bernhardt, der am 6. Dez. 1941 verstarb, von 1897 – 1924 verheiratet. Die Ehe wurde geschieden. Ich bin im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte. Folgende Tatsachen sind mir aus eigener Kenntnis bekannt: Im Jahre 1900 benötigte Herr Bernhardt, der damals ein eigenes, gutgehendes Geschäft besaß, für dieses Geschäft zur Durchführung eines günstigen Einkaufs zweitausend Mark, welche er selbst nicht aufbringen konnte, weil sein eigenes Geld zu diesem Zeitpunkt in Waren festgelegt war.

Im Hinblick auf den Wert des vorhandenen eigenen Warenlagers der den Wert des Darlehens weit überstieg, hatte Herr Bernhardt keine Bedenken, für die eigene, nur als Überbrückung gedachte Darlehensschuld von zweitausend Mark zwei Wechsel zu geben. Die Wechsel lauteten über je eintausendzweihundert Mark und enthielten die Zinsen mit.

Die beiden Kreditgeber veranlaßten darüberhinaus Herrn Bernhardt, ihnen noch wertvolle Möbelstücke als Sicherheit zu verpfänden bzw. zu übereignen. Diese Möbelstücke hatte ich bei meiner Verheiratung mit Herrn Bernhardt von meiner Mutter Frau Auguste Hamann, geb. Rosenkranz geb. am 16.08.1846 in Pulsnitz, damals wohnhaft in Dresden, als Aussteuer erhalten und in die Ehe eingebracht. Wir hatten keine Gütertrennung vereinbart.

Mein Mann, Herr Bernhardt, war also befugt, über die Möbel zu verfügen. Er glaubte dies um so ruhiger tun zu können, als er annehmen mußte, daß die gegebene Sicherung bei den vorhandenen eigenen Außenständen nicht in Anspruch genommen würde. Im Verfolg seiner damals beginnenden schriftstellerischen Tätigkeit trat Herr Bernhardt bald darauf eine größere Auslandsreise an. Er regelte zuvor seine geschäftlichen Angelegenheiten und machte seine Angehörigen ausdrücklich auf die Fälligkeit der beiden noch laufenden Wechsel aufmerksam, sowie auf die Hereinholung seiner reichlichen Außenstände.

Unvorhergesehenerweise bezahlten nun einige Kunden von Herrn Bernhardt ihre Schulden so schleppend, daß die Wechsel bei Fälligkeit nicht eingelöst werden konnten. Die beiden Wechselgläubiger nahmen darauf die Möbel in Anspruch. Meine Mutter schritt nun zur Intervention bei Gericht mit der Behauptung, die Möbel seien ihr Eigentum. Meine Mutter selbst dachte nur daran, die Möbel zu retten, ohne sich beraten zu lassen, daß genug andere Möglichkeiten bestanden. Denn sie hätte die Wechsel ohne Schwierigkeiten kurzer Hand aus ihrem eigenen Vermögen einlösen können. Stattdessen wählte sie – von anderer Seite falsch beraten – den Weg der unwahren Behauptung, daß die Möbel ihr gehörten. Sie benutzte dazu die Einkaufsrechnungen für diese Möbel, die auf ihren Namen lauteten. Sie verschwieg, daß sie diese Möbel mir als ihrer Tochter mit in die Ehe gegeben hat, also mir geschenkt hatte. Ihr Plan, die Wechselgläubiger dadurch bis zur Rückkehr des Herrn Bernhardt und der Schuldenregelung durch ihn selbst hinhalten zu können, mißlang. Aufgrund der Angabe meiner Mutter leitete die Staatsanwaltschaft Dresden gegen Herrn Bernhardt sofort das Verfahren wegen Betrugs ein und erließ Haftbefehl gegen ihn, weil er sich auf Reisen befand. Als Herr Bernhardt von seiner Reise zurückkehrte, wurde er sofort an der Grenze verhaftet. Da er die Gründe, weshalb meine Mutter die falsche Angabe im Zivilprozeß gemacht hatte, nicht kannte, schwieg Herr Bernhardt bei seinen Vernehmungen und ließ sich verurteilen, um meine Mutter zu schonen, von der er vermuten konnte und mußte, daß sie sich durch unwahre Angaben strafbar gemacht haben könnte.

So wurde Herr Bernhardt zu Gefängnisstrafe verurteilt, nur weil er meine Mutter vor einer Bestrafung hatte retten wollen. Herr Bernhardt ließ die Dinge stillschweigend auf sich beruhen, auch als er die Strafe verbüßt hatte. Er bezahlte nach seiner Haftentlassung die Wechselschulden in kürzester Zeit, ohne jemals in dieser Sache an meine Mutter heranzutreten. Ich sehe, welche Folgen die Verurteilung heute noch für das Lebenswerk des Herrn Bernhardt – lange nach seinem Tode – hat, nachdem Übelwollende versuchen, ihn daraus der Begehung von “Verbrechen” zu verdächtigen, um seine Persönlichkeit herabzusetzen. Es drängt mich deshalb, hiermit zu bekunden, daß Herr Bernhardt nur aus selbstlosem Edelmut die Strafe auf sich nahm, um meine Mutter nicht belasten zu müssen.

Irgendwelche persönlichen oder materiellen Rechte an den Werken meines ehemaligen Mannes habe ich nicht! Ich gebe dieses Zeugnis ab aus eigener Kenntnis der geschilderten Vorgänge und Verhältnisse. Es enthält die Tatsachen so, wie ich sie miterlebt habe, in voller Wahrheit.

Ich gebe es ab in voller Freiheit und frei von jedem Zwang außer dem meines Gewissens, das mich treibt, die Wahrheit über die Strafe des Herrn Bernhardt vor der Öffentlichkeit zu bekunden.

Ich bin ausdrücklich damit einverstanden, daß diese meine Erklärung auch Behörden vorgelegt und jederzeit der Öffentlichkeit übergeben werden darf. Ich lege dieselben zur freien Verfügung in die Hände von Frau Maria Bernhardt, geb. 17.8.1887 wohnhaft z.Zt. in Vomperberg Post Vomp bei Schwaz in Tirol, und deren eventuellen Erben. Ich bin auch bereit diese Erklärung an Eides statt zu wiederholen!

Bad Tölz, den 29. Oktober 1951

(Unterschrift)

(Martha Bernhardt) Nr. 1443.

Die Echtheit der vorstehenden, vor mir vollzogenen Unterschrift der Frau Martha Bernhardt, Schriftstellerswitwe in Wackersberg-Bach 135, ausgewiesen zur Person durch Vorlage ihres Deutschen Reisepasses Nr. 299 des Landratsamtes Bad Tölz, ausgestellt am 17. Mai 1951, beglaubige ich hiermit. Bad Tölz, den 19. Oktober 1951

(Unterschrift)

(Dr. Langecker)

amtlich bestellteR Vertreter des Notars

Dr. Carl Lacherbauer

(Kostenrechnung 4, 16 Mark usw.)

1903: Abd-ru-shin arbeitet als Buchhalter (Buchprüfungen), zuletzt bei der Firma “Fabian, Selterswasserfabrik”. Gegen Ende des Jahres tritt er in Zürich / Schweiz als verantwortlicher Buchhalter in das Architekturbüro “Stotz & Held” ein. Er verzieht mit seiner Familie nach Zürich in die Aegertenstrasse 10. Er erwirbt die volle nerkennung und Wertschätzung seiner Arbeitgeber. Nebenbei arbeitet er weiter an seiner Karriere als Schriftsteller. Er veröffentlicht kleinere Reiseberichte in Tageszeitungen.

18.11.1903: Herbert Vollmann, der Schwiegersohn Abd-ru-shins, wird in Altena bei Lüdenscheid (Nordrhein-Westfalen) geboren. Nach 1903 Abd-ru-shin gehört dem “Verband deutscher Bühnenschriftsteller” an.

April 1905: Abd-ru-shin tritt gegen Kaution in das Orient-Import-Geschäft “Merkur-AG” in Bern ein und übernimmt die angebotene Direktorenstelle. Er verzieht mit seiner Familie nach Bern. Im Februar 1906 verläßt er dieses Geschäft wieder.

Juli 1906: Abd-ru-shin beteiligt sich an der Gründung der “Orientwaren & Importhaus Neptun” Aktiengesellschaft. Bereits im Dezember wird er vom Verwaltungsrat der Gesellschaft, angeleitet durch den Mitbegründer und Präsidenten der Gesellschaft, den russischen Baron de Frye hinauskomplimentiert. Im Mai 1907 muß die “Neptun”-AG Konkurs anmelden, so daß sein eingebrachtes Kapital verloren geht.

1906: Abd-ru-shin veröffentlicht sein erstes Buch “Aus fernen Landen” (Reisebeschreibungen) in einem Berner Verlag.

29. Mai 1907: Tochter Edith wird in Bern geboren.

1907: Abd-ru-shin zieht sich eine schwere Brustfellentzündung zu. Auf ärztlichen Rat verzieht er in das klimatisch wesentlich mildere Mainz. Ein Jahr später verzieht er dort in die Taunusstraße 33 am Rhein. Abd-ru-shin reist viel innerhalb Deutschlands (Hamburg, Berlin, München) sowie nach Wien und Budapest. In Mainz ist ein bekannter und anerkannter Schriftsteller.

Abd-ru-shins literarisches Werk: Abd-ru-shin will nach seiner Schulausbildung auf die Universität gehen, Theologie studieren und dann evangelischer Seelsorger werden. Das entspricht seiner großen Liebe zu den Menschen am besten. Doch seine Mutter lehnt dieses Ansinnen strikt ab. Abd-ru-shin wird auf ihren Wunsch hin Kaufmann, was er durchaus nicht ungern macht. Dieser Beruf bringt ihm zudem einen großen Vorteil: Er lernt das Leben ausgiebig und in allen Spielarten kennen. Später ist ihm aufgrund eigener, intensiver Erfahrung nichts mehr fremd, was den Menschen in seinem Leben so alles bewegt. Dazu kommen die vielen, weiten Reisen, die ihn zu einem welterfahrenen Mann machten, gemäß dem Goethe-Wort: “Reisen bildet den intelligenten Menschen”.

Abd-ru-shin fängt mit 25 Jahren an zu schriftstellern und wird schließlich ein bekannter Bühnenautor mit großem Renommee und beachtlichem finanziellen Erfolg. Auf diese Weise lernt er das Handwerk des Bücherschreibens von der Pike auf bis zur Perfektion. Zudem wird er als Autor von Reisebeschreibungen dazu geschult, den Alltag der Menschen genau zu beobachten und mit seinen großen und kleinen Sorgen, aber auch seinen großen und kleinen Freuden zu ergründen und zu verstehen. Abd-ru-shin ist gerne Kaufmann. Nachdem er jedoch diesen Beruf aufgegeben und sich der Schriftstellerei zugewandt hat, erwacht in ihm ein ungeheurer Schaffensdrang.

Er schreibt umfangreiche Reiserzählungen. Es folgen Novellen und Romane. Und er schreibt Schauspiele. Das Theater scheint ihm als unmittelbarer Spiegel menschlichen Lebens und Handelns am meisten zuzusagen. Denn er will dem Menschen aus dessen selbst verursachter inneren Not heraushelfen. Dieser Anspruch ist bei ihm aus der Liebe geboren, die das Leid der anderen heilen will. Und so liegt ihm die Besserung des Menschen am Herzen. Sein Heilmittel für die Wunden der Welt ist die Erklärung der menschlichen Irrtümer. Und damit die Besserung der Welt von Grund auf, weil das Falsche des Menschen die “letzte = erste Ursache” allen irdischen Übels ist. Deren Erkenntnis sich jeder Mensch aber selbst erarbeiten muß. Um hierfür eine liebevolle Hilfestellung zu geben, scheint Abd-ru-shin auf der Bühne das Miterleben-Lassen des Zuschauers der menschlichen Fehlentwicklungen das geeignete Mittel zu sein. Der “mit-leidende” Zuschauer kann am besten aus eigener Erfahrung und eigenem Erleben heraus zur Erkenntnis seiner eigenen Irrtümer kommen. Wie in der Goethe’schen Katharsis von “Iphigenie auf Tauris”. Deshalb sagt ihm das Theater sehr zu, und deshalb gibt er in seinen Stücken ausgefeilte Regie- Anweisungen, die die Erlebnisfähigkeit des Zuschauers noch weiter steigern, deren perfekte Durchführung aber erst mit den Mitteln des moderne Films gelingen wird (Trick; weitere Steigerung durch Computer-Animation). Seine Arbeit trägt nicht nur literarische Früchte in Form eines wachsenden Renommees als Buch- und Bühnenautor, sondern auch wirtschaftliche. Die Jahre in Mainz bescheren ihm Uraufführungen einiger seiner Werke am dortigen Stadttheater, wie auch in anderen Städten. Dazu gesellt sich eine rege Vortragstätigkeit, verbunden mit ausgedehnten Reisen. Was die finanziell günstige Entwicklung weiter voranbringt.

17.09.1907: Frau Maria heiratet den Kaufmann Karl Philipp August Freyer aus Kötzschenbroda. Aus dieser Ehe gehen ihre drei Kinder Irmingard, Alexander und Elisabeth hervor.

Abd-ru-shins wichtigste Werke:

1906: Aus fernen Landen – Reiseerlebnisse und Erzählungen, Band I, II

1908: Die Armspange. Anita. Zwei Novellen

Unter fremden Völkern. Roman

Soll und Haben. Drama

1909: Die Bajadere. Drama

Des Harems Perle. Roman

Der Haremsfürst oder das Geheimnis der Mädchenhändler. Roman

Der indische Fakir. Drama

Salonbriganten. Drama

Sin patria (Der Heimatlose). Schauspiel in vier Aufzügen Preisgekrönt. Roman

Rhada. Novelle

1911: Der Deserteur. Drama.

In Zusammenarbeit mit Cl. Schott Im Banne der Fakire. Roman

Der Preisgekrönte. Farce,

Schwank Unter schwerem Verdacht. Roman

1913: Freiwild. Schauspiel

1917: Erdenbann. Lustspiel

1918: Der Abenteurer. Schauspiel

Narrengold. Lustspiel

1919: Die indische Vestalin. Schauspiel

Verfemt. Schauspiel

1920: Der flammende Stern. Schauspiel

Der Skorpion. Schauspiel

Das Tal des Unsichtbaren. Filmschauspiel = Der verlorene Weg Film-Romane: Lady Hamilton (nach Alexandre Dumas, Vater); Die Brüder Karamasow, Raskolnikow, Schuld und Sühne (nach Dostojewskij);

1921: Dämon Phantasie. Schauspiel

1922: Diamanten. Bühnen-Manuskript

Erdenbann (Drucklegung in Buchform)

Abd-ru-shin schreibt nicht nur unter seinem bürgerlichen Namen Oskar Ernst Bernhardt. Er benütz auch Pseudonyme wie Kurt Valkenau, Braunfels, O. Sund)

1908: Abd-ru-shin gibt als nächstes ein umfangreiches Buch mit Reiseerzählungen in Romanform heraus.

07.09.1908: Irmingard Bernhardt, geborene Freyer, wird in Kötzschenbroda (heute Radebeul, ein Vorort von Dresden) geboren. Sie wird später Verlagslektorin. Mit dieser Ausbildung ist sie dazu prädestiniert, Abd-ru-shin beim Schreiben seiner Gralsbotschaft zu unterstützen.

November 1909: Abd-ru-shin verzieht nach Kassel. Ursprünglich will er nach Berlin, in das Mekka der deutschen Literaten, ziehen.

November 1909: Berner Prozeß Abd-ru-shin wird mit zwei weiteren ehemaligen Miteigentümern der “Neptun”-AG vor dem Assisenhof in Bern wegen leichtsinnigen Konkurses und Betrugs angeklagt. Weil er der Verhandlung fern bleibt, kann alle Schuld auf ihn geschoben werden. Am 4.12.1909 wird er, obwohl völlig unschuldig, zu vier Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Er braucht diese Haftstrafe aber nie abzusitzen.

Der Berner Prozeß:

Bei einem Besuch in Bern wird er wegen dieser Anklage für einige Tage verhaftet und verhört. Später in Mainz läßt ihn die Berner Justiz erneut von der Mainzer Polizei verhören. Damit glaubt Abd-ru-shin, die Sache sei für ihn erledigt. Er verzieht nach Kassel, wo ihn 1909 die Vorladung zum Prozeß nach Bern erreicht. Er folgt ihr nicht und läßt sich auch nicht anwaltschaftlich vertreten, weil er die juristische Bedeutung der Vorladung völlig verkennt.

Das schafft Gelegenheit, ihn unschuldig als in vollem Maße schuldig zu sprechen und zu vier Jahren Freiheitsentzug zu verurteilen. Abd-ru-shin beachtet auch das Urteil nicht. Die Sache verläuft, aus welchem Grund auch immer, im Sande. Aber weil der Berner Prozeß ab 1935 von ehemaligen Anhängern Abd-ru-shins dazu benutzt wird, ihn in der Presse zu beschmutzen, gibt Abd-ru-shin dann folgende klärende Darstellung ab:

“Ein Baron de Firks (vermutlich ein Nachkomme von niederländischen Emigranten, wie beispielsweise auch die Goldschmiedefamilie Fabergés), ein Russe, gründete in Bern, wo ich damals wohnte, eine Aktiengesellschaft und veranlaßte mich seinerzeit, mich mit 5000 Franken daran zu beteiligen und im Anfang die Gesellschaft zu vertreten. Er versprach mir gute Einnahmen.

Ich schenkte seinen Angaben guten Glauben, da ich ihn für sehr tüchtig hielt und auch für zuverlässig. Sein Onkel war seinerzeit Minister in Rußland. Er hatte mich vorher schon bewegen wollen, bei der Gründung von Zigaretten-Fabriken in Rußland mich als Direktor zu verpflichten, was seiner Meinung nach nur eine Formsache sein sollte. Ich sollte nur den Namen dazu hergeben, da das Geld durch seinen Onkel vorhanden wäre, der sich still daran beteiligen wollte, weil später Monopol kommen würde, wobei das russische Reich die Fabriken aufkaufen müßte.

Dieses Drängen lehnte ich aber entschieden ab, da ich für solche Dinge kein Interesse hatte. Es hätte mich aber warnen sollen, vorsichtiger zu sein. Ich vertraute ihm jedoch, weil ich ihn schon seit mehr als einem Jahr kannte und er fast täglich in meiner Wohnung verkehrte.

Seinen Angaben ohne Bedenken glaubend, veranlaßte ich eine Bank in Zürich, für mich die 5000 Franken einzuzahlen, was diese auch tat und gerichtlich bestätigt hat. Heute entsinne ich mich, daß ich die Eröffnungsbilanz nach den Angaben des Barons geschrieben habe und nach einigen Monaten dann zurücktrat, wieder auf Veranlassung des Barons hin, dessen Wirken ich heute in einem ganz anderen Licht sehe.

Damals vertraute ich ihm voll. Ich hatte mir eine schwere Brustfellentzündung zugezogen und sollte auf Anraten des Arztes in ein milderes Klima für einige Zeit. Er schlug Korfu vor. Das war mir jedoch zu kostspielig und ich reiste für einige Wochen an den Rhein, nach Mainz.

Da ich bereits als freier Schriftsteller arbeitete und mein im ersten Weltkrieg gefallener Sohn das Alter erreicht hatte, das Gymnasium zu besuchen, entschloß ich mich, in Mainz, wo es mir gut gefiel und das Gymnasium einen guten Ruf hatte, eine Wohnung zu suchen, um die Familie nachkommen zu lassen.

Ich fuhr nach sechs Wochen noch einmal nach Bern zurück und wurde dort verhaftet, aber nach einigen Tagen wieder entlassen. Ich fuhr nach Mainz zurück, wo ich ja selbst schon wohnte und arbeitete und ließ dann später auch die Familie nachkommen. Einmal noch gab ich auf Aufforderung hin bei einem Polizeikommissar in Mainz eine Erklärung ab über die 5000 Franken, die die Schweizer Bank für mich eingezahlt hatte, soweit ich diese Erklärung geben konnte, und erhielt dann viel später eine Aufforderung (1909 im neuen Wohnort Kassel), bei der Verhandlung zu erscheinen. Da ich der ganzen Sache keinen besonderen Wert beimaß, nahm ich weder einen Anwalt noch reiste ich zu dem angegebenen Termin. Die vorausgegangene, wenn auch kurze Verhaftung bei meiner ersten Reise hatte kein besonderes Vertrauen zu der Gerichtsbarkeit erweckt. Ich war auch gerade dabei, einen Roman zu schreiben, zu dem ich bereits vertraglich verpflichtet war.

Möglich, daß bei meiner Abwesenheit der Baron damals alles auf mich abgewälzt hat, soweit er konnte, vielleicht in dem Glauben, daß es mir nicht weiter schaden kann. Wenn er jedoch wirklich keine reinen Absichten gehabt haben sollte, dann hatte er wohl auch alles dazu sorgfältig vorbereitet; denn ich überließ mich seinerzeit vielleicht allzu willig seinen Anleitungen und Angaben, die aber in kaufmännischer Beziehung korrekt waren, soweit ich es überschauen konnte, und irgendeine Fälschung ist vollkommen ausgeschlossen.

Anderes vermochte ich nicht zu beurteilen. Dazu kam jedenfalls noch, daß ich als “vorbestraft” galt und daß deshalb von vornherein alles entsprechend ausgelegt wird; denn diese erste Angelegenheit verfolgt mich ja schon seit nahezu 35 Jahren und es wird von Neidern oder solchen, die irgendwelche Vorteile für sich erzwingen wollen oder sich an mir zu ärgern wähnen, nur zu gern angewendet.

Soweit meine Erinnerungen. Dazu kam noch, daß der Baron de Firks einen Wechsel mit der Unterschrift Abd-ru-shins fälschte, und dann platzen ließ, was diesem ebenfalls zur Last gelegt wurde. Wegen der persönlichen Beschmutzung Abd-ru-shins aufgrund des Berner Prozesses wäre es am sinnvollsten gewesen, eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu veranlassen. Das ging aber nicht, da die Beteiligten inzwischen verstorben waren. Deshalb wurde 1960 ein Professor der Rechtswissenschaft an der Berner Universität, Dr. Max Waiblinger, beauftragt, ein Gutachten über das damalige Schwurgerichtsverfahren abzugeben. Er war einer der wenigen Kenner des alten bernischen Rechts. Bei sorgfältiger Würdigung des gesamten, in den Akten niedergelegten Tatsachen- und Beweismaterials gelangte der Begutachter zu dem Schluß, daß Abd-ru-shin in allen Punkten der Anklage nicht schuldig war. Abd-ru-shin, der des Betruges angeklagt gewesen ist, war selbst ein Opfer von Betrügereien.

Dieses Gutachten wurde als beglaubigte Kopie den Akten zum Prozeß im Berner Staatsarchiv hinzugefügt und das gesamte Material verschlossen und plombiert. Infolge dieses Gutachtens hörte die Polemik in der Sache auf, und in der einschlägigen Literatur wird auf diese Prozesse nicht mehr Bezug genommen.

24.07.1911: Herr Alexander Bernhardt, geborener Freyer, wird in Kötzschenbroda (heute Radebeul, ein Vorort von Dresden) geboren.

April 1912: Abd-ru-shin verzieht nach Regensburg, wo die Schwester seiner Frau wohnt, zu der gute Beziehungen bestehen. Im September 1912 kommen Frau und Kinder nach.

Noch 1912: Abd-ru-shin in New-York Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit wird er bei einer Arbeitsgemeinschaft von Anwälten namens “Styx” tätig, die sich um die Resozialisierung von Verbrechern bemüht.

20.07.1912: Elisabeth (Elisabeth-Maria, “Marlies”) Bernhardt, geborene Freyer, wird in Kötzschenbroda (heute Radebeul, ein Vorort von Dresden) geboren. Sie heiratet später auf dem Vomperberg Herbert Vollmann.

1913: Abd-ru-shin reist nach London.

1915: Abd-ru-shin wird als Deutscher von der “special police” verhaftet. Er wird auf die “Isle of Man” (in der irischen See zwischen England und Irland) in das Internierungslager “Camp Knockaloe” bei Peel geschafft.

1917: Abd-ru-shins Mutter Therese stirbt in Döbeln/Sachsen.

1918: Abd-ru-shins Sohn Herbert fällt wenige Wochen vor Kriegsende in Frankreich (11.11.1918 Waffenstillstand).

1919: Abd-ru-shin kann das Camp verlassen und kehrt nach Deutschland zurück, nachdem am 18.06.1919 der sog. “Friedensvertrag” von Versailles geschlossen wird. Abd-ru-shins Frau verzieht mit der Tochter nach Dresden. Abd-ru-shin findet sie schließlich dort. Die schlimmen Erlebnisse des Ersten Weltkrieges sowie die 7 Jahre Trennung haben eine Entfremdung zwischen den beiden bewirkt, die nicht mehr zu überbrücken geht. Sie trennen sich.

13.03.1918: August Freyer, der Mann von Frau Maria, stirbt im Kriegslazarett in Charleroi, Belgien. Frau Maria ist nun Kriegswitwe und will in ihrer Wohnung ein möbliertes Zimmer vermieten, um etwas Geld zu verdienen. Mieter wird der sich gerade von seiner Frau getrennt habende Oskar Ernst Bernhardt. So lernen Abd-ru-shin und Frau Maria sich kennen. Abd-ru-shin heiratet später, nach seiner Scheidung 1924, Frau Maria. Er adoptiert ihre drei Kinder, sodaß Irmingard, Alexander und Elisabeth nunmehr ebenfalls “Bernhardt” mit Nachnamen heißen.

1920: Abd-ru-shin gründet den “Kristall”, einen Verlag und Vertrieb für Bühnenwerke.

1922: stellt der Kristall seine Tätigkeit ein.

1921: Abd-ru-shin gründet eine Gemeinschaft Gleichgesinnter und nennt sie “Orden: Der Gral”. Ziel ist die Veredelung des Menschentums durch Arbeit an sich selbst. Von Okkultisten und Mystikern grenzt er sich scharf ab. Abd-ru-shin will einen “Hort des Friedens” gründen. Kötzschenbroda erscheint ihm dafür ungeeignet. Er begibt sich auf die Suche in Oberbayern und wohnt Ende Juli 1923: Peißenberg.

Woher stammt der Name “Abd-ru-shin”? Abd-ru-shin hat früher schon einmal auf der Erde gelebt. Als persischer Fürstensohn wanderte er mit der Hälfte seines Stammes in das Land südlich von Ägypten an die Quellen des Nils aus und gründete mit den dort ansässigen Arabern ein Grals-Reich. Dort führte er bereits den Namen “Abd-ru-shin”, den er in diesem Leben wieder übernommen hat. Da er in jener Zeit mit den Pharaonen Sethos I. (regierte von 1290 bis 1279 v. Chr.) und Ramses II. dem Großen (dem „Moses – Ramses” der Bibel, 1304 bis 1213 v. Chr.) aus der 19. Dynastie Kontakt hatte, läßt sich seine damalige Inkarnierung ziemlich genau datieren: Etwa von 1315 bis 1275 vor Christus. Der Name “Abd-ru-shin” setzt sich aus arabischen und persischen Wortelementen zusammensetzen und bedeutet in der damaligen Sprache “Sohn des Lichtes”. Und wie ist es heute? “Abd” ist tatsächlich ein arabisches Wort und bedeutet heute “Sklave”. “Sohn des Lichts” heißt im heutigen Arabisch “Ibn (oder “Ebin”, je nach Dialekt) al Daw”. Und “roshan” ist auch heute noch ein persisches Wort, allerdings für “Helligkeit”. Für “Licht” sagt man im heutigen Persien “nur”. “Sohn des Lichts” heißt im heutigen Persisch “farsandé nur”.

Schreibweise: Die Schreibweise seines Namens hat Abd-ru-shin mehrfach variiert. Das hängt damit zusammen, daß ihm sein Name von seinem Schutzengel nicht einfach geschenkt oder inspiriert wurde. Sondern er mußte ihn für sich selbst entwickeln, ihn selbst entdecken. Ihn leben. Immer wieder mit der Empfindung überprüfen, ob der Name mit dem Träger auch übereinstimmt. Solange ändern, bis er “paßte”. Analog zu seinen eigenen Worten aus der Gralsbotschaft: “Den Weg zum Licht muß jeder einzelne in sich erleben, er muß ihn selbst entdecken, wenn er sicher darauf wandeln will. Nur was der Mensch in sich erlebt, mit allen Wandlungen empfindet, hat er voll erfaßt! (GB 1, 5, 7).” Durch diese Mühe aber steht nun der Name “Abd-ru-shin” auch unerschütterlich fest verankert, so daß er von niemandem mehr bezweifelt oder vernichtet werden kann. Aus dem gleichen Grund wurde ja Abd-ru-shin auch nicht sofort auf den Vomperberg geführt. Nein, er mußte ernsthaft suchen, welche Stätte auf der Erde wohl für sein Anliegen am meisten geeignet sei. Er mußte immer wieder heiß und innig darum ringen. Nur so erklären sich die vielen Ortswechsel vor dem endgültigen Niederlassen auf dem Vomperberg: Abd-ru-shin mußte sich um den geeigneten Ort bemühen. Einen Ort auswählen, dann dort Wohnung nehmen. Und dabei die vielen großen und kleinen Mühen eines Umzuges auf sich nehmen. Dabei unter dem unverständigen Gemurre und blöden Kommentaren seiner nichtswissenden Umgebung leiden, tiefe Herzensstiche hinnehmen. Um dann nach einer kurzen Weile frustriert festzustellen, daß er doch noch nicht den rechten Ort für die Verwirklichung seines Vorhabens gefunden hat. Also das ganze Spielchen nochmals von vorn: Neues Suchen, Auswählen, Hinziehen, erneuter Frust. Das Finden des Vomperberges muß ihm am Schluß wie eine große Erlösung vorgekommen sein. Aber nur auf diese Weise war es möglich, in Abd-ru-shin die Überzeugung von der Richtigkeit seiner Wahl des Vomperberges zu überzeugen. Diese Überzeugung ist nun so tief in ihm verwurzelt, selbstgeschaffen, selbst und mühevoll erworben, daß sie von keinem mehr angezweifelt werden kann. Keiner von diesen widerlichen, dabei äußerst dummen Menschen, insbesondere auch unter seinen Anhängern, ist nunmehr mit seinem albernen, aus purer Eitelkeit geborenen Gelaber mehr in der Lage, den Vomperberg als die Stätte Abd-ru-shins anzuzweifeln, geschweige denn zu zerreden.

Sprechweise: Heutzutage wird der Name Abd-ru-shin so ausgesprochen, daß die letzte Silbe betont wird. Das “i” wird also stimmlich gehoben, dabei gedehnt, und betont. Zu seinen Lebzeiten war das anders. Seine Zeitgenossen um ihn herum auf dem Vomperberg haben den Namen “Abd-ru-shin” wie “Abdruschin” ausgesprochen. Zusammenhängend. Die Betonung wurde auf das “A” gelegt, dabei aber wurde dieser Vokal nicht gedehnt, sondern kurz gelassen. Genau wie beim griechischen Versmaß des Dáktylos im Hexámeter.

September 1923: Penzberg.

Frühjahr 1924: Er werb eines Landhauses in Bad Heilbrunn/Oberenzenau. Hier will er im Sinne des Ordens ein “Lebensmodell” schaffen. Ordensmitglieder wohnen bei ihm. Frau Maria kommt mit den Kindern aus Kötzschenbroda nach. Sie arbeitet unter anderem als staatlich konzessionierte Magnetopathin. Abd-ru-shin verfaßt hier die ersten Vorträge seiner Gralsbotschaft. Er verbreitet sie durch die Herausgabe der “Gralsblätter”. Abd-ru-shins Tochter Edith wird Gralsanhängerin und heiratet einen Kunsthandwerker aus dem Heilbrunner Kreis. 1925 Abd-ru-shin wird ein Enkel geboren.

1924: Die Ehe zwischen Abd-ru-shin und seiner Frau Martha wird geschieden. Zeitlebens bleibt jedoch ein freundschaftliches Verhältnis bestehen. Abd-ru-shin und Frau Maria heiraten am 17.09.1927.

März 1926: Abd-ru-shin hat seinen “besonderen Ort” noch nicht gefunden. Er übersiedelt nach Imst/Tirol

September 1926: Abd-ru-shin übersiedelt ins “Buchenhaus” in Tutzing am Starnberger See in Oberbayern.

Herbst 1926: Abd-ru-shins “Verlag der Gralsblätter” in Tutzing/Oberbayern gibt ein Prospektblatt heraus, um für die violette Ausgabe der 320-seitigen Gralsbotschaft zu werben.

Prospektblatt:

Dreißigtausend Einzelhefte gratis zum Versand!

Zur Probe als Vorläufer des

Aufsehen erregenden Buches

IM LICHTE DER WAHRHEIT

neue Gralsbotschaft

von Abdruschin

Herausgegeben durch den Verlag der Gralsblätter Oskar Ernst Bernhardt in Tutzing

(Oberbayern)

(Text, auszugsweise:)

“Diese Gralsbotschaft gibt den lückenlosen Grundstein einer überraschenden und in ihrer einfachen und klaren Art eine jedem Menschen verständliche neue Weltanschauung! Sie ist bei der erstaunlichen Kürze der Universalschlüssel aller bisher ungelösten Welträtsel und offenen Menschheitsfragen, sowie zu dem Verstehen alles Geschehens. Freudig begrüßt von Hunderttausenden, geht diese Lehre bereits wie eine zündende Flamme durch die Menge der ernsthaft Suchenden, befreiend von allem Zweifel und allem dogmatischen Ballast, weil auch der skeptischste Verstand die unbedingte Folgerichtigkeit erkennt, die vor keiner ungelösten Frage halt macht und mit sicherer Hand in die Tiefen wie zu den höchsten Höhen führt. Sachlich, knapp und klar, mit unerbittlicher Logik. Es wird dabei so manches gesagt, das den Menschen von eingebildeten Höhen reißt, aber auch vieles, das ihm gesunden Aufschwung gibt in der erwachenden Überzeugung seiner unbedingten Notwendigkeit in der gewaltigen Schöpfung. Sein Ursprung wird ihm dabei klar enthüllt wie auch sein Endziel, das so viele nur durch eigenes Versagen aus dem Nichtwissen heraus niemals erreichen können. Briefe der Begeisterung und jubelnder Dankbarkeit kommen von solchen, die das lebendige Wort erfaßte und ihnen den Schleier von den Augen riß!”

Im Jahr 1927: Abd-ru-shin hält öffentliche Vorträge, unter anderem in Stuttgart und Wien.

Öffentliche Vorträge von Abd-ru-shin: Anzeige im Stuttgarter Neuen Tageblatt vom

24.9.1927, in der ein öffentlicher Vortrag von Abd-ru-shin angekündigt wird:

“Abdruschin spricht

über

“Vater vergib ihnen, denn sie

wissen nicht, was sie tun.”

Ein Umsturz in der Bibeldeutung.

Auf besonderen Wunsch wird Abdruschin nach dem Vortrag sich über die Frage der Stigmatisation von Konnersreuth äußern. Er wird hier in der ihm eigenen scharfen Logik Aufschlüsse über diese Erscheinungen bringen, die heute noch so vielen ein ungelöstes Rätsel sind.”

Über die Vorträge erscheint in Abd-ru-shins Zeitschrift “Der Ruf” (Verlag der Gralsblätter) folgender Bericht: “Stuttgart: Zu dem Vortrage Abdruschins am 26.

September war der Saal im Hause des Deutschtums ausverkauft. Schon lange vor Beginn konnten Besucher keine Karten an der Kasse mehr erhalten. Für diese Vorträge Abdruschins ist es eine zu alltägliche Bezeichnung, wenn man von vollem Erfolg berichten wollte; denn es ist für ernste Menschen jedesmal ein nachhaltiges Erlebnis, seine Worte zu hören, die vollkommen außerhalb des Rahmens aller übrigen Redner stehen, weshalb auch niemals ein Vergleich gezogen werden kann. Noch weniger ist ein derartiger Abend mit den üblichen Ausdrücken zu schildern. Daß von Abdruschin wieder nur die höchsten Religions- und Lebensfragen in neuartigen Erklärungen behandelt wurden, ist man nunmehr gewöhnt, aber nach einem nahezu zweistündigem Vortrage schmerzt doch der Kopf, denn es bedarf der schärfsten Aufmerksamkeit, da dem Hörer kein Satz entgehen darf. Und jeder Satz bedeutet Extrakt, welcher erfaßt sein muß, wenn man mit in die höchsten Höhen menschlichen Begreifens folgen will. – Abdruschin macht es seinen Hörern nicht leicht, jedoch mit voller Absicht, wie er auf Befragen sagte, da er die Oberflächlichkeit verwirft.

Wien: Abdruschin spricht noch einmal in Wien! In dieser schlichten Einladung wurde darauf aufmerksam gemacht, daß ernsthaft Suchende den Verkünder der neuen Gralsbotschaft am 4. und 5. Oktober in Wien hören können. Und das genügt. Über 1.800 Eintrittskarten wurden im Voraus bestellt! Der Saal war beide Abende überfüllt. Aus Steiermark, aus Oberösterreich, aus der Tschechoslowakei kamen Anhänger. Mit einzigartiger Klarheit und Deutlichkeit zeigte uns Abdruschin am ersten Abend, wohin wir steuern, wenn wir lediglich den Verstand herrschen lassen. Nur wenn wir uns frei machen von der bisher unbeschränkten Herrschaft des Verstandes – der Sünde wider den Geist – wird uns der Aufstieg möglich.

Den Höhepunkt brachte aber der zweite Abend. In atemloser Spannung lauschten die Zuhörer den wuchtigen Worten Abdruschins. Hart und scharf räumte er mit mancher Lüge auf, und damit, daß der Kreuzestod Jesu Christi sozusagen programmäßig vorgesehen war, um Gott für alle Schlechtigkeit und Sünde der Menschheit zu versöhnen, um dieser alle Mühe zu ersparen. Eine bequeme Auslegung für Heuchler und Pharisäer! Bald kommt die furchtbare Abrechnung für alle Denkfaulheit der Menschen Noch ist Zeit zur Einsicht, klang es verheißend! Doch der letzte Wendepunkt ist da! Es gibt nur eine Wahl. Hier der Weg zum Licht, dort den Weg zur Vernichtung. Unser freier Wille kann darin entscheiden. Mit festem Griff schleudert Abdruschin die in zwei Jahrtausenden sorgsam und mit viel Mühe errichteten Hindernisse hinweg. Er legt den Weg nach aufwärts für alle frei, die bereit sind, ihn zu gehen.

Nur langsam löste sich die Spannung,als Abdruschin geendet hatte, und aus tiefstem Herzen kommender Jubel brach sich bei vielen Bahn. Es war wieder ein Erlebnis für die Zuhörer, unter denen die Wiener alma mater (= Universität) stark vertreten war. Es dämmert doch schon hier in Wien!”

Von Jüngern Abd-ru-shins werden ebenfalls Vorträge gehalten. Sie werden mit grünen Plakaten der Größe ca. 40 x 60 cm angekündigt. In der oberen Hälfte des Plakates steht ein großes, weiß umrandetes Gralskreuz im Ring. Darunter steht der Text in großer, schwarzer Schrift:

“In Zeiten der Not

sendet DER GRAL

Boten in alle Lande

bringt Hilfe der Menschheit

und Kraft zum Aufstiege”

Unter dem jeweiligen Vortragstitel aus der Gralsbotschaft stehen unter anderem die Worte:

“Nur ernste, vorurteilsfreie

Menschen können den tiefen Inhalt und wahren Wert der Worte Abd-ru-shins

erkennen; denn es ist vollkommene Umwälzung der Begriffe!”

Im Jahr 1927: Abd-ru-shin gibt eine neue Zeitschrift heraus mit dem Titel “Der Ruf – Schrift für alles fortschrittliche Wissen.” In dieser Zeitschrift veröffentlicht Abd-ru-shin auch eigene Vorträge und beantwortet Fragen. Die Vorträge werden später in die Gralsbotschaft übernommen. Die beantworteten Fragen erscheinen 1953 in dem Buch “Fragenbeantwortungen 1924-1937” im Verlag Maria Bernhardt, Vomperberg, Tirol.

Vorwort zu Abd-ru-shins neuer Zeitschrift “Der Ruf”: “DER RUF gehe hinaus in alle Welt! Er soll die engere Verbindung schaffen zwischen allen Anhängern und Lesern meiner Worte. Vielerorten schließen sich freie Vereinigungen zur Pflege der Gedanken meiner Vorträge zusammen, um in gemeinsamer Tätigkeit immer tiefer einzudringen in die Wahrheiten der Großen Schöpfung, um damit auch des Schöpfers Willen richtig zu erkennen. Wenn ich auch freudig die Vereinigungen grüße, so kann ich diese doch nicht führen, kann mich auch nicht daran beteiligen; denn solcherlei Bestrebungen ergeben zuletzt immer Bindungen für den, um den sie sich gruppieren. Verpflichtungen so mancher Art, sei es auch nur moralisch durch die Beiträge der Mitglieder. Derartiges vermag ich nicht. Frei muß ich sein und bleiben in dem, was ich zu sagen habe! In allen meinen Reden und Entschlüssen. Ich darf dabei nicht Rücksicht nehmen müssen auf die Wünsche einzelner oder auch ganzer Gruppen, wozu es kommen würde, wenn ich damit verbunden bin. Auch, wenn ich auf Geschäftsvorteile sehen wollte. Beides darf für mich und meine Schriften nicht mit in die Waagschale geworfen werden müssen. Doch dabei möchte ich trotzdem nicht auch in Nachlässigkeit fallen und versäumen, die Gelegenheit jedem zu verschaffen. Ich biete deshalb an, doch werbe nicht! Und werde immer bei dem Grundsatze verbleiben: Wer nichts für sich in meinen Worten findet, für den sind sie nicht gesagt. Er soll sie auch nie aufgedrängt erhalten.Ich werde daher stets mit meinen Worten eines jeden Menschen Freund und seiner Fehler Feind sein müssen, da ich nichts seinetwegen streichen kann. Weil ich mich also nicht an die Zusammenschlüsse binden kann, doch förderndes Ergebnis davon für so manchen Einzelmenschen wohl erkenne, schuf ich aus meinem Einsamseinmüssen heraus den “Ruf” als Mittler zwischen allen Lesern und Verbänden, die ihre Mitteilungen und die Wünsche gegenseitig darin auszutauschen die Gelegenheit erhalten. Für diese Zwecke wird stets ein Raum kostenlos bereitgehalten sein. Möge “Der Ruf” recht viele Seelen wecken, allen ernsthaft Suchenden Erleuchtung und damit den Frieden und den Fortschritt bringen!”

Im Sommer 1927.

Abd-ru-shin

17.09.1927: Heirat von Abd-ru-shin und Frau Maria

13.02.1928: Abd-ru-shin übersiedelt mit Familie auf den Vomperberg bei Vomp im Inntal in Tirol, 35 km östlich von Innsbruck. Er zieht in ein Landhaus, das er zuvor gekauft hat. Es wird im Grundbuch des Bezirksgerichts Schwaz/Tirol als “Gralshöhe” eingetragen.

13.2.1928 12.3.1938: Wirken Abd-ru-shins auf dem Vomperberg/Tirol. Diese Jahre sind für Abd-ru-shin die traurigsten und bedrückendsten. Er hat eine Vielzahl von Hindernissen und Widerwärtigkeiten über sich ergehen zu lassen, hauptsächlich veranlaßt durch abgefallene Anhänger.

Während dieser Zeit: Abd-ru-shin will das verkehrte und krankende private und öffentliche Leben der Menschen sanieren. Dazu gehört die folgende Vorgehensweise: Zunächst muß der Mensch vor seiner eigenen Türe kehren und seinen eigenen Charakter läutern. Dann erfolgt die Reinigung und Gesundung seines Umfeldes. Der Rest geschieht dann nach und nach von ganz alleine, vgl. Mt. 5, 13-16; Mt. 13; 31-35. Der Mensch muß ganz klein in allen Bereichen und mit allen Details bei sichelbst anfangen (“Weltverbesserung” lehnt Abd-ru-shin strikt ab. Forderungen sind zunächst an sich selbst zu stellen, nicht an andere. Aktive “Politik” und “Gesellschaftsveränderung” sind nicht in seinem Sinne). So gibt es in dem kleinen Kreis der Gralssiedlung unter anderem:

→ ein neues Gemeinwesen als neues Gesellschaftsmodell

→ Gralsgeld als Keimzelle für ein neues, gesundes Geldwesens

→ Kindergarten, als Anfang zur Neugestaltung des Erziehungswesens

→ Schule, als Anfang zur Neugestaltung des Schulwesens, gegr. 1933

→ das Yaspis-Laboratorium für das Gesundheitswesen, gegr. 16.10.1933

→ usw.

Das Yaspis-Laboratorium: Das Yaspis-Laboratorium war eine Gründung Abd-ru-shins und lag diesem sehr am Herzen. Zunächst war es eine simple Kräuterstube, in der auf den einzelnen Menschen persönlich abgestimmte Kräutertees zusammengestellt wurden.

Dann kamen Kräftigungsmittel, Tinkturen, Salben, Öle, usw. hinzu. Es entwickelte sich ein beachtlicher Betrieb mit kaufmännischer Organisation.

Aus den Prospekten: “Nicht ohne Grund tragen unsere Erzeugnisse diesen Namen und ebenso nicht ohne Grund benennen wir unsere Erzeugungsstätte und unseren Vertrieb Yaspis-Laboratorium. “Yaspis” ist dem Sinne nach gleichbedeutend mit “dem Reinen”, “dem Edlen”! “Yaspis-Erzeugnisse tragen in ihrem Kern nur die reinsten und edelsten Bestandteile Heilkräfte bergender Kräuter, in den sonnigsten und den rauhesten Alpengegenden, je nach ihrer Art, gewachsen und gewonnen zum Segen und zur Hilfe des Menschen.

Wie der Geist, der den menschlichen Körper belebt, nur durch die Aufnahme reinster und edelster Schwingungen und Strahlungen aus dem All zur Entfaltung und Blüte und dadurch zu vollster Wirkung kommt, so kann der Körper nur zur Vollendung und Schönheit gelangen, wenn alle Mittel die zu seinem Aufbau, seiner Heilung und Pflege angewendet werden, “Rein und Edel” sind.

Geist und Körper müssen wechselseitig in Harmonie stehen. Deshalb ist es natürliches Erfordernis, daß überall da, wo Geistesaufstieg angestrebt wird, auch entsprechend auf den Körper eingewirkt werden muß, um diesen naturgesetzlich notwendigen Vorgang zu fördern.” “Das Yaspis-Laboratorium ist eine Einrichtung, die getroffen wurde, um der geistig erwachenden Menschheit helfend zu dienen zu Wiedererlangung ihrer zerrütteten Gesundheit, zur Festigung und Erhaltung derselben.

Ein gesunder und widerstandsfähiger Erdenkörper ist Vorbedingung zur Erreichung des gesteckten Zieles! Von diesem Gesichtspunkte aus sind auch alle Yaspis-Erzeugnisse zu betrachten und zu bewerten und eine solche Einstellung setzt die Anwendung derselben bei jedem einzelnen voraus.”

“Das Wohlbefinden des Menschen, seine Leistungsfähigkeit in körperlicher wie überhaupt irdischer Hinsicht, wie auch die Erfassensmöglichkeit höherer Erkenntnisse und die Aufnahmefähigkeit ebensolcher Werte sind und bleiben abhängig von der Zusammensetzung seines Blutes.

Das Blut in dem Zustand der jeweiligen Eigenart des einzelnen Menschen zu erhalten oder dahin zurückzuführen, muß das Bestreben dessen sein, der einen widerstands- und aufnahmefähigen Körper sich ersehnt, durch welchen allein auch das Innenleben nach außen zur Geltung kommen kann.

Die gewissenhafte Durchführung der Yaspis-Frühlingskur 1937 wirkt selbsttätig regelnd auf das Blut, wozu in der Wahl, den Mengen und der Zusammensetzung der einzelnen Hochgebirgskräuter die natürlichen Grundlagen gegeben sind.” Ein anderes Projekt waren die Armbänder mit farbigen Glassteinen, die für jeden einzelnen Menschen persönlich von Frau Maria in ihrer feinfühligen Art zusammengestellt wurden. Das Armband mußte so getragen werden, daß es mit der Blutzirkulation in Berührung kam, wozu sich am besten die nackte Haut des linken Armgelenks eignete. Bei den bisherigen Farbverfahren werden Lichtstrahlen durch gefärbte Gläser kranken Körperstellen zugeleitet. Dagegen sollte mit diesen Armbändern der Blutausstrahlung nachgeholfen werden. Diese durchdringt und durchglüht die entsprechenden farbigen Steine und verändert sich dadurch im Weiterstrahlen derart, daß sie in dieser Veränderung aufnahmefähig wird für die Kraftstrahlungen aus dem Kosmos, die dann auf diesem Weg in das Blut eindringen können.

Mit dem Ende der Gralssiedlung im März 1938 gab es diese Hilfe nicht mehr! In den dreißiger Jahren wurde in der Schweiz eine Maschine zum Flocken von Getreidekörnern sowie Linsen, Erbsen Früchten, getrocknete Kastanien usw. erfunden. Der große Vorteil ist, daß bei der Flockung alle Vitamine und Mineralien erhalten bleiben. Abd-ru-shin erkannte sofort die Bedeutung dieser Maschine für die Ernährung der Menschheit und erwarb 1936 für das Yaspis-Laboratorium vom Erfinder das alleinige Recht der Flockenerzeugung für ganz Österreich. Das Projekt scheiterte aber am Widerstand der österreichischen Behörden.

30.05.1928: In der “Gralshöhe”, das man auch “Gralshaus” nennt, wird die erste Grals-Feier

abgehalten.

Im Jahr 1928:, Abd-ru-shin erwirbt das Grundstück und das Gebäude, auf dem heute das Gästehaus steht. Es gehört einem Bauer namens Wurm. Als dieser merkt, daß Abd-ru-shin dieses Anwesen unbedingt haben will, verlangt und bekommt er einen Preis, der um das 10- fachen über dem tatsächlichen Wert liegt. Von diesem Geld baut der Wurm sich in Vomp den “Vomperhof”. Abd-ru-shin kauft den Weberhof auf dem Vomperberg.

Abd-ru-shin hat viel Humor. Eines Tages kommt ein Grals-Neuling auf den Vomperberg und geht in Begleitung eines Siedlungsbewohners auf dem Berg spazieren. Da kommen sie an einer Bank vorbei, auf der Abd-ru-shin sitzt. Der Neuling fragt den Siedlungsbewohner: “Ist er das?” Abd-ru-shin, der diesen Satz hört, sagte lachend zu dem Neuling: “Ja, das ist er!”

Alte Gralsanhänger haben berichtet, daß Abd-ru-shin ein äußerst angenehmes Wesen hat, das jeden sofort gefangen nahm und mit mit Sympathie erfüllte. Die Wärme, die er ausstrahlt, läßt niemanden ungerührt. Er spricht mit einer gesetzten, sanften Stimme und hat dabei ein ruhiges und ausgeglichenes Wesen, welches ihm von Natur aus eignet und von innen heraus kommt, und keinesfalls künstlich aufgesetzt ist. Seine Mitmenschen können bei ihm immer auf eine höflich-korrekte Behandlung zählen. Seine Contenance verläßt ihn auch in seinen bittersten Stunden nicht, wenn ihn charakterlich minderwertige Kreaturen anpöbeln und ihm Gewalt antun.

Zeitungsbericht über Abd-ru-shin und die Gralssiedlung auf dem Vomperberg: Auszug aus einem Artikel vom 5. November 1932 in der “Innsbrucker Neuesten Zeitung”, die in Bezug auf die Gralssach der “Hofberichterstattung” völlig unverdächtig, sondern eher sehr kritisch eingestellt ist. “Die Niederlassung Abd-ru-shins auf dem Vomperberg dehnt sich immer mehr aus. Während sonst rundum fast nichts gebaut wird, ist die Bautätigkeit auf dem Vomperberg äußerst rege. Es wurden in diesem Jahre sogenannte Reihenhäuser errichtet, die erst kürzlich bezogen werden konnten Die Anhänger wohnten zuerst in den umliegenden Bauernhöfen; als sich aber ergab, daß kein Platz mehr war, entschloß sich Abd-ru-shin, mehrere Bauten aufzuführen. Eine Wohltat ist es für die gewerbetreibenden in Schwaz, von denen die meisten zu gleichen Teilen mit Aufträgen versorgt werden. … Man ist auch wegen eines Grundstücks in Unterhandlung, da man einen Friedhof errichten will. Die Siedlung hat sich stattlich herausgebildet, sogar eine Feuerwehr hat sich zusammengetan…

Abdruschin ist ein Mann von über fünfzig Jahren, bescheiden, stets sauber und fein gekleidet, ist liebenswürdig und heiter und voller Geist.

Schon am Anfang des Gesprächs schält sich sein Wesen und Charakter heraus…. Seine Idee (wie der Menschheit zu helfen ist) weicht von allen anderen Ideen stark ab. Er sagt, er verkörpere auch keine Sekte, keine Freimaurerloge oder gar das Antichristentum, wie er lächelnd hinzufügt, sondern die Bewegung sei etwas ganz Alleinstehendes und habe mit keiner anderen etwas zu tun. Im Gegenteil: Sektiererei kommt nicht in Frage, werde abgelehnt. Die Lehre baue sich auf nach logischen Gesetzen. Unsere Welt und die Naturgesetze seien ein notwendiges Nachbild des sich aus dem Göttlichen heraus folgernden Willens. – “Politik und Parteien?” – “Hat heute keinen Zweck: es kommt doch alles anders, als die Menschen denken!” Das sieht er voraus und will das in seiner Lehre beweisen, nicht fußend auf Prophetie, sondern nach dem Laufe geistiger Gesetze. – “Also doch eine Religion?” – “Nicht so, wie man denkt”, sagt er und macht eine Pause, “… Ein jeder, der sich müht, die Gesetze des Lebens zu erforschen, kommt notwendigerweise auf Gott, auf die Kraft, oder wie man es nennen will, und bei dieser Erkenntnis zwingt es ihn auf die Knie, ob er will oder nicht.” – Er bekämpft die Kirche nicht, wie man ihm von gewissen Kreisen in die Schuhe schiebt. Er achtet eines jeden Menschen Überzeugung, strebt aber nach einer Religion als Gemeingut aller Menschen in den Bahnen des absolut Natürlichen, wobei er jedes Dogma ausschließt.

Das Urbild eines freien Menschen schwebt ihm vor…”

Im Jahr 1928: Der schmale Weg von Vomp zum Vomperberg wird von Abd-ru-shin mit Hilfe der Gemeinde und der beteiligten Bauern zur Straße ausgebaut und anschließend, gemäß der Tradition, von der katholischen Geistlichkeit gesegnet. Das rechte Stück von der Gabelung bis zum Vomperberg erhält den Namen “Bernhardtstraße”. Er entfällt bei der Errichtung des Nazi-Regimes 1938 in Österreich. Abd-ru-shin läßt dort ein Marienbildstock aufstellen.

Anfang 12.1928: Schon kurz nach seinem Wohnung Nehmen auf dem Vomperberg werden Abd-ru-shin und seine Frau Maria von abgefallenen Gralsanhängern mit Schmutz beworfen und wegen des Verdachts der Förderung einer gesetzlich unzulässigen eligionsgemeinschaft angezeigt. Das Verfahren wird 1930, weil unzutreffend, eingestellt.

Verdacht der Förderung einer gesetzlich unzulässigen Religionsgemeinschaft: Auf diese Denunziation hin tritt die Staatsmacht in Aktion: Früher stand unterhalb des Weberhofes auf Pfählen eine Baracke, die unter anderem als Andachtshalle diente. Dort verstecken sich zwei Gendarmerie-Beamte an einem Sonntagvormittag, um eine Andacht zu belauschen, damit die Anschuldigungen überprüft werden können. Sie hören den Vortrag “Aufstieg”. Anschließend werden Abd-ru-shin und seine Frau Maria verhaftet. Vorwurf: Betrug und Gründung einer geheimen Gesellschaft. Ein großer Prozeß wird angestrengt. Doch eine Woche später werden Abd-ru-shin und Frau Maria wieder frei gelassen. Die Anzeige stellt sich als Verleumdung und bewußte Irreführung der Behörden durch abgefallene Gralsanhänger heraus. Das Strafverfahren wird im März 1930 auf Antrag der Staatsanwaltschaft eingestellt, da sie keinen Grund zu einer weiteren Verfolgung vorliegen sieht.

Das Strickmuster ist ab sofort bis zum Schluß immer das gleiche: die Masse der Menschen interessiert Abd-ru-shins Gralsbotschaft überhaupt nicht. Nur einige wenige finden zunächst zu Gralsbotschaft, um dann anschließend Kontakt mit Abd-ru-shin zu suchen. Sofort bilden sich bei ihnen aber Vorstellungen, wie die Gralsbotschaft irdisch in die Tat umzusetzen sei. Wobei sie selbst in diesen Vorstellungen natürlich eine ganz wichtige Rolle spielen und besondere materielle Vorteile haben, ja sogar reich werden müssen. Anschließend kommen sie auf den Vomperberg, um Abd-ru-shin ihre Phantasien vorzutragen und mehr oder weniger offen zu verlangen, daß er sie in die Realität umsetzt. Macht Abd-ru-shin das dann – natürlich nicht, sind die neuen Lebensträume geplatzt, die phantastischen Zukunfts- Illusionen zerstoben. Abd-ru-shin ist jetzt natürlich bei ihnen unten durch, und sie geben ihm die Schuld für ihren Frust über ihre unerfüllten Wünsche (Man kennt das ja selbst aus eigener Erfahrung zu genüge: Wenn man eine neue Idee hat, wird sie zunächst verlacht. Nur wenige sind bereit, sich etwas näher damit zu befassen. Aber von diesen “Freunden” entpuppen sich nur die wenigsten als wahre Freunde. Der große Rest, von denen die meisten versuchen, diese neue Idee skrupellos für sich selber auszunutzen, wird zu erbitterten Feinden). Daraufhin beschimpfen sie Abd-ru-shin und versuchen ihm zu schaden, anstatt einzusehen, daß sie sich selbst mit ihren Illusionen irren. Daß es allein ihre eigenen falschen Vorstellungen sind, welche die”Ent-Täuschungen” herbeiführen.

Der einfachste Weg bei der anschließenden Schlammschlacht ist, ihn wegen irgendwelcher verdrehten Tatsachen oder erfundenen Vergehen bei den Behörden anzuzeigen, die daraufhin tätig werden, zum Teil tätig werden müssen. Anschließend freuen sich diese abgefallenen Gralsanhänger sehr, wenn es ihnen gelingt, Abd-ru-shin mit ihren Aktionen zu schaden, weil sie so ihre verletzte Eitelkeit und ihre Rachsucht befriedigt sehen. Nach diesem Strickmuster muß Abd-ru-shin in seinen letzten zwölf Erdenjahren sehr viel leiden.

1929: Abd-ru-shin übersiedelt seinen “Verlag der Gralsblätter”/Tutzing an seine Verlags- GmbH “Der Ruf” in München. Die Gralsblätter erscheinen nur bis zum Heft 13/1929. Der Verlag gibt hauptsächlich Abd-ru-shins “Gralsbotschaft” (1931) heraus.

1932/1933: folgen eine englische, tschechische und französische Ausgabe.

19.07.1929: “Weltenwende”

August 1929: Immer mehr Menschen kommen zu den Gralsfeiern auf den Vomperberg. Die können darum nicht mehr im Gralshaus stattfinden. Deshalb wird ein kleiner Holzbau auf Stelzen auf einer Wiese errichtet, dort, wo jetzt der neue Weberhof steht. Er faßt 120 bis 150 Personen und wird später wieder abgetragen. Dieser Holzbau dient nicht nur als Andachtshalle, sondern auch als Versammlungsraum, zeitweise sogar als Speisesaal. Abd-ru-shin will damit auch bewußt demonstrieren, daß die Gottverehrung, z.B. in einer Sonntags-Andacht, erst von der seelischen Beschaffenheit der Menschen und nicht primär von einem geweihten Raum abhängt.

07.09.1929: Abd-ru-shin hält in dieser neuen Andachtshalle die erste Andacht.

29.12.1929: Abd-ru-shin hält in der neuen Andachtshalle die erste Gralsfeier ab.

07.09.1930: Abd-ru-shin beruft Fräulein Irmingard in ihr Amt.

Im Jahr 1931: Abd-ru-shin ordnet seine Einzelvorträge in Buchform zu einem Ganzen und

gibt die Erstausgabe seiner Gralsbotschaft heraus.

Im Jahr 1931: Bau der Reihenhäuser I in der Gralssiedlung auf dem Vomperberg.

Die Gralssiedlung auf dem Vomperberg: Immer mehr Menschen sind von den Vorträgen Abd-ru-shins beeindruckt und wollen den Autor dieser Schriften persönlich kennen lernen. Es gibt auch solche, welche ihn anschließend bitten, auf dem Vomperberg bei ihm bleiben zu dürfen. Das ist Abd-ru-shin gar nicht recht, da ihm seine negativen Erfahrungen aus Heilbrunn noch zu gut im Gedächtnis sind. Nur den drängendsten Bitten gibt er nach. Doch schon bald sind es so viele, daß sie bei den umliegenden Bauern nicht mehr untergebracht werden können. In seiner großen Nächstenliebe beschließt Abd-ru-shin, für diese Gralsanhänger Häuser zu bauen. Bald entsteht daraus die Gralssiedlung mit allem, was dazu gehört. In der Gralssiedlung wird auch nach und nach alles an Handwerksbetrieben eingerichtet, was zum Auf- und Ausbau notwendig ist: Tischlerei mit Glaserei, Schmiede, Malerei, Auto-Werkstatt usw.

Man rechnete am Anfang, also von 1928 bis 1933 damit, daß sich die Gralsbewegung binnen kurzem zahlenmäßig sehr vergrößern würde. Deshalb, so glaubte man, müßte die Gralssiedlung bereits in ein paar Jahren sehr erweitert werden. So wurde beispielsweise jetzt schon ein Tempel mit einem Fassungsvermögen von 12.000 Personen geplant. Dies ist auch der Grund, warum man in der Gralssiedlung viele Gebäude nur aus Holz baute, wie man es heute noch sehen kann: Damals glaubte man, diese Gebäude würden in kürzester Zeit doch wieder abgerissen und dann in ihrer endgültigen Form durch Steinbauten ersetzt.

Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus erwachte auch in der Gralssiedlung und besonders bei Abd-ru-shin das Ahnen von kommendem großen Unheil. Abd-ru-shin, immer darauf bedacht, Unheil von seiner Schar abzuwehren, legte deshalb Anfang 1936 auf dem Dachboden des Gästehauses ein Getreide-Lager an, weil er die kommenden Hungersnőte voraussah und den Seinen das Hungern ersparen wollte. Zu dieser Zeit zählte die Gralssiedlung etwa 120 Personen.

Alle Zeitzeugen beschreiben Abd-ru-shin als jemanden, der sehr um das Wohlergehen seiner Angestellten besorgt war. Daß es jenen an nichts fehlte. Aber er legte auch Wert auf ein tadelloses Äußeres und Inneres seiner Mitarbeiter: Korrekter Haarschnitt, saubere und angemessene Kleidung, sowie einen respektvoller Umgang miteinander. Kurz: Charakter, was man auch äußerlich sehen sollte. Wofür er selbst des beste Beispiel gab. Die Ausstrahlung Abd-ru-shins war zeitweise körperlich spürbar, zuzeiten sogar unerträglich stark. So berichtete ein Gralsanhänger: Er saß oft neben Abd-ru-shin an einem Tisch, um den Fortgang in der Siedlung zu besprechen. Eines Tages stand sein Stuhl am anderen Ende des Tisches. Und Abd-ru-shin sagte, das geschehe deswegen, weil seine Ausstrahlung heute so kräftig sei. Darauf der Gralsanhänger: „Ich lasse mich doch nicht von meinem Herrn trennen!”, nahm den Stuhl und setzte sich wieder wie gewohnt neben Abd-ru-shin. Es dauerte nicht lange, da lief ihm der Schweiß über die Stirn. Die unmittelbare Nähe Abd-ru-shins war für ihm unerträglich, und er mußte sich doch wieder an das andere Ende des Tisches setzen. Worüber Abd-ru-shin herzhaft und freundlich gelacht hat. In der Ökonomie wurden auch Tiere angeschafft: Zunächst zwei Pferde, ein Esel, Pfauen (die Abd-ru-shin sehr liebte), weiße Tauben, zwei Hunde, und der Nachtwächter bekam einen Hund namens Bari.

Auch wurde ein Lebensmittel-Laden eingerichtet, damit die Siedlungsbewohner nicht jedesmal nach Vomp zum Einkaufen gehen mußten. In der Gralssiedlung herrschte anfangs eine heute nicht mehr nachvollziehbare Aufbruchstimmung. Alle dort lebenden Menschen waren erfüllt von einer großen Erregung und Aufbruchstimmung. Mit viel Enthusiasmus wurde die Gralssiedlung aufgebaut, als „Stätte Gottes auf Erden”.

Man fühlte sich nicht in einem Arbeitsverhältnis, auch wenn man eine geregelte Arbeitszeit hatte und für damalige Verhältnisse einen sicheren Job hatte und gut bezahlt wurde. Nein, man fühlte sich als Gemeinschaft. Das kam auch bei den geselligen Zusammenkünften zum Ausdruck, z. B. bei den Weihnachtsfeiern, wo es mit einer frohen Ausgelassenheit zuging Jedoch haben nicht alle Siedlungsbewohner diesen Pioniergeist in sich wach erhalten, wodurch die Harmonie langsam verschwand. Die große Fröhlichkeit verwandelte sich langsam, aber sicher in eine Sachlichkeit, die ernst und ernster wurde. Einen nicht unerheblichen Anteil daran hatte auch die „Kirchengläubigkeit”, die so mancher an den Tag legte, anstatt innerlich frei zu bleiben.

Im Jahr 1931: Abd-ru-shins erste Ehefrau Martha wird Gralsanhängerin und nimmt an einer Feier teil.

07.09.1931: Abd-ru-shin beruft seinen Adoptivsohn, Herrn Alexander, zum Apostel und zu seinem Schwertträger.

Herr Alexander: Eines Tages kommt Herr Alexander aufgeregt in die Gralssiedlung und ruft zu den Siedlungsbewohnern ganz aufgeregt zu: “Ihr müßt Euch mehr bewegen, Ihr müßt Euch mehr bewegen!” Nach diesem seltsamen Vorfall steht Herr Alexander ein paar Tage später auf dem Feld bei der Arbeit. Da trifft es ihn wie ein Blitz. Er bricht zusammen. In seinen Augen steht ein namenloser Schmerz, obwohl kein Laut von seinen Lippen kommt. Seit diesem Ereignis ist er gehbehindert. Dieses schmerzhafte und lästige Handikap trägt er bis zum Schluß mit einer bewundernswerten Geduld. In seinen letzten Lebensjahren ist er zudem schwerkrank. Auch dieses Last trägt ungerührt.

Wenn ein Mensch denkt, dann treten seine Gedanken aus dem Kopf aus und ziehen zu den Menschen oder Objekten, denen sie “zugedacht” sind, oder sammeln sich zu großen Zentralen. Teile der Ausstrahlung dagegen treten aus den Füßen aus und ziehen durch die Erde zu solchen Menschen, die dafür aufnahmefähig sind, und die sie verwerten. Dieser Strahlungsaustausch zwischen den Menschen und allen Kreaturen ist sehr wichtig für das Wohlbefinden.

Wenn es aber nun zu wenig Mitmenschen gibt, welche die eigene Ausstrahlung aufnehmen und verwerten, dann macht sich das bei dem Aussender zuletzt auch körperlich bemerkbar. In den Beinen entsteht ein Strahlungsstau, in dessen Folge die Nerven geschädigt werden.

So war es bei Herrn Alexander, dessen Beine wegen des Fehlens der Mitarbeit seiner ihm zugeteilten Helfer fast vollständig gelähmt waren. Auch Herrn Vollmann ereilte dieses Schicksal des Verlassenseins von seinen Helfern, und der am Ende seines Lebens sich kaum noch fortbewegen konnte.

Im Jahr 1932: Die zweite Andachtshalle wird errichtet. Sie ist aus Holz und steht an der Stelle, wo die heutige Andachtshalle auch steht. In ihr findet die letzte Feier vor dem Abriß am 29.12.1951 statt.

Im Jahr 1932: Bau der Reihenhäuser II in der Gralssiedlung auf dem Vomperberg.

September 1932. Lesekreise der Gralsbotschaft bilden sich in verschiedenen Ländern der Welt. Um den Lesekreisen eine Struktur zu geben, wird von Bekennern der Gralsbotschaft in Berlin der “naturphilosophische Verein von Gralsanhängern e.V.” gegründet. Das ist der Anfang der Gralsbewegung.

Der “Naturphilosophische Verein Berlin e. V. “Abd-ru-shin weist mehrfach darauf hin, dass er keine neue Kirche oder Sekte gründen will. Er bringt mit seiner Gralsbotschaft lediglich schlicht und einfach eine Erklärung des Weltgeschehens. Mehr nicht. Angefangen ganz oben bei Gott und endend ganz unten bei Luzifer. Diese Erklärung beinhaltet logischerweise auch die Wegebeschreibung von der Erde zum Paradies. Seine Botschaft wendet sich an alle Menschen. Seine Gralsanhänger haben Abd-ru-shin gefragt, wenn er denn keine neue Religion bringe, keine Sekte gründe usw., was sollen sie denn den anderen Menschen antworten, wenn sie gefragt werden, was sie da anhängen. Darauf sagte Abd-ru-shin: Eine Naturphilosophie. Weil eine Philosophie ja eine Erklärung bedeutet, und er erklärt mit seiner Gralsbotschaft die Natur, die die gesamte Schöpfung und auch den Menschen umfaßt. Folglich nennen die Gralsanhänger ihre Gründung einen “naturphilosophischen Verein”

Im Jahr 1932: Abd-ru-shin ordnet die Errichtung einer Feuerlöschtruppe an (freiwillige Feuerwehr), die nach 1945 in eine Betriebsfeuerwehr umgewandelt wird. Sie besteht aus 20 Siedlungsbewohnern sowie 9 Bauern aus der Nachbarschaft als Ersatzmannschaft. Auf den Helmen ist ein Gralskreuz im Ring angebracht. Am 7.10.1932 genehmigt Abd-ru-shin die Feuerlöschordnung. Sie beginnt mit dem Satz: “Einer für Alle, Alle für Einen!”

25.12.1932: Abd-ru-shin hält den Vortrag “Weihnachten 1932”. Darin wird erwähnt, dass Jesus einen leiblichen Vater hat. Nämlich den römischen Hauptmann Kreolus. Eine Abschrift dieses Vortrages wird durch einen abgefallenen Gralsanhänger an den Abt des Klosters Fiecht (östlich unterhalb des Vomperberges), zur Ausnutzung weitergereicht. Der beschwert sich beim Bundespräsidenten in Wien über diesen Vortrag, weil darin Abd-ru-shin unter anderem die Gottesmutter “in unflätiger Weise” herabsetze. Das Landgericht in Innsbruck übernimmt den Fall. Der Untersuchungsrichter hält den Straftatbestand nach § 303 Strafgesetzbuch (“Beleidigung einer gesetzlich anerkannten Kirche oder Religionsgemeinschaft”) für erfüllt. Doch der Staatsanwalt folgt dieser Einschätzung nicht, eine für damalige Verhältnisse beachtliche Entscheidung. Deshalb ergibt sich am 8.8.1935 die instellung des Verfahrens.

30.01.1933: Beginn des “Dritten Reiches” Tag der Machtergreifung Hitlers. Abd-ru-shin hält einige Neuerungen des Nationalsozialismus für gut, lehnt ihn aber grundsätzlich strikt ab. Besonders auch wegen der Juden-Verfolgungen. Daraufhin dichten böswillige abgefallene Gralsanhänger ihm an, er sei selber Jude, was ihn später für Monate ins Gefängnis bringen und beinahe die Einweisung und Ermordung in einem Konzentrationslager verursachen wird. Treue Gralsanhänger beginnen zu recherchieren. Sie weisen Abd-ru-shins “rein-arische” Herkunft bis ins 16. Jahrhundert nach.

Im Jahr 1933: Bau des Verwaltungsgebäudes. in ihm befinden sich die Arbeitsräume von Abd-ru-shin, Frau Maria und Fräulein Irmingard. Dazu Verwaltungsräume, Musikzimmer, Kindergarten, Wirtschaftsräume, Wohnungen und die erste Gralsschule.

Im Jahr 1934: Abd-ru-shin gibt die “Nachklänge” seiner Gralsbotschaft heraus. Bis 1937 gibt er weitere Einzelvorträge heraus.

07.09.1934: Abd-ru-shin beruft seine Adoptivtochter Elisabeth Bernhardt in dieser Feier zum Apostel.

Im Jahr 1935: Das Gästehaus wird gebaut. Da dort zunächst die Schule untergebracht ist, heißt es anfangs “Schulhaus”.

17.09.1935: Herbert Vollmann und Elisabeth Bernhardt heiraten. Ende Dezember 1935: Die neu errichtete Material-Seilbahn Vomp Vomperberg wird in Betrieb genommen.

>>Seilbahn-Bergstation >>>

03.01.1936: Der Zilderer-Hof neben der Gralssiedlung wird gekauft. Zu diesem Hof gehört das Wasserrecht an der Zilderer-Quelle, die auf einer Waldparzelle in 1.100 m Höhe liegt und dem röm.-kath. Benediktinerstift St. Georgenberg gehört. Sie versorgt die Gralssiedlung mit Wasser.

Im Jahr 1936: Die Gralssiedlung entsteht dadurch, daß Gralsanhänger bei Abd-ru-shin nachfragen, ob sie in seiner Nähe wohnen dürfen. Er sagt mit gemischten Gefühlen aufgrund seiner schlechten Erfahrung mit Anhängern in Bad Heilbrunn, aber wegen seiner großen Hilfsbereitschaft dann doch zu. Nach und nach entwickelt sich durch den Zuzug von immer mehr Gralsanhängern die Siedlung. Es bleibt also festzustellen, daß die Gralssiedlung im Prinzip keine Gründung Abd-ru-shins ist. Nun wird diese Gralssiedlung von Abtrünnigen immer wieder als Handhabe mißbraucht, um gegen Abd-ru-shin vorzugehen. Ihre Beschuldigung lautet: Er habe die Siedlung zu dem Zweck gegründet, Menschen zu “fangen”, und sie dann materiell und spirituell auszunehmen. Das kann schon deshalb nicht stimmen, weil Abd-ru-shin einen Großteil der allgemeinen Kosten der Gralssiedlung trägt,

nicht für sich, sondern zum Nutzen der Siedlungsbewohner. Unter dem Eindruck dieser ungeheuerlichen falschen Behauptungen formuliert Abd-ru-shin schriftlich sein Ziel, was er mit der Gralssiedlung bezweckt.

Von Abd-ru-shin, Zitat: Mein Ziel: Immer wieder tauchen alle möglichen und unmöglichen Gerüchte auf über mein Ziel und Zweck der Grals-Siedlung auf dem Vomperberge in Tirol. Diese Gerüchte entspringen jedoch völliger Unwissenheit und werden auch zum weitaus größten Teile aus übler Absicht heraus verbreitet; denn in Wirklichkeit habe ich bisher überhaupt noch keinerlei festen Plan gehabt. Ich schrieb einfach meine Gralsbotschaft nieder, die der Menschheit zu bringen es mich drängte. Da diese Botschaft das Wissen des ganzen Schöpfungswirkens umfaßt, so lückenlos, wie es bisher noch nie gegeben werden konnte, erkennen die Menschen darin genau die Wege, die sie zu gehen haben, um zu innerem Frieden und damit zum freudigem Schaffen schon auf der Erde zu Kommen. Bei dieser Erkenntnis erwachte in manchen Lesern das Verlangen, in meiner Nähe wohnen zu können, um sich in diesem Wissen immer weiter zu bilden und es zum Erleben zu entfalten. Einigen der dringendsten solcher Wünsche nachgebend, erstand die Siedlung, ohne daß sie im voraus “geplant” war. Ich gab damit nur der jeweiligen Notwendigkeit nach und formte einigermaßen, was an mich in dieser Beziehung herantrat. Angesichts der nicht nachlassenden mehr oder weniger phantasievollen oder neid- und haßerfüllten falschen Erdichtungen jedoch werde ich mich nun zu einem festen Plan entschließen und diesen auch bekanntgeben: Mein Ziel ist geistiger Art! Aber ich bringe keine neue Religion, will keine neu Kirche gründen, ebensowenig irgendeine Sekte, sondern ich gebe in aller Einfachheit ein klares Bild des selbsttätigen Schöpfungswirkens, das den Willen Gottes trägt, woraus der Mensch deutlich zu erkennen vermag, welche Wege für ihn gut sind. Alles, was man mir dabei an irdischen Absichten anzudichten sucht, lehne ich ab; denn sie sind fremden Quellen entsprungen und kommen gerade durch alle die, welche sie zu verbreiten und gegen mich zu verwenden suchen. Politische Wünsche oder “Anschauungen” liegen mir ebenfalls vollkommen fern; denn darin fehlt mir das dazu notwendige Verständnis. Die Grals-Siedlung auf dem Vomperberge in Tirol will ich zu einem “Hort des Friedens” machen und zu einer “Quelle geistiger Kraft” für alle, welche ernsthaft darnach streben. Jeder Besucher des Berges muß als nachahmenswert empfinden, was er sieht und hört, und diese Sehnsucht soll er unauslöschbar mit sich nehmen, bis er selbst sein Erdenleben darnach formt. So tragen dann die Menschen innerlich den Frieden in ihr Heim, ihr Land und mit ihm neue Kraft zu frohem Schaffen. Frieden ist von Zufriedenheit untrennbar! Und darin wurzelnd muß sich Glück entfalten dort, wo das Bestreben rechten Boden dazu findet. Hort des Friedens! Quelle neuer Kraft! Das auf dem Vomperberge in Tirol zu schaffen, ist mein einziges Bestreben, und das kann nur jedem Menschen, damit auch jeder Familie und jedem Staate Nutzen bringen. Auf Vomperberg, im Jahre 1936.

Abd-ru-shin.

Zitat Ende.

Abd-ru-shin wurde von der Gestapo mit dem Vorwurf des Eigennutzes gequält und immer wieder gequält, bis zu seinem Ableben, gestützt auf die Aussagen von Abtrünnigen. Daraufhin erfolgte von ihm eine diesbezügliche Niederschrift, die er im Jahre 1939 in der Verbannung in Kipsdorf machte. Als eine Verteidigung gegen die damals wie heute ungeheuerlichen Anwürfe, und als Bekenntnis seines Wesens.

Auszüge aus dieser Niederschrift:

“Daß ich selbst (mit der Gralssiedlung) keinerlei persönliche Vorteile anstrebe, ist bei einem kurzen Überblicke über das Leben auf dem Vomperberg eindeutig und klar ersichtlich. Allein die vielen Angestellten und Hilfskräfte, die im Jahr ungefähr 70 000 Schillinge (~ 12.000 Euro im Jahr 2002, allerdings bei bedeutend niedrigeren Löhnen und Preisen) Kostenaufwand erforderten, waren ja nicht für mich da, sondern es wurde nur durch die Anwesenheit der vielen Mitwohnenden notwendig, zu deren Annehmlichkeit und Bequemlichkeit sie beitrugen.

Ich hätte alle diese Menschen nicht gebraucht. Aber es galt als selbstverständlich, daß ich alle diese Kosten allein trug. Nicht anders war es auch mit vielen Dingen, die ich gar nicht besonders erwähnen will. Aber es war, ganz nüchtern angesehen, fast unwirklich, und erst jetzt erscheint mir vieles in einem ganz anderen Lichte.

Daß ich noch Tausende Mittagsmahlzeiten an Bedürftige aus Vomp und Schwaz usw. ausgab, vervollständigt das Bild meines Wirkens. Während des letzten Jahres sind auch die Namen aller derer eingetragen worden, die derartige Speisungen geschenkt erhielten, wozu auch oft noch Kleidungen für Erwachsene und Kinder kamen.

Auch die Schule war nicht meinetwegen, sondern lediglich um der Kinder der anderen willen notwendig geworden, und es erforderte einen großen, jährlichen Zuschuß von meiner Seite, um Lehrkräfte und Raumverzinsung auszugleichen. Nicht anders erging es mir mit der elektrischen Wäscherei, mit der Küche und den Räumen für die gemeinsamen Mahlzeiten und allem, was dazu gehörte, wie auch mit der Seilbahn, Wegebau und Instandhaltung, Wasserversorgungsanlagen, Feuerwehr, ich kam allein dafür auf, wie überhaupt für alles, was die große Anzahl der Menschen mit sich brachte und zu deren Annehmlichkeiten zählte. Wenn ich dabei in alle Einzelheiten gehen wollte, müßte es trotz reinster Tatsache unwahrscheinlich klingen, würde aber nur wiederum zuletzt beweisen, daß ich zu sehr in meine schriftstellerischen Arbeiten vertieft war und darin lebte, um zu erkennen, wie oft und vielseitig ich ausgenützt wurde, gerade von allen denen, die sich dann gegen mich stellten, sobald sie nicht mehr Nutzen davon ziehen konnten.

Für mich war es von Anfang bis zum Ende eine Last, trotz hier und da eingestreuter Stunden wirklicher Freude. An einen Vorteil konnte gar kein Gedanke sein und es wäre auch nie dazu gekommen. Wer alles objektiv und richtig betrachtet, muß auch davon überzeugt werden. Ich kann nur sagen: Ich lebte das, was ich schrieb, da dies ja alles auch aus meiner lebendigen Überzeugung kam. Und das hatte nur das Wohl der anderen im Auge!

Was nun den SO oft gebrauchten Ausdruck “Sekte” betrifft oder “Religionsgemeinschaft”, so kann ich nur immer wieder sagen, daß dies nicht der Fall war! Schon seit Jahren habe ich nachweisbar immer wieder darauf hingewiesen, daß ich weder eine Kirche noch Sekte oder Religionsgemeinschaft gründen will, auch keine neue Religion bringe, sondern daß es lediglich meine Absicht ist, die in der Schöpfung wirkenden selbsttätigen Gesetze zu erklären, was kennen zu müssen wohl für einen jeden in dieser Schöpfung lebenden Menschen erforderlich ist und allen nur Nutzen geben kann.

Meine sämtlichen schriftstellerischen Arbeiten auf diesem Gebiete beweisen das auch. Deshalb brauche ich mich nicht weiter darüber auszulassen. Wenn sich nun in den verschiedenen Ländern und Staaten viel Leser meiner Werke für sich selbst zusammenfanden und zusammenschlossen als besonders eingetragene Vereinigungen, so ist das nur geschehen, um sich immer mehr in die schwierigen Stoffe vertiefen zu können; denn sie nahmen zur Grundlage ihres Zusammenschließens meine Werke, wie ja schließlich aus den jeweiligen Statuten deutlich hervorgehen muß. Ich hatte keinerlei Recht, derartiges zu verhindern, sah auch keinen Grund dazu.

Aber ich gehörte diesen Vereinigungen nie an, hatte auch keinerlei Vorteile daraus; denn diese arbeiten nur für sich selbst und zahlten naturgemäß auch ihre Beiträge nur für ihre Vereinigungen, so daß nicht einmal eine Zusammengehörigkeit dieser verschiedenstaatlichen Vereinigungen ingen unter sich bestand. Stiftungen einzelner Persönlichkeiten stehen damit nicht im Widerspruch. Es kann also auch deshalb von einer Sekte nicht gesprochen werden, sondern dies sind wiederum nur alles übelgemeinte Gerüchte gewesen, die vorwiegend mit vielen andern Unglaublichkeiten auch von verschiedenen Teilen der katholischen Kirche absichtlich verbreitet wurden, wie ich genau

weiß, weil diese in mir sonderbarerweise immer eine Art Konkurrenz sah und fürchtete, was aber ebenfalls unbegründet ist.

Von diesen Quellen gingen auch die Gerüchte über Nacktkulte und andere unsinnigen, meinem Leben und Werke direkt entgegenstehenden Dingen aus. So rückt alles bei genauerer Betrachtung in ein ganz anderes, richtiges Bild und wird von dieser tatsächlichen Grundlage aus wohl auch entsprechend beurteilt werden, aber niemals verurteilt.

Ich wollte das jeweilige Ergebnis meiner Beobachtungen und Forschungen auf dem Gebiete der selbständigen Schöpfungs- oder Naturgesetze den Menschen übermitteln und nutzbar machen lassen, sonst nichts. Auch das geht aus meinen Arbeiten deutlich genug hervor, was gerade darüber schon Beweis genug sein müßte.

Allein das Vorwort, das ich an die Spitze meines Hauptwerkes stellte, spricht gegen jede Sektiererei und zeigt klar den Weg, der für mich eine Grundlage geblieben ist.” Diese Niederschrift ist im Jahre 1939 in der Verbannung in Kipsdorf entstanden.

11.03.1936: Einkerkerung Abd-ru-shins wegen eines angeblichen Devisenvergehens.

Das sogenannte Devisenvergehen: Ein früherer Anhängers Abd-ru-shins, ein Nazi aus Schwaz/Tirol, war nach Deutschland geflüchtet und hatte dort bei der deutschen Zollbehörde Anzeige gegen Abd-ru-shin wegen Devisenvergehens erstattet. In Österreich gab es früher, wie in Deutschland, recht viele Nazis. Aufgrund der vielen tatsächlichen Verbesserungen im öffentlichen Leben durch die Nazis in schwierigen wirtschaftlichen und politischen Zeiten sowie ihrer wortgewaltigen Versprechen gibt es in Deutschland, und ganz Europa, und sogar in Übersee viele Sympathisanten der Nazis. Sogar in den USA gibt es eine NSDAP-ähnliche Partei, die ihr deutsches Vorbild strikt opiert. Als dann die Nazis aber mehr und mehr ihr wahres Gesicht zeigen, insbesondere durch die Verfolgung aller Andersdenkenden und der Juden, Zigeuner und Kommunisten, wachen viele Sympathisanten auf und wenden sich ab. Aber in Deutschland und Österreich bleiben viele unverbesserlich. Wegen dieser Anzeige fährt an diesem Tag überraschend ein deutsches Amts-Auto mit zwei deutschen Zollbeamten und mit zwei österreichischen Zollbeamten auf dem Vomperberg vor. Die Deutschen wollen Abd-ru-shin und seinen Sekretär Friedrich Halsband sofort und ohne gesetzliche Handhabe verhaften und nach Deutschland bringen.

Abd-ru-shin und Halseband widersetzen sich der Verhaftung und fordern eine Intervention der österreichischen Behörden, was auch geschieht. Aber mit der Folge, daß beide nach Innsbruck ins Gefängnis gebracht werden. Hinter der Aktion steht die Gestapo. Die Krankenschwester Berta Bohm und andere abtrünnige Gralsanhänger haben bei der Gestapo Anzeige erstattet, Abd-ru-shin wolle die politische Macht ergreifen. Die Gestapo will das angebliche Devisenvergehen nutzen, um Abd-ru-shin “unter der Hand” aus Österreich zu holen und seiner habhaft zu werden. Deshalb läßt die Gestapo nach der mißglückten Verhaftungs-Aktion auch nicht locker und stellt über den Präsidenten des Landesfinanzamtes München am 24.03.1936 ein Auslieferungsbegehren bei der Finanz-Landesdirektion in Innsbruck. Diese lehnt jedoch am 20.06.1936 ab. Aber Abd-ru-shin wird erst am 17.06.1936 aus dem Gefängnis entlassen. Fast drei Monate muß er unschuldig im Gefängnis sitzen. Das sogenannte Devisenvergehen: Der Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich war von den Nazis lange geplant. Da Österreich 1918 nach dem Verlust eines Großteiles seines Staatsgebietes sehr auf die Devisen der Touristen aus Deutschland angewiesen war, dachten sich die Nazis folgende perfide Maßnahme aus, um die Österreicher weich zu kochen: Für eine Ausreise-Erlaubnis nach Österreich mußte ein Reichsdeutscher eine Gebühr von 1.000 Reichsmark bezahlen, eine für die damalige Zeit recht hohe Summe. Damit wurde der Fremdenverkehr gänzlich unterbunden, mit allen negativen Folgen für die österreichische Volkswirtschaft.

Und für eine Geldüberweisung von Deutschland nach Österreich mußte eine Genehmigung der Devisenbehörde eingeholt werden, die immer schwieriger zu bekommen war. Das brachte Probleme für die reichsdeutschen Bewohner der Gralssiedlung mit sich, die auf ihr Geld aus Deutschland angewiesen waren. Aus diesem Grund ließen sich Siedlungsbewohner Reichsbanknoten über die Grenze bringen, um sie dann in Tirol bei einer Bank in österreichisches Geld (= österreichische Schilling) umzutauschen. Abd-ru-shin wußte davon natürlich nichts und war erst recht nicht daran beteiligt.

Trotzdem versuchten die Nazis, ihm diese Vergehen nach dem Deutschen Zollgesetz in die Schuhe zu schieben, und zwar aus politischen Gründen. Zum einen: Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 wurde Abd-ru-shin von dem damaligen deutschen Konsul in Innsbruck öfter aufgefordert, auf dem Vomperberg eine “Zelle des Deutschtums” im Sinne Hitlers zu bilden, was Abd-ru-shin natürlich stets mit Nachdruck ablehnte, da sein Wirken ausschließlich geistiger Natur und vollkommen unpolitisch ausgerichtet war. Zum zweiten wegen der besagten Anzeige der Bertha Bohm.

Sie und andere Abtrünnige der Gralsbewegung hatten bei der Gestapo Anzeige erstattet mit der bewußten und gezielten Lüge, Abd-ru-shin wolle die politische Macht ergreifen, was die Gestapo natürlich hellhörig werden ließ. Auf diese Weise wollten die Abtrünnigen Abd-ru- shin mit Hilfe der Nazis “unschädlich” machen. Daraufhin erschien päter in der Presse, die diese Lüge bewußt oder unbewußt nacherzählte, auch immer wieder die unsinnige Behauptung, Abd-ru-shin habe sich als Nachfolger Hitlers betrachtet. Aus diesen zwei Gründen wollte die Gestapo Abd-ru-shins habhaft werden. Bei den Beamten befand sich auch ein Kommissar Roth von der Gestapo (Gestapo = Geheime Staatspolizei des Dritten Reiches). Seine Äußerungen, sowie die Art der eingehenden Verhöre und die Hausdurchsuchungen in der Siedlung ließen folglich auch offen darauf schließen, daß das Ziel dieser dreisten Aktion war, Abd-ru-shin eigentlich wegen politischer Gründe habhaft zu werden und nach Deutschland zu schaffen. Die zwei mutigen österreichischen Zollbeamten haben das verhindert.

Die Gestapo gibt den Versuch nicht auf, sich Abd-ru-shin zu bemächtigen. Deshalb stellt der Präsident des Landesfinanzamtes in München am 24.03.1936 bei der Finanz-Landesdirektion für Tirol in Innsbruck ein Auslieferungsbegehren für Oskar Ernst Bernhardt und Friedrich Halseband wegen “unerlaubter Ausfuhr von Reichsbanknoten aus Deutschland” im Sinne des Rechtshilfevertrages zwischen Österreich und Deutschland. Die “Innsbrucker Nachrichten” schreiben hierzu am 18.03.1936: “Wenn Bernhardt und Halseband an das Deutsche Reich ausgeliefert werden, so ist das Schicksal der Gralssiedlung am Vomperberg besiegelt und ein ganz bedeutender (Wirtschafts-) Faktor des Bezirkes Schwaz und des Landes Tirol ein für allemal erledigt. Die interessierten Kreise können eine solche Möglichkeit einfach nicht fassen. Wenn die genannten Herren tatsächlich Mark nach Österreich gebracht haben sollen, so wurden sie der Österreichischen Wirtschaft zugeführt. Österreich kann sie dafür nicht strafen, indem es sie nach Deutschland ausliefert (das Devisenvergehen selbst war nur in Deutschland, nicht aber in Österreich strafbar)”.

In der ablehnenden Entscheidung des Präsidenten der Finanz-Landesdirektion Innsbruck vom 20.06. 1936 zum deutschen Auslieferungsbegehren heißt es: “Halseband ist der ihm zur Last gelegten Devisenverfehlungen vollständig geständig, behauptet jedoch, daß er ganz selbständig gehandelt und daß insbesondere Bernhardt weder einen Auftrag hierzu erteilt noch überhaupt davon gewußt habe. Bernhardt selbst leugnet selbst ebenfalls jede Anstiftung oder auch nur Mitwisserschaft. Beide bestreiten ferner die Zulässigkeit ihrer Auslieferung an das Deutsche Reich auf Grund obiger Verträge, da Zahlungsmittel im Sinne des Zollgesetzes keine Waren seien (Das Zollgesetz bezieht sich nur auf konkrete Schmuggelware, Geld sei in diesem Sinne keine Ware).… Aus dem Ermittlungsakt der Zollfahndungsstelle München (Zahl 348/35) endlich geht einwandfrei hervor, daß sich die Deutsche Geheime Staatspolizei mit der Bewegung der Gralsanhänger

eingehend beschäftigte, daß sich über die Bewegung bei genannter Behörde zwei ktenbände über Ermittlungen in politischer Hinsicht befinden, worin der Leiter der Bewegung, ein O.E. Bernhardt, genannt wird und als Geschäftsführer in allen Wirtschaftsfragen Friedrich Halseband angegeben ist. Weiter ergibt sich aus dieser Akte, daß der Hauptbelastungszeuge (die Krankenschwester Berta Bohm) mit der geheimen Staatspolizei wegen Bernhardt und Halseband in Verbindung steht, bei derselben einen Brief Halsebands erlegt (= ausgehändigt) hat und Bernhardt und Halseband beschuldigt, daß sie die “freiwilligen Gaben” der Gralsanhänger durch Drohung und große Versprechen zwecks Stärkung ihrer Macht zur baldigen politischen Machtergreifung erzwingen. Hierdurch scheint seitens der Auszuliefernden hinreichend glaubhaft gemacht ein strikter Nachweis ist der Lage des Falles nach nicht zu verlangen daß ihre Straftat, wenn auch nicht politischer Natur, so doch mit einer solchen in Zusammenhang steht, was nach obigen Ausführungen genügt, um die Auslieferung im vorliegenden Fall unzulässig erscheinen zu lassen.

Bei Bernhardt kommt überdies noch hinzu, daß die bisher gegen ihn vorliegenden Inzichten (= Beschuldigungen) nicht jene Beweiskraft besitzen, um ihn ernstlich der ihm zur Last gelegten Taten für verdächtig zu halten. Darum fehlt für Bernhardt auch die sachliche Begründung des Auslieferungsbegehrens…”

Sommer 1936: Während Abd-ru-shin im Gefängnis sitzt, beginnen die Zersetzungserscheinungen unter seinen Anhängern. Höchste Berufene wenden sich von ihm ab, ja, werden zu seinen Feinden. Das gehört mit zu seinen bittersten Erlebnissen. Auch sein mit den wirtschaftlichen Angelegenheiten befaßter Sekretär Friedrich Halseband verläßt ihn. Abd-ru-shin muß sich nun selbst um die ihm ittlerweile völlig artfremd gewordenen Wirtschaftsangelegenheiten kümmern, anstatt sich ganz auf seine geistigen Gedanken für das Niederschreiben seiner Gralsbotschaft zu konzentrieren. Sowie Kraft und Zeit auf die geistigen Geschehen erwenden zu können. An dieser Überforderung zerbricht er fast.

Überforderung: Wenn man abends müde von der Arbeit kommt, sich in einen Sessel setzt und Zeitung liest, und soll dann plötzlich aufstehen, um den Garten umzugraben, dann ist das eine Zumutung. Und wenn man gerade den Staubsauger repariert, und soll sich dann hinsetzen, um einen Geschäftsbrief schreiben, dann ist man leicht überfordert. Mit dieser Vorstellung kann man erahnen, wie schlimm die Zwickmühle für Abd-ru-shin ist, daß er einerseits die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Gralssiedlung lenken muß, er sich aber andererseits gezwungen fühlt, in Ruhe seine Gralsbotschaft zu Ende zu schreiben.

Am 2. Februar 1937 schreibt Abd-ru-shin an A. Giese sen. über seine Überforderung:

“Die Last, die man mir aufgebürdet hat in Untreue, wo ich auf Treue baute, sowie das durch diese sträflichen Oberflächlichkeiten und Eigensinnigkeiten wie mit tausend starken Ketten gefesselt sein, ist selbst für mich fast zu groß, namentlich da ich ja hier oben auf dem Berge so gut wie gar keine irdischen Hilfen habe, so daß es auch für mich fast zu viel wird. Wenn ich das Sorgen und nur materiell Denkenmüssen wenigstens zeitweise bannen könnte, würde es sofort besser werden, aber das ist ja nicht möglich, da ich Tag und Nacht an alles denken muß, während mich hier oben so gut wie kein Mensch wirklich richtig begreifen kann. Alle wissen nicht, was ich für sie tun muß, wozu sie mich gezwungen haben. Und das ist es, was bei allem noch den größten Druck verursacht: Die Begriffslosigkeit derer, die alles erst in ihrer lächerlichen Eitelkeit und in ihrem maßlosen Eigenwollen, den sie in alles geschoben haben, herbeiführen, während ich in vollkommener irdischer Ruhe hätte hier oben sein müssen!

Nun sind dann ja auch noch große geistige Vorgänge andauernd, die sich immer mehr steigern und für die ich eigentlich alle Kraft des Körpers nötig habe. Kurz: es ist fast zuviel.”

Der Sohn von Friedrich Halseband ist berufen worden, bei den Feiern als Fahnenträger zu fungieren. Und dauern die Feiern noch so lang, der junge Halsband steht unerschütterlich im Altarraum da wie eine Eins und hält die Gralsfahne (grasgrün mit einem goldenen Gralskreuz) in der Hand. Seine Mutter aber sagt: “Ich habe meine Männer auf den Berg gebracht (gemeint ist die Gralssiedlung auf dem Vomperberg), ich kann sie auch wieder abziehen!” Und so geschieht es dann auch. Seitdem steht die Gralsfahne bei den Feiern etwas erloren im Altarraum herum und ist an eine Wand gelehnt.

19.07.1936, etwa 18:45 Uhr: Beginn des “End-Gerichts” Siebter Jahrestag der Weltenwende. Während einer Feier mit ausgesuchten Gralsanhängern, welche um 18:00 Uhr beginnt, spricht Abd-ru-shin die Worte: “Vater, ich bitte Dich, laß (nun) das Geschehen rollen über diese Erde!” Damit beginnt das Gericht.

Das Endgericht: 19.07.1936, etwa 18:45 Uhr: Beginn des Endgerichts An diesem Tage jährt sich die “Weltenwende “zum siebenten Male. Anläßlich dieses Ereignisses hält Abd-ru-shin um 18:00 Uhr eine besondere Feier ab, zu der nur handverlesene Grals-Anhänger geladen sind. Während dieser Feier hält er der Menschheit in äußerst scharfer Form ihr Versagen vor und zeigt die drohenden Konsequenzen auf. Gegen Ende der Feier, also wohl um 18:45 Uhr, spricht er die bedeutungsvollen Worte: “Vater, ich bitte Dich, laß (nunmehr) das Geschehen rollen über diese Erde!” Damit beginnt das Gericht.

Wie alle Taten auf dieser Erde, so mußten auch diese Worte zunächst auf eiförmiger Bahn in den Kosmos hinauseilen (vgl. GB II, 4, 20). Aber beim Zurückfluten in der Wechselwirkung lösen sie sich nach und nach als Endgericht aus. Damals, als Abd-ru-shin noch in einem grobstofflichen Körper auf der Erde weilte, hat sein Inneres als machtvoller Magnet auf diese Worte gewirkt. Mit der Folge, daß sich diese seine Worte noch zu seinen Lebzeiten als Endgericht ausgewirkt hätten. Hierin liegt der Grund, warum seine treuen Anhänger das Endgericht noch zu ihren Lebzeiten erwarteten und entsprechende Vorkehrungen getroffen haben (siehe auch die Getreideeinlagerungen durch Abd-ru-shin auf dem Dachboden des Gästehauses).

Durch das verfrühte Abberufenwerden Abd-ru-shins von dieser Erde hat sich die Situation gewandelt. Das Gericht als Wechselwirkung dieser Worte benötigt nunmehr viel länger, um sich auszulösen. Nun gibt es viele unkundige Gralsanhänger, die um diese Zusammenhänge nicht wissen, aber trotzdem zu sagen wagen, Abd-ru-shin habe mit seiner Aussage gelogen/falsch spekuliert, daß mit ihm/zu seinen Lebzeiten das Gericht kommt. Noch größer ist allerdings die Anzahl derjenigen Gralsanhänger, denen diese Sachverhalte völlig egal sind. Ja, die sogar absichtlich ihre Ohren zuhalten, um auf gar keinen Fall in ihrem gewohnten Trott gestört zu werden. (Von dem Rest der Menschen mal ganz abgesehen). Und auch die Hirten dieser unwissenden Schafe machen unter Umständen einen Fehler, wenn sie nicht auf ein Minimum an Gralswissen bei den ihnen anvertrauten Menschen achten. Katechese scheint ihnen offensichtlich eine unbekannte, vielleicht sogar unbequeme Pflicht zu sein.

Jeder (echte) Gralsanhänger weiß auch, wo sich das Gericht zuerst bemerkbar machen wird. Denn er kennt die Worte Abd-ru-shins: “An Euch, Ihr Träger vom Kreuze des heiligen Grals, muß sich das Wort zuerst erfüllen!” Kurz, als erstes wird es den “echten Gralspapst” treffen, womit das Schicksal selbst die Lösung der Schisma-Frage offenbaren wird. Von ihm greifen die reinigenden Strahlen langsam auf seine Familie über, während als nächster in direkter Linie der “falsche Gralspapst” dran ist. Während nun dessen Familie so langsam von der Flammenglut umfangen wird, sind die Jünger mit ihren Familien dran. Danach die Goldenkreuzer mit den ihnen umgebenden Menschen. Wenn die Reinigung das Gralsfußvolk erreicht hat, greift sie

anschließend auf die ganze Menschheit und die gesamte Nachschöpfung über. Diese kaskadenmäßige Ausbreitung kann man auch als “Domino-Effekt” bezeichnen.

Nun gibt es aber noch ganz besonders Dumme unter den Grals-Anhängern, die sich jedoch trotzdem für überaus klug und weise halten, die sagen, daß Abd-ru-shin bei einer anderen Feier auf dem Vomperberg gesprochen hat, daß sich nunmehr das Leid auf den Weg zur Menschheit gemacht habe. Hierin wollen sie den Beginn des Gerichtes sehen, der ohne die Mitwirkung Abd-ru-shins zustande kam. Klopft man bei diesen Oberschlaubergern etwas auf den Busch, dann kann man ohne weiteres feststellen, daß diesen Witzfiguren der Beginn des Gerichtes eigentlich völlig gleichgültig ist.

Sie ärgern sich bloß darüber, daß andere Menschen eine Wahrheit von sich geben, die diesen weisen Leuten Ehre beim Publikum einbringt, die sie auch gern hätten. So glauben sie jedenfalls. Und in der unbewußten Kenntnis des eigenen Unwissens ärgern sie sich kriminell über das Wissen

der anderen. Was sie dann natürlich zu diesen widerwärtigen Begeiferern werden läßt. Doch um auch hierin Klarheit zu schaffen, seien diese Worte Abd-ru-shins ebenfalls erklärt: Mit den Worten, daß sich das Leid nunmehr auf den Weg zur Menschheit gemacht habe, wollte Abr-ru-shin nicht ausdrücken, daß seine vorherige Bitte mittlerweile an den Thronesstufen Gottes angelangt waren und nunmehr als Echo die Erfüllung bringen. Nein, sondern er wollte damit den Menschen mitteilen, daß nunmehr auch der Komet, der Betlehemstern, aus dem urgeistigen Reiche abgeschickt wurde, um die Erfüllung des Gerichtes zu erzwingen. Die diesbezüglichen Einzelheiten möge der geneigte Leser in der Gralsbotschaft nachlesen; sie sind dort genau beschrieben. Unter anderem, daß der Stern zum exakt berechneten und vorgesehenen Zeitpunkt bei der Erde eintreffen wird. Hier gilt es noch zu wissen, daß der Weltenlenker durchaus die Möglichkeit hat, den Flug des Sternes etwas abzubremsen oder zu beschleunigen, vielleicht sogar auf einem Orbit zu parken, falls unvorhergesehene Umstände dies erforderlich machen. Man weiß dies aus der Astrologie, wo auch mächtige Wesenheiten die Strahlungen der Sterne hemmen und beschleunigen können, so daß sich manchmal ganz erstaunliche Konstellations-Orben ergeben. Oder auch die Strahlungen spiegeln, so dass sich deren Wirkungen umkehren. Kein Dummbeutel soll sich deshalb erdreisten zu sagen, weil der Betlehemstern nicht zu Lebzeiten Abd-ru-shins erschienen sei, fällt das Gericht nunmehr ins Wasser, und ähnlichen Unsinn.

Diese Kenntnisse um das Gericht wurden von Herrn Otto Ernst Fritsch der Nachwelt überliefert, der ein getreuer Weggefährte Abd-ru-shins auf dem Vomperberg war. Und auch in den Memoiren des getreuen Herrn Wagner, der sowohl auf dem Vomperberg als auch in Kipsdorf täglich Zugang zu Abd-ru-shin hatte, wird diese bedeutungsvolle Feier in der angegebenen Weise geschildert. Und Herr Fritsch ausdrücklich als Teilnehmer dieser Feier benannt. Weswegen man dieses Wissen mit Fug und Recht als authentisch überliefert bezeichnet darf.

September 1936: Unter dem Eindruck des Wütens der Nazi gegen alle Andersdenkenden beschließt der “Naturphilosophische Verein” in Berlin seine Selbstauflösung.

Im Jahr 1937: Oberhalb der Gralssiedlung, wo der Wald anfängt, befindet sich eine einfache Jagdhütte, das “Waldhaus”. Abd-ru-shin erwirbt es. Nach einer kurzfristigen Vermietung an Private wird es gründlich renoviert. Abd-ru-shin nutzt es ab dem Herbst. Er weilt hier oft mit Frau Maria und Fräulein Irmingard in den letzten Monaten vor der Beschlagnahme der Siedlung durch die Nazis, wenn er einmal für kurze Zeit fern von den Menschen sein will, die ihm so viele Enttäuschungen bereiten. Auch ein Teil seiner Vorträge entsteht hier. Abd-ru-shin nennt das Waldhaus “Gralsfrieden”, weil er hier tiefen Frieden und Freude empfinden kann.

>>> Haus Gralsfrieden >>>

Juli 1937: Der “Naturphilosophische Verein” wird im Rahmen einer Nazi-Säuberungsaktion

im nachhinein verboten. Akten und Vermögen werden beschlagnahmt. Die Vereinsmitglieder

müssen Schmähungen und entwürdigende Verhöre über sich ergehen lassen.

12.08.1937: Abd-ru-shins Verlag “Der Ruf” in München wird von der Gestapo verboten, Bücher und Zeitschriften “zum Schutz von Volk und Staat” beschlagnahmt. Von jetzt an kann Abd-ru-shin seine Schriften nicht mehr verbreiten.

Herbst 1937: Abd-ru-shin regt den Bau eines Glockenturms an. An den drei Glocken sollen die Symbole Schwert, Rose und Lilie angebracht werden. Das Kreuz auf dem Turm soll transparent und elektrisch beleuchtet sein. Bei der Glockengießerei (Grassmayr?) in Innsbruck will er schon das Metall für den Guß bestellen, weil eine Preiserhöhung für Metall bevorsteht. Aber auch dieses Projekt kann Abd-ru-shin nicht mehr verwirklichen.

12.03.1938 05:00 Uhr: Deutsche Truppen überschreiten die Grenze zu Österreich: Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich.

12.03.1938 12:00 Uhr: Noch am gleichen Tag wird Abd-ru-shin mittags von der Gestapo auf dem Vomperberg verhaftet und in “Schutzhaft” genommen. Dann wird er in den Beiwagen eines Motorrades gesetzt und von zwei Schwazer Nazis, ins Polizeigefängnis nach Innsbruck gebracht. Einer davon war ein Schwazer Geschäftsmann mit Namen Prem. Er hat unter anderem die Kassette mit den Diademen der Damen gestohlen. Die Zellen im Polizeigefängnis wurden mit fünf Häftlingen belegt.

Schutzhaft: Um einen Bürger verhaften zu können, benötigt die Polizei einen richterlichen Haftbefehl, wegen des Prinzips der Gewaltenteilung. Sie kann ein Verhaftung nicht auf eigenes Gutdünken hin vornehmen. Das fing in England mit der “Magna Carta libertatum” vom 15.06.1215 und der “Petition of Rights” vom Mai 1628 an und wurde das erste Mal in England mit der “Habeas-Corpus”-Akte von 1679 festgeschrieben. Dieses Verfahren setze sich nach der Französischen Revolution (1789) und Deutschen Revolution (1848) in Europa allgemein durch. Allerdings kann die Polizei nur Personen verhaften, die einer Straftat im Sinne des Strafgesetzbuches dringend verdächtig sind. Was macht man also mit Personen, die man aus politischen Gründen einbuchten will? Die Nazis haben hier die sogenannte “Schutzhaft” benützt.

Eine solche “Haft” wurde früher einmal erfunden, um jemanden zu seinem eigenen Schutz ins Gefängnis bringen zu können, damit er beispielsweise von der Volksmenge nicht gelyncht wird. Dieser Sinn ging immer mehr verloren. Kriminelle wurden in Haft genommen, alle anderen in Schutzhaft. Die Nazis haben diese “Schutzhaft” übernommen und für ihre kriminellen Zwecke mißbraucht. Normalerweise besorgt die Polizei Beweise gegen einen Verdächtigen.

Diese Beweise legt sie dem Haftrichter vor. Der entscheidet dann über eine Verhaftung. Wenn ja, stellt er der Polizei einen Haftbefehl aus. Dann darf die Polizei den Betreffenden verhaften. Genau so verhält es sich mit der Gestapo, der “Geheimen Staatspolizei”, die ja auch immerhin noch zur “Polizei” gehört. Sie muß ausreichende Beweise vorlegen und sich dann einen Schutzhaftbefehl ausstellen lassen. Anschließend kann sie ihr Opfer verhaften. Schließlich will die Gestapo wenigstens noch den Anschein des Recht aufrechterhalten, vermutlich auch um das eigene Gewissen zu beruhigen.

Bei Abd-ru-shin verstößt sie gegen das Gesetz, indem sie ihn ohne Schutzhaftbefehl verhaftet. Den schiebt sie dann erst einen Monat später, am 14.04.1938 nach, um wenigstens einen Rest von Anschein des Rechtes noch zu wahren. Somit ist ihre Willkür gegen Abd-ru-shin hinreichend belegt. Genau wie auch bei seiner Enteignung.

Der notwendige Schutzhaftbefehl mit der Nummer 3093 wird erst am 14.04.1938 in Berlin ausgestellt. Seine fadenscheinige Begründung: “Er gefährdet nach dem Ergebnis der staatspolizeilichen Feststellungen durch sein Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und des Staates, indem er sich für den verbotenen Naturphilosophischen Verein von Gralsanhängern e. V. Betätigte.” Naturphilosophischer Verein:

Abd-ru-shin weist wiederholt daraus hin, daß er kein neue Religion, keine Kirche usw. gründet, sondern nur ganz schlicht eine Erklärung der Schöpfungsgesetze bringt.

Daraufhin wollen seine ersten Anhänger von ihm wissen: Wenn sie nun von anderen Menschen gefragt werden, wem oder was sie da anhängen, was sollen sie antworten?

Da antwortet Abd-ru-shin: Eine “Naturphilosophie”. Eine Philosophie ist eine Erklärung der Welt, ihrer Wirkungsweise, und des menschlichen Lebens. Und seine Erklärung bezieht sich auf die Schöpfungsgesetze, also auf die Natur. Daraufhin nennen die Grals-Anhänger in Berlin ihre Vereinigung einen “Naturphilosophischen Verein”.

Abd-ru-shin’s Mithäftlinge, unter anderem sein Zellengenosse, der Landeshauptmann von Tirol (“Landeshauptmann” entspricht in etwa einem “Ministerpräsidenten” eines Bundeslandes in Deutschland), bescheinigen Abd-ru-shin nach1945, daß er die Haft in vorbildlicher Haltung erträgt. Die Gralssiedlung wird sofort unter die Verwaltung der SS gestellt. Ein SS-Kommissar namens Hilliges mit Dienststelle in Innsbruck wird für die Siedlung auf dem Berge als verantwortlicher Beauftragter eingesetzt. 40 SS-Leute besetzen den Vomperberg. Sie durchstöbern alles, zerstören dabei vieles, werfen in den Büros alles durcheinander, verbrennen viele Sachen. Insbesondere sind sie auf der Suche nach geheimen Schriften und Gegenständen. Doch nach kurzer Zeit müssen sie frustriert feststellen, daß sich hier oben kein Geheimbund etabliert hat, sondern alles mit normalen Dingen zugeht, und die Bewohner im Grunde genommen arglose und friedliche Bürger sind. Deshalb werden binnen kurzem die meisten Wachen abgezogen. Einige bleiben unter einem Nazi-Verwalter namens Mayer zurück. Um allerdings in den Tempel hineinzugehen, dazu sind die Nazis viel zu feige. “Dort geht ein Spuk um!” sagten sie. Darum hat keiner von ihnen den Tempel betreten. Sie haben ihn nur versiegelt und jederman das Betreten verboten. Die meisten Siedlungsbewohner müssen den Berg unverzüglich verlassen. Nur solche dürfen/müssen bleiben, die zum Aufrechterhalten des Betriebes unbedingt gebraucht werden. Die Damen werden im Frank-Haus zunächst unter Hausarrest gestellt, der aber nach einiger zeit wieder aufgehoben wird.

Im Spätsommer mieten sich die Damen in Innsbruck in der Hungerburg ein, weil sie von dort aus besser Abd-ru-shin täglich besuchen können. Die Haft dauert knapp vier Monate bis Anfang September 1938. Sie nimmt Abd-ru-shin sehr mit, da er von den Nazis viel gedemütigt und oft durch Kreuzverhöre fertig gemacht wird, um belastende Aussagen aus ihm herauszuquetschen. Was aber nicht gelingt, weil es nichts Belastendes gibt.

09.06.1938: Offizielle Enteignung der Gralssiedlung durch die SS-Leute ohne Entschädigung. Die Siedlung wird von ihnen einem “besseren Zweck” zugeführt und zur “Gauschulungsburg” umfunktioniert. Nun muß noch ein juristischer Grund für diese gesetzeswidrige Enteignung gefunden werden. Deshalb wird auf Veranlassung des nationalsozialistischen Gauleiters (~ “Landeshauptmann/Ministerpräsident”) Hofer aufgrund von Aussagen abgefallener Grals-Anhänger gegen Abd-ru-shin Anklage wegen schweren Betruges erhoben. Bei Verurteilung kann man bequem sein Vermögenkonfisziert halten. Dieser Strafprozeß dauert drei Jahre, von 1938 bis 1941, und endet mit einem Freispruch. Trotzdem wird der Vomperberg von der SS illegaler Weise nicht wieder an Abd-ru-shin herausgegeben.

Die “Gauschulungsburg”: Diese Enteignung hat mehrere Gründe. Zum einen ist da die Rache für das vergebliche Bemühen des deutschen Konsuls in Innsbruck ab 1933, Abd-ru- shin solle seine Gralssiedlung auf dem Vomperberg zu einer Zelle des Deutschtums Hitler’scher Prägung machen, was dieser immer strikt ablehnte. Zum anderen gibt es Vorläufer. Die gierigen, gesetzlosen Menschen in der SS haben bei vielen esoterischen und mystischen Vereinen das Vermögen und die Immobilien konfisziert und sehr oft nach außen hin plausible Gründe dafür gefunden. Und so meinen die SS-Leute, daß sie auch mit dem Vomperberg leichtes Spiel hätten, da ja genügend Anzeigen aus Abd-ru-shins eigenen Reihen, den Abtrünnigen, vorliegen. Deswegen haben sie beim Anschluß Österreichs keine Vorsicht walten lassen, sondern die Gralssiedlung voreilig konfisziert. Sie wollen aus ihr eine “Gau-Schulungsburg” machen. Also eine Stätte im Gau Tirol, in der Nazi-Tiroler zu SS-Kadern geschmiedet werden.

Da ist dann das Erstaunen groß, als sich herausstellt, daß es sich bei den Anschuldigungen der Abtrünnigen durchweg um Märchen handelt. Aber die Menschen in der SS haben die Größe nicht, ihren Fehler einzugestehen und den Vomperberg zurückzugeben. Außerdem wollten sie den Vomperberg sowieso behalten. Also versuchen sie es andersherum und strengen den

Betrugsprozeß gegen Abd-ru-shin an. Denn bei einer Verurteilung wegen Betrugs können sie den Vomperberg als konfisziertes Eigentum behalten.

Als auch dieser Betrugsprozeß mißlingt, trotz der Drohungen und Einschüchterungen und anderer unsauberer Methoden der SS-Leute gegenüber der Justiz, behalten diese den Vomperberg trotzdem.

Der damalige Untersuchungsrichter führt die umfangreichen Voruntersuchungen (über 100 Zeugen) in durchaus sachlicher Weise. Er gibt sich die größte Mühe, Wahres und Falsches zu trennen. Da er letztendlich keinen Grund für eine Anklageerhebung finden kann, stellt er die Voruntersuchungen am 26.02.1941 ein. Das ist sehr mutig in Anbetracht der verärgerten SS/Gestapo.

Sämtliche diesbezügliche Akten werden bei einem Bombenangriff der Amerikaner auf Innsbruck vernichtet, bei dem auch das Landgericht getroffen wird.

Anfang Juli 1938: Dem Gralsanhänger Hellmuth Müller-Schlauroth gelingt es über Beziehungen zur Schwester Grete des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß, bis um Stellvertreter von Heinrich Himmler, des Reichsführers SS, vorzudringen und ein klärendes Gespräch über Abd-ru-shin zu führen (siehe weiter unten unter “Beschreibung der letzten Erdenzeit Abd-ru-shins”).

Abd-ru-shin kommt durch diese lebensgefährlichen Bemühungen und nicht zuletzt durch seine überzeugenden Aussagen und sein sachliches Verhalten schließlich frei. Er wird nach fast vier Monaten Anfang August 1938 aus der Haft entlassen. Allerdings unter zwei Auflagen: Herr Hellmuth Müller-Schlauroth haftet persönlich mit seinem Leben und mit seinem Eigentum dafür, daß Abd-ru-shin nicht flüchtig wird; Abd-ru-shin muß einen Zwangsaufenthalt unter der Aufsicht der Gestapo nehmen, wobei er zwischen Igls (= ein Dorf bei Innsbruck) oder der Wohnung von Herrn Hellmuth Müller-Schlauroth in Schlauroth bei Görlitz/Sachsen wählen kann. Abd-ru-shin entscheidet sich spontan für Schlauroth. Damit wird Abd-ru-shin durch seinen Jünger, Herrn Hellmuth Müller-Schlauroth, das fürchterliche Leben in einem Konzentrationslager (= “KZ”) mit anschließender Ermordung erspart.

19.7.1938: Die Gralsbewegung und die Gralssiedlung hören offiziell auf zu bestehen. Abd-ru-shin gibt eine entsprechende Erklärung ab.

Die gesamte Gralsbewegung umfaßt nie mehr als 600 – 800 Anhänger, von denen bis zu diesem Zeitpunkt etwa die Hälfte wieder abfallen, und zum Teil sogar zu erbitterten Feinden Abd-ru-shins werden.

Die Erklärung Abd-ru-shins vom 19. Juli 1938:

Abschrift

Erklärung

Es hat mir stets ferngelegen, mit dieser meiner Überzeugung, die in meinen Werken über das Schöpfungswissen begründet ist, etwa Handel zu treiben, was mir wie eine Entweihung meiner Aufgabe erscheinen würde. Nicht ich als Person bin deshalb Anlaß und Mittelpunkt alles bisher Geschehenen, wozu auch die Zusammenschlüsse eigener Vereinigungen gehören, sondern lediglich meine Werke „Im Lichte der Wahrheit” als „Neue Gralsbotschaft”.

Alle Menschen traten erst nach dem Lesen meiner Arbeiten in Verbindung mit mir, nie vorher, als Folge eigener und freier Überzeugung der Richtigkeit meiner Ausführungen.

Wenn nun solche Menschen, die sich durch meine Werke innerlich von einer großen Unklarheit und von schwerem Druck befreit fühlen, in Dankbarkeit und Freude mir hier und da Aufmerksamkeiten verschiedener Arten erweisen wollten, so lag für mich kein Grund vor, diese zurückzuweisen, und meines Wissens hat auch niemand ein Recht, mir Annahme derartiger Dinge als Unrecht oder gar Betrug vorzuwerfen.

Außerdem habe ich oft erfahren müssen, daß eine Zurückweisung diese Menschen tief verletzte, während sie mir stets versicherten, daß eine Annahme für die Gebenden selbst große Freude sei.

Ich bemerke, daß alle eventuell noch bestehenden ausländischen Organisationen, die auf der Gralslehre aufgebaut sind, eine eventuelle Weiterführung ihrer Tätigkeit auf eine nur den Gesetzen ihres Landes verantwortliche Art beschränken müssen, da ich selbst mit diesen Organisationen in keiner Weise mehr irgend etwas zu tun habe und jegliches in dieser Richtung von mir gegebene Mandat – sei es geschäftlicher, sei es organisatorischer Art – von mir als erloschen zu betrachten ist. Es ist niemand befugt, sich auf eine Auftragserteilung irgendwelcher Art meinerseits weiterhin zu berufen:

Alle von mir erteilten geschäftlichen und privaten Mandate sind erloschen. Lediglich die Vollmacht auf Rechtsanwalt Dr. Karl Polaczek bleibt aufrecht, der im Sinne meiner Weisungen Verfügungen zu treffen berechtigt ist.

Ich fordere alle meine ehemaligen Anhänger auf, jede Gemeinschaft, jedes Zusammenarbeiten und jede Betätigung, welche auf eine Fortführung der von mir geleiteten Bewegung schließen läßt, zu unterlassen.

Insbesondere ist mein Wunsch, daß alle ehemaligen Angehörigen am Vomperberg diese Siedlung oder deren Umgebung ehebaldigst verlassen mögen.

Es muß auch nur der Anschein vermieden werden, als ob die Bewegung in irgend einer Form fortgesetzt wird. Wer meinen diesbezüglichen Wünschen entgegenhandelt, handelt gegen mich und auf eigene Verantwortung.

Innsbruck, 19. Juli 1938

Oskar Bernhardt

(Eigenhändige Unterschrift)

Die Richtigkeit der Abschrift wird bestätigt, das

Original befindet sich in meiner Verwahrung.

Rechtsanwalt Dr. K. Polaczek

Innsbruck, Gilmstr. 10/1

Telefon 1474

Soweit die Erklärung Abd-ru-shins.

Wer genau hinhören kann, der hört aus dem Text trotz der galanten Formulierung doch die ganze Bitternis Abd-ru-shins heraus, der hiermit sein Lebenswerk begräbt. Und zieht hochachtungsvoll den Hut vor soviel menschlicher Größe, die trotz der Vernichtung des Lebenswerkes die Contenance zu wahren weiß.

Trotz der Stunde Null, die hier Abd-ru-shin schlägt, denkt er noch an seine Anhänger und Siedlungsbewohner. Denn diese Erklärung ist nicht nur als Schlußstrich unter die Ruinen seines Lebenswerkes gedacht. Sondern sie dient auch als Schutz seiner Gralsanhänger vor den Verfolgungen der Nazis und der Gestapo, weil ihnen hiermit ein Persilschein ausgestellt wird, da sie ja nunmehr mit Abd-ru-shin überhaupt nichts mehr zu tun haben.

Damit nun keine falschen Vorstellungen entstehen. Abd-ru-shin hat hiermit nicht aufgegeben.

Zwei Monate nach dieser Erklärung ist Abd-ru-shin aus dem Gefängnis entlassen worden. Er ging dann nach Schlauroth und war für niemanden zu sprechen. Dort hat er sich etwas erholt.

Doch das Leben geht weiter. Er wäre nicht Abd-ru-shin gewesen, wenn er in dieser Atempause nicht Pläne für die Zukunft geschmiedet hätte. Und als das Ergebnis seiner Überlegungen vorlag, ist er mit seiner Familie nach Kipsdorf gegangen. Dort hat er seine Gralsbotschaft umgeschrieben in die “Ausgabe letzter Hand”. Sie hat jetzt die Form, wie Abd-ru-shin sie für die Zukunft braucht. Wer also weiterhin die “alte” Botschaft benützt, der behindert den von Abd-ru-shin geplanten neuen Aufbau. Konsequenter Weise hat Abd-ru-shin in Kipsdorf wieder reichlich Besuch empfangen. Und zwar deshalb, um sozusagen Aufträge für die von ihm geplante Zukunft zu erteilen. So liegen Gesprächsberichte von Besuchern Abd-ru-shins aus jener Zeit vor, aus denen sich schemenhaft erkennen läßt, wohin die Reise der Gralsbewegung in Zukunft gehen soll.

Und als Abd-ru-shin sozusagen sein Haus bestellt hatte, ist er von dieser Erde gegangen.

26.8. 1938: Es gibt Gralsanhänger, die sich zwar als Anhänger Abd-ru-shins sehen, aber von Frau Maria und Fräulein Irmingard nichts wissen wollen. Sie behaupten, diese Damen hätten sich von Abd-ru-shin getrennt, hätten versagt, und ähnliches. An diesem Tag gibt Abd-ru-shin eine Erklärung ab, die dem entgegentritt. Nach 1945 gibt es abgefallene Gralsanhänger, die diese Meinung wieder aufgreifen.

Erklärung Abd-ru-shins vom 26. August 1938 vor dem Untersuchungsrichter im

Landgericht Innsbruck während seiner Haft betreffend seine Familie:

“Herr Bernhardt (= Abd-ru-shin) ermächtigt Herrn Dr. Polaczek (= sein Rechtsanwalt) gegenüber jederman zu erklären, daß er jeden Versuch, ihn von seiner Familie zu trennen, als die größte Schädigung und Beleidigung ansehe und wünsche, daß seine Familienangelegenheiten von niemand zum Gegenstande von Unterhaltungen gemacht werde.”

Darüber hinaus äußert sich Abd-ru-shin nach seiner Haftentlassung zu dieser Angelegenheit nochmals, daß jede gegen Frau Maria und Fräulein Irmingard gerichtete üble Nachrede ihn persönlich treffe!

Man kann davon ausgehen, daß das Gleiche auch für Herrn Alexander sowie für das Ehepaar Vollmann gilt!

19.9.1938; morgens: Am diesem Freitag wird Abd-ru-shin aus der Haft im Innsbrucker Polizeigefängnis entlassen.

19.9.1938; 18.00 Uhr: Abd-ru-shin und die Damen treffen auf dem Bahnhof in Görlitz ein. Von dort geht es mit dem Auto in das nahegelegene Schlauroth auf das Rittergut seines getreuen und todesmutigen Anhängers und Jüngers Hellmuth Müller-Schlauroth. Zuvor sind Herr Alexander und dessen persönlicher Betreuer, der Gralssiedlungs- Mitarbeiter Walter Fox, mit dem Wagen in Schlauroth angekommen. Die Herrschaften empfangen keine Besucher mehr.

Anfang 1939: Abd-ru-shin und Familie beschließen, nach Kipsdorf (= ein kleiner Erholungsort südlich von Dresden im Erzgebirge) umzusiedeln. Dort wird ihnen der Schweizerhof zur Verfügung gestellt. Dieses Feriendomizil gehört dem Fabrikanten Otto Giesecke aus Berlin, einem Anhänger Abd-ru-shins. Die Gestapo stimmt der Umsiedlung zu. Der Schweizerhof befindet sich in einem erbärmlichen Zustand, verlottert und vermodert. Er wird von Gralsanhängern für die Herrschaften renoviert. Es gelingt, das verwahrloste Haus in einen einigermaßen guten Zustand zu bringen. Der Eigentümer Giesecke jedoch quält dabei seine Mit-Gralsanhänger durch Knickrigkeit (obwohl er sehr reich ist) und durch Hinhalten und Hinauszögern der Erfüllung von Zusagen, und durch Lieb-Kind-Machen bei den Nazis. Doch auch er erhält dafür seinen Lohn: Gegen Schluß des Krieges ereilt ihn ein furchtbares Ende. Die zunächst in Innsbruck und dann in Rosenheim eingelagerten Möbel der Herrschaften werden nach Kipsdorf gebracht.

27. März 1939: Abd-ru-shin siedelt mit seiner Familie in den Schweizerhof über. Ab jetzt empfängt er wieder Besucher.

Der Schweizer Hof in Kipsdorf / Erzgebirge: Wenn man Dresden in Richtung Süden verläßt, fährt man zunächst durch eine hügelige Landschaft. Dann gelangt man zu einem Tal, das in das Erzgebirge hineinführt. Das ganze erinnert stark an den Schwarzwald oder den Harz. Dieses Tal teilen sich eine Straße, die nach Böhmen führt (die Grenze ist nur etwa 10 Km von Kipsdorf entfernt) und die Schmalspurbahn.

Kipsdorf besteht nun eigentlich nur aus einem Stück dieser Straße, sowie einigen Nebenstraßen und ein paar Häusern. Etwa in der Ortsmitte weitet sich das Tal etwas. Dort befindet sich der Bahnhof. Noch ein Stückchen weiter zweigt rechts eine steile Straße nach Oberkipsdorf ab. Nach ein paar hundert Metern gelangt man an eine Wegespinne. Dort befindet sich jetzt in einem Umbau das Restaurant “Berghaus” (im Internet unter “berghaus-kipsdorf.de”).

Scharf links biegt der Bärenfelser Weg ab. Etwa hundert Meter weiter befindet sich auf der rechten Seite der “Schweizer Hof” mit der Hausnummer 11, das Sterbehaus von Abd-ru-shin. Oberhalb des Schweizer Hofes befindet sich der dazugehörige Bauernhof, ein schmucker Gutshof, der aus einem Wohngebäude, einem Wirtschaftsgebäude und kleineren Nebengebäuden besteht.

In den Jahren 1939-41: Abd-ru-shin überarbeitet seine Gralsbotschaft zur “Ausgabe letzter Hand”. Er gibt seinen Vorträgen eine neue Reihenfolge und verteilt sie auf drei Bücher: Band I, II, III.

26.6.1940: Abd-ru-shin wird ein letztes Mal durch die Gestapo in Dippoldiswalde (bei Kipsdorf) verhört. Anlaß ist eine weitere Denunziation und bewußte Täuschung der Behörden durch Abtrünnige Beschreibung der letzten Erdenzeit Abd-ru-shins durch seinen Jünger Hellmuth Müller-Schlauroth: Abd-ru-shins Zeit im Polizei-Gefängnis von Innsbruck, die Umstände seines Freikommens, die Zeit in Schlauroth, die Zeit in Kipsdorf, und der Bericht über den Todestag Abd-ru-shins.

Das Nachfolgende ist dem Büchlein “Hellmuth Müller-Schlauroth – Jünger des Herrn” entnommen, herausgegeben von Werner Poost, Herbst 1986. Der Text ist original, nur um wenige Worte gekürzt und geändert, um ihn auch für Außenstehende lesbar zu machen. Mit “HERR” hier im Text ist Abd-ru-shin gemeint. Kursiv Geschriebenes in Klammern sind Anmerkungen der Redaktion.

Vorwort des Herausgebers: Der Name Schlauroth ist den meisten Kreuzträgern bekannt als Aufenthaltsort von Abd-ru-shin nach Haft und Enteignung durch die Nazis im Jahre 1938.

Wer aber weiß schon um den treuesten Jünger, der allein sich bis zum Stellvertreter Himmlers vorwagte, um die Haftentlassung des HERRN zu bewirken: Hellmuth Müller-Schlauroth! Auf dem Rittergut Schlauroth bei Görlitz nahm er die Herrschaften auf. Er mußte der Gestapo persönlich für den HERRN haften, auch nach der Übersiedlung der Herrschaften nach Kipsdorf.

Über sein Erleben beim HERRN in der Zurückgezogenheit bis hin zum Weggang Abd-ru-shins1941 berichtete der Jünger. – Dieses Zeugnis zu bewahren und auch ferneren Generationen weiterzugeben, soll die Herausgabe dieses Heftes dienen.

Herbst 1986

Werner Poost

Begegnung mit dem HERRN

Erinnerungen und Gedanken seines Jüngers Hellmuth

Müller-Schlauroth

Mit dieser Niederschrift komme ich dem Wunsche vieler Kreuzträger nach, die mich schon seit langem darum gebeten haben. Soweit es sich um weit zurückliegende Ereignisse handelt, sind diese zum Teil aus der Erinnerung, zum anderen Teil unter Zuhilfenahme von Akten und Aufzeichnungen niedergeschrieben worden. Aus der Erinnerung habe ich nur das aufgezeichnet, was unverrückbar und klar in meinem Gedächtnis steht.

Anläßlich der Lilienfeier im September 1935 bin ich vom HERRN versiegelt worden. Unmittelbar nach der Feier ließ der HERR mich zu sich rufen. In einer fast zwei Stunden währenden Audienz erwies der HERR mir so unverkennbares Wohlwollen, daß ich das Empfinden hatte, in einer Fülle von Licht zu stehen. Während dieses Zusammenseins äußerte ich unter anderem, daß ich der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei angehöre, nun aber die Absicht habe, aus dieser Partei auszutreten. Davon riet der HERR mir mit dem Bemerken ab, vielleicht könne es einmal im Interesse des Grals notwendig sein, durch den einen oder anderen in dieser Organisation vertreten zu sein.

Im Jahre 1936 wurde ich berufen und zur Feier des Strahlenden Sternes 1937 vom HERRN zum Jünger geweiht. In diesen Jahren hatte ich mehrere Male Gelegenheit, mich in behördliche Verfahren einzuschalten, in die der HERR durch Siedlungsbewohner verwickelt worden war; wenn ich in einer solchen Sache auf dem Berge weilte, dann war ich stets Gast im Hause des HERRN.

Am 12. März 1938 um 5 Uhr morgens brachte der Rundfunk die Nachricht, daß die deutsche Wehrmacht die Grenze gegen Österreich überschritten habe, das Bundesland Österreich dem Deutschen Reich angegliedert und damit das Ziel „Groß-Deutschland” Wirklichkeit geworden sei. Diese Nachricht löste sofort ernste Bedenken für das weitere Schaffen des HERRN und den Fortbestand der Gralssiedlung auf dem Vomperberg in mir aus. Meine Befürchtungen bestätigten sich leider sehr bald; bereits am 12. März, in den späten Nachmittagsstunden, rief Fräulein Irmingard vom Berge telefonisch bei mir in Schlauroth an und teilte mir mit, daß der HERR soeben von Leuten verhaftet und im Beiwagen eines Kraftrades nach Innsbruck gebracht worden sei. Mit dem nächsten D-Zug – es war gegen 22 Uhr – reiste ich von Görlitz ab und traf am 13. März gegen 12 Uhr auf dem Berge ein.

Hier erfuhr ich von den Damen, daß sich der HERR im Polizeigefängnis in Innsbruck befinde und daß ein SS-Kommissar namens Hilliges für die Siedlung auf dem Berge als verantwortlicher Beauftragter eingesetzt worden sei.

Unter den Bewohnern der Siedlung war, wie die Damen berichteten, ein kopfloses Durcheinander ausgebrochen. Nicht einer von ihnen hatte wenigstens den Versuch unternommen, den SS-Leuten, die die Verhaftung durchführten, die Unsinnigkeit ihres Beginnens klarzumachen oder wenigstens dafür zu sorgen, daß der HERR eine korrekte Behandlung erfahre. Alle hatten tatenlos, ohne den geringsten Protest zu erheben, umhergestanden oder waren überhaupt unsichtbar geblieben.

Am 14. März begab ich mich nach Innsbruck, um mit Kommissar Hilliges Verbindung aufzunehmen; ich hoffte, bei ihm die Freilassung des HERRN zu erreichen. Zunächst wurde mir kein sehr freundlicher Empfang zuteil, denn die unglaublichen Anwürfe und Beschuldigungen waren gegen den HERRN und die Gralssiedlung, zum Teil aus der einheimischen Bevölkerung, zum Teil aber auch von sogenannten Anhängern der Gralsbotschaft in Umlauf gesetzt worden. Ja, ich traf sogar eine Gralsanhängerin dort an, die gerade Anzeige gegen Fräulein lrmingard erstattete. Die Anwesenheit dieser Frau L. machte ich mir zunutze, um gegen alle Verleumder des HERRN vorzugehen und diese mit scharfen Worten anzuprangern. Es war günstig, daß ich gerade hier, an oberster Stelle der Geheimen Staatspolizei Innsbruck, auf frischer Tat den Verleumder der Verwerflichkeit seines Tuns überführen konnte. Das machte auf den Kommissar Eindruck; die Entgegennahme der Anzeige gegen Fräulein Irmingard wurde abgelehnt. Meine alte Zugehörigkeit zur NSDAP kam mir hier natürlich sehr zustatten. Eine sofortige Entlassung des HERRN konnte ich jedoch nicht erreichen. Kommissar Hilliges sagte mir lediglich zu, meinen Protest weiterzugeben. In den nächsten Tagen komme er auch selber nach Vomperberg. Die Siedlung allerdings bliebe beschlagnahmt. Im Interesse des Herrn Bernhardt und seiner Familie liege es, die Bewohner zur Räumung der Siedlung zu veranlassen. Auch die Familie des Herrn Bernhardt müsse die Wohnung räumen; ich erreichte aber schon damals, daß ihre Möbel und ihr Hausrat, sowie ihr persönlicher Besitz von der Beschlagnahme freiblieben, ebenso auch das persönliche Eigentum der anderen Siedlungsbewohner.

Am nächsten Tage habe ich sämtliche Bewohner der Siedlung im Speisesaal zusammengerufen und ihnen berichtet, was mir in Innsbruck eröffnet worden war. Ich bat alle Anwesenden, die Siedlung baldigst zu verlassen. Kommissar Hilliges war am Nachmittag erschienen und wiederholte den nochmals versammelten Siedlungsbewohnern gegenüber das, was er mir bereits am Vortage gesagt hatte.

Für die Damen und Herrn Alexander konnte ich erwirken, daß diese noch so lange in ihrem Hause bleiben durften, bis für die Möbel und den Hausrat ein Unterkommen gefunden war. Auch den Kraftwagen, in dem für Herrn Alexander wegen seiner Körperbehinderung eine besondere Schaltung eingebaut war, konnte ich von der Beschlagnahme ausschließen.

Auf dem Altar in der Andachtshalle stand noch die Gralsschale; auch die Altardecke lag dort, und neben dem Sitz des HERRN befand sich die Gralsfahne. In der Verängstigung, die um sich gegriffen hatte – inzwischen waren 40 SS-Männer als Besatzung auf dem Berg erschienen – konnte keiner sich entschließen, diese Gegenstände an sich zu nehmen. Ich habe es dann einfach bei hellem Tage getan und alles mit nach Schlauroth genommen, um es dort zu verwahren. Heute werden die Altardecke, die Gralsschale und die Fahne weiter bei den Feiern auf dem Berge verwendet; kaum einer erinnert sich noch daran, welche Fluchtwege sie gemacht haben.

In einer weiteren Verhandlung mit Kommissar Hilliges bedeutete er mir, daß es sicher größere Aussicht auf Erfolg hätte, wenn ich, um die Haftentlassung des Herrn Bernhardt zu erreichen, direkt in Berlin im Hauptamt des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, vorstellig würde. Da die Räumung der Siedlung rasch vorwärtsging, reiste ich heim, um den Vorstoß in Berlin einzuleiten.

Als sicher hatte ich in Innsbruck festgestellt, daß es rein polische Gründe waren, die die „Schutzhaft’ des HERRN ausgelöst hatten. Ermittelt hatte ich noch, daß der HERR mit dem ebenfalls in Schutzhaft genommenen Landeshauptmann von Tirol in ein und derselben Zelle untergebracht war.

Von all den Bewohnern der Siedlung hatte sich keiner bereit gefunden, mich in Innsbruck zu unterstützen. Auch Bekenner der Gralsbotschaft, die in Tirol einheimisch waren, haben sich damals nicht auf dem Berg sehen lassen, geschweige denn für den HERRN bei der Geheimen Staatspolizei sich eingesetzt. Ganz offenbar herrschte unter ihnen damals (wie auch heute noch) der mystisch-schwärmerische, ja überhebliche Gedanke vor, daß der „Lichtschacht”, unter dem der Berg und seine Bewohner stehen, dem Dunkel ohne menschliches Zutun den Zugriff wehre, und daß das Licht allein alles wieder in Ordnung ringe. Ein Trugschluß, eine Trägheitsbeschönigung, gegen die der HERR immer wieder ankämpfte, die aber von Schwärmern und Phantasten hartnäckig festgehalten wird.

Meine Heimreise legte ich über Berlin, um mit meinem Freunde Rechtsanwalt Karl Linckelmann und mit Dr. Kurt Illig, damals grüner Ritter, die Lage zu besprechen. Hier waren fast zu gleicher Zeit einige Mitglieder des Berliner Gralskreises, des damaligen Naturphilosophischen Vereins, von der Geheimen Staatspolizei, vernommen, und einige auch vorübergehend verhaftet worden. Auch mein Freund Karl Linckelmann war vernommen und verwarnt worden. Dieser konnte sich also für en HERRN nicht weiter einsetzen, als er es in seiner Aussage bei der Vernehmung bereits getan hatte. Dr. lllig hingegen war unbehelligt geblieben. Auf Grund seiner einflußreichen Stellung bei Siemens hatte er Beziehungen zu einigen höheren SS-Leuten der Geheimen Staatspolizei (von jetzt an Gestapo genannt). Wir hatten einige Zusammenkünfte mit diesen Herren, aber zu einem Erfolg kam es nicht. Im Gegenteil, Dr. Illig teilte mir nach einigen Wochen mit, daß er von einem dieser Männer gewarnt worden sei, weiter in Sachen Bernhardt sich zu verwenden. Herr Dr. Illig erklärte mir wörtlich: „Wir müssen den HERRN als verloren aufgeben, wir haben ja Seine Botschaft; mir ist auf Umwegen mitgeteilt worden, daß wir beide kurz vor unserer Verhaftung stehen.” Darauf erklärte ich, daß ich nicht aufgeben, sondern allein weiterkämpfen werde, bis ich den HERRN frei habe.

Von irgendwo hatte ich erfahren, daß die Schwester von Rudolf Heß, dem Stellvertreter Hitlers, bei Dr. Friedrich Noack in Potsdam gesellschaftlich verkehre und besonders mit Frau Noack befreundet sei. Die Eheleute Noack waren Gralsanhänger, allerdings erst seit kurzer Zeit. Mit Dr. Noack war ich außerdem von früher bekannt. Ich bat Dr. Noack, mir eine Zusammenkunft mit Fräulein Heß in seinem Hause zu ermöglichen, damit ich sie bitten könne, mir eine Besprechung in Sachen des HERRN mit Himmler zu vermitteln. Er war dazu bereit; Ende April kam das Treffen zustande. Fräulein Grete Heß verhielt sich zunächst sehr zurückhaltend, weil ihr Bruder „ohnehin von allen Seiten bemißtraut würde” und es daher ablehne, in schwebende Verfahren einzugreifen. Nachdem ich ihr aber das absolut Unpolitische der Botschaft dargetan und die Lauterkeit des HERRN in aller Sachlichkeit geschildert hatte, erklärte sie sich bereit, sich wenigstens nach der Sache zu erkundigen.

Anfang Mai, kurz nach der Zusammenkunft mit Fräulein Heß, reiste ich nach Tirol, um zu versuchen, zum HERRN, der immer noch im Polizeigefängnis Innsbruck saß, vorzustoßen. Das gelang mir dann auch über den Kommissar Hilliges. Der HERR wurde aus der Zelle geführt bis an ein schweres Eisengitter, das vom Fußboden bis zur Decke reichte und aus 2-3 cm starken Eisenstäben bestand. Durch dieses Eisengitter konnte ich mit Ihm sprechen. Ich sagte, daß ich weiter bemüht sei, Ihn freizukämpfen, Er möge noch einige Zeit ausharren, es böten sich Hoffnungen. Der HERR war sehr niedergeschlagen. Er durfte keinen Kragen tragen, Er wurde damals wie ein Strafgefangener behandelt. Er litt offensichtlich unter dem rauhen Umgangston der Wärter. Trotzdem kam keine Klage über Seine Lippen. Nach 15 Minuten wurde mein Besuch von dem Wärter, der die ganze Zeit mit der Uhr in der Hand unmittelbar neben uns gestanden, also jedes Wort mitgehört hatte, jäh abgebrochen.

In den folgenden Tagen war ich bestrebt, die Möbel der Herrschaften vom Berge abholen zu lassen. Damals hatten ja viele Menschen Bedenken, ja Furcht, zur Gralssiedlung in Beziehung treten. (Die Nachricht von der Verhaftung des HERRN und der Beschlagnahme der Gralssiedlung durch die Gestapo hatte sich wie ein Lauffeuer in ganz Tirol verbreitet.) Schließlich gelang es aber, die Möbel bei einer lnnsbrucker Speditionsfirma unterzustellen. Da ich diesmal mit meinem Wagen in Tirol war, nahm ich auf der Rückfahrt nach Schlauroth die Damen bis München mit. Dort wurden sie, wenn ich mich recht erinnere, von Frau Luft aufgenommen. Herr Alexander war meiner Erinnerung nach bereits mit seinem Wagen auf dem Gute von Frau von Martius, wo er sich abwartend aufhalten sollte.

Anfang Juli 1938 erhielt ich eine Aufforderung von dem Geheimen Staatspolizeiamt Berlin, Prinz-Albrecht-Straße, in Sachen Oskar Ernst Bernhardt, Vomperberg/Tirol, zu erscheinen. Mit dem Morgen-D-Zug reiste ich gegen 6 Uhr ab. Dr. Hütter, Görlitz, den ich von meiner Vorladung telefonisch verständigt hatte, war am Bahnhof erschienen, um mich zu verabschieden und mir in meiner Mission Kraft zuzusprechen; ich sei doch nun mal der einzige, der solchen Dingen gewachsen sei, sagte er. In Berlin angekommen, begab ich mich zunächst zu meinem Freund Karl Linckelmann, um mit ihm die Lage noch einmal zu besprechen. Er sagte mir keinen guten Empfang voraus; er war vielmehr fest überzeugt davon, daß ich an Ort und SteIle verhaftet würde; seine Frühstücksbrote schob er mir schnell noch in meine Aktentasche.

Um 10.30 Uhr war ich vorgeladen. An der Tür des Zimmers stand: „Logen und logenähnliche Verbände”. Nach der Feststellung meiner Personalien wurde ich dem Stellvertreter von Himmler gegenübergestellt. Das war auf Veranlassung von Grete Heß geschehen; ohne deren Fürsprache wäre ich sicher nicht so weit vorgedrungen. Die Vernehmung – sie war mehr eine Rücksprache – nahm etwa folgenden Verlauf:

Er: Wie können Sie sich als alter Parteigenosse für einen Mann wie den Bernhardt einsetzen?

Ich: Warum nicht? Herr Bernhardt ist ein vorzüglicher Schriftsteller, verfügt über ein weites Wissen, und was er schreibt, stiftet nur Frieden und Segen.

Er: Seine Schriften sind staatsfeindlich, und außerdem versucht er, Menschen finanziell auszunutzen, ja zu betrügen.

Ich: Staatsfeindlich? Ich kenne alle seine Schriften und weiß, daß sie nichts weniger als das sind. Herrn Bernhardt liegt alles Politische fern. Und was die Ausnutzung und die Betrügereien anlangt, so ist das die alte Tour, auf die ehemalige Anhänger Rache zu nehmen suchen, weil sie sich in ihrer Hoffnung enttäuscht sehen, über Herrn Bernhardt irgendwelche eigenen Vorteile zu erlangen.

Er: Auf alle Fälle ist aber die Gralsgemeinschaft eine Sekte, und für solche Dinge ist im nationalsozialistischen Staat kein Raum.

Ich: Sie irren sich in diesem Falle gewaltig. Die Menschen, die auf dem

Vomperberg wohnen, sind keine Sektierer. Die Siedlung ist entstanden aus dem Wunsche der Menschen, die sich durch Herrn Bernhardts Schriften angezogen fühlten und gern in seiner Nähe leben wollten.

Er: Ganz egal, wie dem auch sei, vor allem aber – und das ist das Entscheidende – Bernhardt ist Jude!

Ich: (laut lachend): Wenn Bernhardt Jude ist, dann sind Sie und ich es auch! Ich kenne sein Elternhaus in Bischofswerda in Sachsen, unweit meines Hofes bei Görlitz. Sein Vater war Weißgerber und betrieb neben seinem Handwerk noch ein Gasthaus, seine Mutter stammte von einem Bauernhof in der Umgebung von Bautzen. Also, diese Behauptung trifft entschieden ins Leere, und wenn sie das Entscheidende ist, dann müßte Herr Bernhardt sofort auf freien Fuß gesetzt werden.

Er: Sie sind eigentlich von einer ziemlichen Unverfrorenheit. Sie wissen wohl gar nicht, daß Sie Ihre Freiheit aufs Spiel setzen?

Ich: Wieso? Leben wir denn in einem Staat, in dem man nicht die Wahrheit sagen darf? Das wiederum glaube ich nicht. Die Argumente, die Sie gegen Herrn Bernhardt vorgebracht haben, kann ich glatt widerlegen. Wenn aber Herr Bernhardt in seinen Schriften in der Tat jemanden angegriffen hat, dann sind das höchstens die Kirchen beider Konfessionen, und das mit Recht. Ich kann mir aber nicht denken, daß Sie das beanstanden, denn die Kirchen vertreten Sie doch wohl hier nicht? Aus diesem Grunde erbitte ich die Freilassung von Herrn Bernhardt aus der Haft. Ich verbürge mich für ihn und bin auch bereit, ihn bei mir auf meinem Hofe in Schlauroth, Kreis Görlitz, aufzunehmen.

Er: Nun gut, ich werde das überlegen und besprechen. Sollte Herr Bernhardt aber freigelassen werden, dann nur unter den Bedingung, daß Sie mit Ihrem Leben und mit Ihrem Vermögen dafür haften, daß Bernhardt nicht flüchtig wird. Sie erhalten weitere Nachricht schriftlich.

Damit war ich entlassen.

Anfang August wurde mir über das Geheime Staatspolizeiamt Görlitz mitgeteilt, daß Herr Bernhardt entlassen würde gegen eine persönliche Bürgschaft. Herr Bernhardt könne wählen zwischen einer Unterkunft in Igls bei Innsbruck oder in Schlauroth auf meinem Hofe. Mit dieser Nachricht fuhr ich nach Innsbruck, wo ich mit den Damen zusammentraf und wir den HERRN gemeinsam im Polizeigefängnis aufsuchten. Diesmal wurde der HERR durch eine kleine Tür, die sich in der hohen Gitterwand befand, und die ich das erste Mal gar nicht bemerkt hatte, zu uns herausgeführt. Auch der Gefängniswärter zog sich diesmal zurück; wir konnten frei sprechen. Ich teilte dem HERRN, der unter der langen Haft sichtlich gelitten hatte, mit, daß Er demnächst entlassen würde. Er könne gar entscheiden, ob er nach IgIs oder nach Schlauroth entlassen werden wolle. Der HERR war überraschend kurz entschlossen und sagte wörtlich: „Wenn es keine unbescheidene Bitte ist, dann möchte ich zu Ihnen nach Schlauroth.” Diese unmittelbare, freie Entscheidung war für mich eine große Freude und Ehre zugleich. Ich fuhr schnellstens nach Schlauroth zurück und gab die Entscheidung des HERRN an die Gestapo in Görlitz weiter.

Als erster traf Herr Alexander in Begleitung von Walter Fox mit seinem Wagen in Schlauroth ein. Walter Fox war als Arbeiter in der Siedlung auf dem Vomperberg tätig gewesen. Er war Herrn Alexander als Begleiter zur Seite gestellt. Da es auf meinem Hofe viel Arbeit gab, blieb er, natürlich gegen volle Entlohnung, als Arbeiter bei mir. Herrn Alexanders Wagen war vollgepackt mit Koffern und sonstigem Reisegepäck der Herrschaften.

Am Freitag, dem 9. September 1938, trafen der HERR und die Damen gegen 18 Uhr in Görlitz ein. Herrn Dr. Hütten hatte ich von der bevorstehenden Ankunft verständigt, so daß er sich neben mir auf dem Bahnhof zum Empfang eingefunden hatte. Wir entdeckten den HERRN und die Damen unter den ankommenden Reisenden sofort. Der HERR war sichtlich erregt. Nach kurzer Begrüßung sagte Er zu mir: „Es ist ein Wunder geschehen, ich danke Ihnen. Aber kommen Sie, wir wollen schnell hier weg.” Ganz offenbar stand der HERR noch sehr unter dem Druck der Gefängnisatmosphäre und glaubte wohl, daß Kommissare der Gestapo Seine Ankunft überwachten. Das war aber nicht der Fall. In Schlauroth angekommen, führten wir die Herrschaften zunächst auf ihre Zimmer.

Mein Gutshaus in Schlauroth war ein alter Bau aus der Zeit Augusts des Starken, Königs von Sachsen und Polen, der auf seinen Reisen zwischen Dresden und Warschau hier Station machte. Es war also ca. 250 Jahre alt und etwa schloßähnlich gebaut. Es war zwei Stockwerke hoch und hatte 13 Zimmer, eine große Gutsküche und reichlich Nebengelaß. Die beiden Fremdenzimmer wurden dem HERRN, Frau Maria und Fräulein Irmingard überlassen; Herr Alexander war in einem Nebengebäude untergebracht. Die Wohn- und Gesellschaftsräume, wie Speisezimmer, Musikzimmer, Damensalon, standen den Herrschaften selbstverständlich ständig zur Mitbenutzung offen. Mein Herrenzimmer stellte ich dem HERRN als Arbeitszimmer zur Verfügung.

Zum Empfang war eine festliche Tafel bereitet, an der auch Herr Dr. Hütten teilnahm. Mit einer kleinen Ansprache entbot ich den Herrschaften den Willkommensgruß. Der HERR erwiderte mit nochmaligem Dank und sagte zum Schluß wörtlich:

„Ich bin der Menschen so völlig überdrüssig, daß ich mit keinem mehr in Berührung kommen möchte. Ich will nur noch über Sie mit diesen verhandeln, und ich bitte Sie, mir alle fernzuhalten.” Diese Äußerung war für mich ein Auftrag. Ich verstand sie als einen Ausdruck der tiefen Enttäuschung des HERRN über die Niedrigkeiten. Verleumdungen und Anschuldigungen, die vorwiegend aus den Reihen ehemaliger Bekennen seiner Botschaft gegen Ihn vorgebracht worden waren und die wohl – neben der Feindschaft der katholischen Kirche – der unmittelbare Anlaß zu Seiner Verhaftung gewesen waren. Denn auch die Behauptung, daß der HERR Jude sei, kam aus diesen Reihen.

Von der Gestapo in Görlitz war mir mitgeteilt worden, daß allmonatlich einer ihrer Beamten nach Schlauroth kommen würde, um die Anwesenheit von Herrn Bernhardt festzustellen. Das ist wohl ein- oder zweimal geschehen, dann ist es unterblieben; ich war den Beamten durch meine gesellschaftliche Stellung bekannt und hatte ihr volles Vertrauen.

Die täglichen Mahlzeiten nahmen wir mit den Herrschaften gemeinsam ein. Im Anfang geschah das im Speisezimmer, das im ersten Stock des Hauses lag. Wir hatten aber auch im Erdgeschoß noch einen Speiseraum unmittelbar neben der Gutsküche, der auch als täglicher Wohnraum benutzt wurde. Das hatte der HERR nach kurzem Einleben erkannt. Er bestand darauf, daß fortan in diesem Raume gegessen wurde, um alles einfacher zu gestalten und um keinesfalls unsere Gewohnheiten durch Seine Anwesenheit zu ändern.

Aber nicht nur während der Mahlzeiten, bei welchen der HERR zu meiner Rechten saß, war ich mit Ihm zusammen, sondern oftmals schloß Er sich mir bei meinen Gängen über meine Felder an. Dieses Gehen durch die Natur mit dem HERRN war für mich Fundgrube des Erkennens und Verstehens Seines Wortes, wie es vielleicht keinem anderen in dieser Weise dargeboten worden ist. Ein besonders schönes Erlebnis hatte ich Pfingsten 1939. Am Pfingstsonntag morgen hatten der HERR und ich einen Spaziergang durch meine Felder gemacht. Der Roggen hatte gerade die Ähren hervorgebracht. Der HERR trat dicht an den Rand des Roggenfeldes heran, umschlang mit beiden Armen eine große Menge Roggenhalme, ließ die Ähren langsam durch Seine in segnender Stellung gehaltenen Hände gleiten und sagte: „Kein Pfingsten geht ins Land, da dir nicht reichet der Roggen die Hand!” Oft hat der HERR mich bei unseren Gängen über Feld und Flur und gelegentlich mancher gemeinsamen Autofahrt Einblicke nehmen lassen in das Wirken der kleinen und großen Wesenhaften. Diese Einblicke bleiben mir unvergeßlich; es sind Meilensteine in meinem Leben, die nie ihren Standort wechseln werden.

Der HERR war stets die Natürlichkeit, die Einfachheit und die Klarheit in Vollkommenheit. Sein universelles Wissen, vor dem man nur in tiefer Demut staunend stehen konnte, war nicht nur geistiger Art, sondern auch in vielen praktischen Dingen und Berufen war Er so erfahren, als ob Er sie selbst ausgeführt hätte. Der HERR wies alles mystische Getue weit von sich, selbst dann, wenn Er Handlungen ausführte, die für uns unbegreiflich waren und im Mystischen lagen. (Auf zwei solcher Handlungen komme ich noch zu sprechen.)

Anläßlich solchen Alleinseins mit Ihm – ja, ich möchte fast sagen, nur dann, wenn kein Dritter zugegen war – habe ich tief empfunden, daß der HERR von einer ganz anderen Ebene kommt als wir Menschen. Daß Er weit und hoch über uns ist. Doch nicht nur in der Empfindung, auch verstandesmäßig wurde mir klar, daß Er der HERR ist, der Menschensohn! Aber auch im täglichen Leben und Umgang mit Ihm fernstehenden, fremden Menschen war der HERR von so natürlicher Einfachheit und vornehmer Zurückhaltung, die jedem, ob er wollte oder nicht, Achtung abforderte. Er war Edelmann im wahrsten Sinne dieses Wortes. Das schreibe ich nieder, frei von jedweder Mystifikation und Glorifikation. Ich schreibe es nieder, obwohl ich, wahrscheinlich mehr als sonst jemand, eingehende Kenntnis habe von all der Niedertracht, Verleumdung und Bosheit, mit denen man den HERRN beworfen hat und Ihn mundtot zu machen suchte.

An den langen Winterabenden hat der HERR oft aus Seinen Bühnenwerken vorgelesen und vieles von Seinen Reisen erzählt. An diesen Abenden nahmen auch unsere Hausangestellten teil. Eine besondere Freude für den HERRN war es, wenn meine Eltern uns besuchten. Meine Mutter hatte die Gabe, fesselnd und fröhlich zu erzählen und auch Erlebnisse aus ihrem Leben anschaulich zu schildern. Darum bat sie der HERR, sooft sie zu uns kam. Dies erklärte der HERR mir einmal damit, daß Ihn meine Mutter so ungemein stark an die Seine erinnere; Er sagte, wenn Er die Augen schlösse, meinte Er, Seine Mutter sei es, die erzählte. So gäbe es der persönlichen Erlebnisse mit dem HERRN während Seiner Schlaurother Zeit noch viele, die festzuhalten wert wären. Doch soll nur über zwei besondere Geschehnisse, die ich bereits andeutete, noch berichtet werden.

Ich sagte schon, daß das Schlaurother Gutshaus etwa 250 Jahre auf dem Rücken hatte. Im Erdgeschoß waren durchweg große Räume, deren Decken aus schweren Tonnengewölben gebildet waren. Im ersten Stock war nur ein verhältnismäßig kleiner Raum spitzbogenartig gewölbt, die anderen Zimmer hatten hatte Decken, die mit Stuck versehen waren. Der kleine, gewölbte Raum diente uns als Musikzimmer; in früheren Jahrhunderten war er die Hauskapelle gewesen.

Schon bald, nachdem ich Schlauroth übernommen hatte (also 1919, noch 15 Jahre bevor ich den HERRN und Seine Botschaft kennenlernte), hatte ich jedesmal, wenn ich allein im Musikzimmer war und Klavier spielte, den Eindruck, daß jemand, kurz nachdem ich zu spielen begonnen hatte, in das Zimmer gekommen wäre. Wenn ich mich umdrehte, war niemand da. Wenn ich mich nicht umdrehte und weiterspielte, fühlte ich beinahe körperlich, daß der Hereingekommene sich hinter mich stellte, und wenn ich dann noch nicht zu spielen aufhörte, merkte ich, daß er sich in einen Lehnstuhl neben dem Klavier setzte. Ich hörte sogar das leise Knistern des Lehnstuhls, der aus Peddigrohr geflochten war. Damals hatte ich einen ausnehmend treuen Hund, der kaum von meiner Seite wich, aber in das Musikzimmer nur äußerst ungern mitkam und stets den ersten Augenblick, in dem er sich unbeobachtet fühlte, benutzte, um es wieder zu verlassen und im angrenzenden Speisezimmer auf mich zu warten. Von diesen Wahrnehmungen erzählte ich zunächst niemandem, bis ich feststellte, daß meine damals achtjährige Stieftochter für ihren Klavierunterricht kaum übte. Ich erfuhr, daß Inge nicht allein ins Musikzimmer gehe, weil sie, kurz nachdem sie die Tasten angeschlagen hätte, immer das unheimliche Gefühl habe, daß irgendwer das Zimmer betrete; wenn sie sich dann umschaue, wäre aber niemals jemand da. Einige Jahre später erlebte einer meiner Vettern – von Beruf Lehrer und Organist – das gleiche, als er Klavier spielte und allein im Zimmer war. Dieser Vetter nun war Anthroposoph; er fühlte sich medial veranlagt, und zwar war er -so sagte er- ein sogenanntes Schreibmedium. Die folgende Nacht verbrachte er auf seinen Wunsch im Musikzimmer. Am anderen Morgen zeigte er mir seine Aufzeichnungen, aus denen zu lesen war, daß in diesem Zimmer ein Geist erdgebunden wäre, weil er hier ein zehnjähriges Mädchen vergewaltigt und danach getötet hätte. Nach seinem Namen gefragt, hatte der Geist den Namen „Edler von Schlauroth” genannt. Diesen Namen hatte ich nie gehört, eine Chronik des Gutes war nicht vorhanden, und die alten Schöffenbücher der Gemeinde waren unvollständig und wiesen große Lücken auf. Wiederum eine Zeit später erzählte mir eine Gärtnersfrau aus Schlauroth, ohne von der Aufzeichnung meines Vetters das geringste zu wissen, daß sie in Görlitz auf dem alten Nikolaifriedhof einen verwitterten Grabstein an der Außenwand der Kirche mit dem Namen „Edler von Schlauroth” entdeckt habe. Am nächsten Tag suchte ich den Grabstein auf, der Name stimmte, eine Jahreszahl war leider nicht mehr zu erkennen; auch der Pfarrer der Kirche konnte keine näheren Angaben machen.

Dieses alles erzählte ich eines Winterabends dem HERRN, mit dem wir in unserem Speisezimmer zusammensaßen. Der HERR war meiner Schilderung mit großem Interesse gefolgt. Er erhob sich, schritt auf die Tür des Musikzimmers zu und sagte:

„Bitte, lassen Sie mich zwanzig Minuten in dem Musikzimmer allein.” Nach dieser Zeit setzte sich der HERR wieder zu uns und sagte: „Dieser erdgebundene Geist stört nun niemand mehr. Ich habe ihn erlöst.” Und in der Tat, nie wieder habe ich diese ungewöhnlichen Wahrnehmungen gemacht, ebenso weder meine Stieftochter noch mein Vetter. Der HERR selbst war dabei unverändert, ohne jede Spur einer Erregung geblieben. Er hatte diesen Vorgang behandelt wie eine völlig selbstverständliche, alltägliche Begebenheit.

Die zweite für uns Menschen unbegreifliche Handlung nahm der HERR bei einer Erkrankung von Walter Fox vor. Folgendes hatte sich zugetragen: Fox hatte die Angewohnheit, beim Hantieren mit Getreide Körner in den Mund zu nehmen und zu zerkauen. Das hatte ich des öfteren beobachtet und ihm gesagt, daß er sich dadurch sehr leicht eine Strahlenpilzerkrankung zuziehen könne, die meist tödlich verlaufe, da das Wachstum des Pilzes nur selten einzudämmen sei. (Es gab damals noch keine Antibiotika und Sulfonamide.) Fox ließ jedoch von seiner Gewohnheit nicht ab. Eines Tages hatte er Beschwerden im Mund und ging zum Arzt. Er kam sehr kleinlaut wieder und sagte, der Arzt hätte eine Strahlenpilzinfektion festgestellt; morgen müsse er ins Krankenhaus. Dies erzählte ich am Abend dem HERRN, mit dem ich in Seinem Arbeitszimmer zusammengetroffen war. Darauf der HERR: „Bitte, bringen Sie mir ein Glas Wasser.” Ich brachte es und stellte es auf den Tisch. Der HERR schob es in die Mitte des Tisches, stand auf und trat dicht an den Tisch heran. Er erhob Seine Hände über das Glas und legte wie im Gebet die Handflächen aneinander. Und nun sah ich, wie ein goldener Strahl sich mitten in das Glas senkte und das Wassersich langsam um diesen Strahl zu drehen begann. Immer schneller wurde die Drehung, immer schneller, bis sich ein kleiner Trichter in dem Wasser gebildet hatte. Nun ließ der HERR Seine segnenden Hände sinken, die Drehbewegung des Wassers ließ nach, und es war sehr bald wieder ruhig wie zuvor. Dann gebot der HERR mir so, als ob sich nichts Besonderes ereignet hätte: „Geben Sie dieses Glas Wasser Walter Fox; er soll es austrinken. Bleiben sie aber bei ihm, daß er es auch tut.” So’ tat ich. Am nächsten Morgen beeilte sich Fox, in das Krankenhaus nach Görlitz zu kommen. Gegen 12 Uhr- ich denke, ich traue meinen Augen nicht – steht Fox vor mir und berichtet: „Ich bin von zwei Ärzten untersucht worden; beide haben gesagt, daß von einer Strahlenpilzinfektion nichts zu sehen sei. Das haben sie dem Arzt, bei dem ich gestern war, telefonisch mitgeteilt, der mich daraufhin wieder zu sich bestellt hat. Auch er konnte von der Erkrankung nichts mehr sehen.” Walter Fox war so auf wunderbare Weise von diesem gefährlichen Schmarotzer befreit; er ist noch mehrere Jahre bei mir geblieben und später in seine Heimat, Westfalen, zurückgekehrt.

Alle diese für uns Menschen ins Wunderbare gehenden Handlungen mit schier wunderbaren Erfolgen wurden von dem HERRN in einer Gelassenheit ausgeführt, als wären es die selbstverständlichsten Dinge der Welt. Alles geschah einfach, beinahe zu einfach. So einfach, wie es nur Er, der HERR tun konnte. Eben, weil Er das Wort war, das Wissen und die Wahrheit.

Wenn ich auf diese persönlichen Kontakte eingegangen bin, so nur aus dem Grunde, um allen denen, die das große Glück, den HERRN hier in der Stofflichkeit erlebt zu haben, nicht hatten oder nicht mehr haben können, ein Bild Seiner Persönlichkeit zu geben. Darüber hinaus will ich aber auch mit diesem Bericht all den ins Phantastische und Nebelhafte gehenden Schwärmereien entgegentreten, die leider bei vielen Bekennern der Gralsbotschaft sich eingebürgert haben. Nur zu oft stoßen sich Außenstehende an solchen Schwärmereien und lehnen um ihretwillen die Botschaft ab.

Es konnte mir nach einiger Zeit im täglichen Zusammensein mit dem HERRN nicht entgehen, daß Er an manchen Tagen bedrückt war. Diese zeitweilige Niedergeschlagenheit hatte ihren Grund darin, daß der HERR keine eigenen, aus einem Erwerb fließenden Einnahmen mehr hatte. Der Vertrieb Seiner Bücher war verboten, die Siedlung auf dem Vomperberg beschlagnahmt. Unterstützungen in barem Gelde, wie sie Ihm von Kreuzträgern angeboten worden waren, in Empfang zu nehmen, ohne dafür eine Gegengabe bieten zu können, lehnte Er ab.

Aus diesem Grunde hat der HERR von Schlauroth aus Vorstöße bei einigen Schauspielhäusern unternommen, Seine fertig daliegenden Bühnenwerke unterzubringen. So erinnere ich mich eines Versuches in Dresden. Wir fuhren mit meinem Wagen dorthin; auch Frau Maria und Fräulein Irmingard waren dabei. Der HERR hatte in Dresden einen Bekannten aus früherer Zeit, der inzwischen Intendant an dem weltbekannten Zirkus Sarrasani geworden war. Nachdem wir ihn in seiner Wohnung nicht angetroffen hatten, fuhren wir zum Zirkus und kamen dort in einen Wirbel von Zirkusreitern, Dompteuren und hemmungslos durcheinanderschreienden Menschen, unter denen wir nach längerem Suchen auch den Intendanten fanden. Mir war die turbulente Situation ein wenig peinlich, dem HERRN machte das aber gar nichts aus. Im Gegenteil, ich hatte den Eindruck, daß Ihm den Betrieb dort Vergnügen bereitete. Wahrscheinlich freute es Ihn, etwas ungekünstelt Natürliches zu erleben, das sich so gibt, wie es eben ist. Der Intendant konnte sich des HERRN wohl noch erinnern, doch verlief die Unterredung leider ergebnislos, ebenso wie die Vorstöße an anderen Theatern. Natürlich hatte der HERR nur gehofft, der Intendant werde seine weiteren Verbindungen für Ihn einsetzen; zur Aufführung im Zirkus eigneten sich die Bühnenwerke des HERRN freilich nicht.

Weil der HERR stets den Ausgleich suchte und immer bestrebt war, zu helfen, wo es Ihm möglich war, veranlaßte Er mich, Herrn Alexander mit der Führung des Iandwirtschaftlichen Tagebuches und der Lohnabrechnung meines Betriebes zu betrauen.

Weisungsgemäß habe ich alle Besuchen, die versuchten, erneut an den HERRN heranzukommen, mit Entschiedenheit zurückgewiesen. Sehr bald wurde jedoch deutlich, daß dies den Damen und auch Herrn Alexander nicht zusagte. Der HERR – das empfand ich genau – fühlte sich in meinem Hause geborgen und sicher, den Damen hingegen erschien das Leben darin zu beengt. Sie suchten Verbindung mit anderen Gralsanhängern, so auch mit Herrn Giesecke in Berlin. Herr Giesecke war Inhaber der Berliner Wagenachsenfabnik mit einem Zweigwerk in Großenhain/Sa. und besaß außerdem – sozusagen als Refugium – in Kipsdorf im Erzgebirge eine kleine Landwirtschaft und ein dicht daneben liegendes Villengrundstück. Das letztere stellte Herr Giesecke, mit Ausnahme eines Zimmers, das er sich und seiner Frau zu eigenen Verwendung vorbehielt, en Herrschaften zur Verfügung. An mir lag es nun, bei der Gestapo eine Genehmigung für die Umsiedlung des HERRN nach Kipsdorf zu erwirken und außerdem die Überführung der Möbel von Innsbruck nach Kipsdorf zu erreichen. Beides gelang; von meiner persönlichen Haftung für den HERRN wurde ich jedoch nicht entbunden.

Mehrere Male bin ich wegen der Renovierung des Hauses mit den Herrschaften in Kipsdorf gewesen; kurz nach dem Pfingstfest 1939 sind sie dann gänzlich nach dort übergesiedelt. Der HERR hatte für mich ein kleines Zimmer einrichten lassen, das mir nach Belieben zur Verfügung stehen sollte. Das habe ich zweimal in Anspruch genommen. Als aber dann immer mehr Besucher nach Kipsdorf strömten, habe ich mich dort nur wenig noch sehen lassen.

Das letztemal, an dem ich den HERRN noch wohlauf antraf- es mag Anfang August 1940 gewesen sein – habe ich Ihn gefragt, warum der HERR nun wieder so viele Besucher empfange. Bei Seiner Ankunft in Schlauroth habe mir der HERR doch geradezu anbefohlen, keinen Menschen mehr an Ihn heranzulassen. Der HERR antwortete mir wörtlich: „Ja; das ist nun alles ganz anders geworden!” Diese Worte sprach der HERR in einer tiefen Traurigkeit aus, die nicht zu überhören war; sie machte nicht nur mich stutzig, sondern auch meinen Freund Karl Linckelmann, der bei diesem Gespräch in Kipsdorf zugegen war. Wir waren beide betroffen. Das war auch kurz nach Seiner letzten Vernehmung am 26.6.1940 durch die Gestapo in Dippoldiswalde. Ich kannte den Grund der Vernehmung, ich kannte aber auch die Urheber und weiß, wes Geistes Kinder sie waren. Dieses schwebende Verfahren, die Bosheit der Menschen, die Zunahme der Besucherzahl in Kipsdorf unter dem ständigen Druck des Überwachtwerdens durch die Gestapo und nicht zuletzt die bittere Enttäuschung darüber, daß nur sehr wenige Menschen Sein Wort so aufnahmen, wie der HERR das erwartet hatte – das scheinen mir die wesentlichen Ursachen für Seinen für uns viel zu frühen indischen Tod gewesen zu sein.

Am 6. Dezember 1941 habe ich den HERRN dann auf Seinem Sterbelager noch ein letztesmal kurz gesprochen. Der HERR war bei vollem Bewußtsein. Ich hatte Fräulein Irmingard gebeten, mich dem HERRN zu melden und zu fragen, ob ich zu Ihm kommen dürfe; Er antwortete, wie ich in der offenen Türe stehend hören konnte, mit sehr schwacher, aber klarer Stimme: „Meine Freunde können immer zu mir kommen!” Daraufhin trat ich an Seine linke Seite und begrüßte Ihn. Der HERR sah mich voll an, reichte mir Seine Hand und sagte kaum hörbar: „Es ist gut, daß Sie da sind!” Ich verharrte noch kurz unter Seinem gütigen Blick und zog mich dann zurück. Am Nachmittag hat Er Seine irdische Hülle verlassen.

Am folgenden Tage habe ich auf Veranlassung von Frau Maria in Dresden die Überführung des Leichnams des HERRN nach Bischofswerda bestellt und dortselbst die Grabstelle auf dem Friedhof ausgewählt. Da der HERR aus der evangelischen Kirche nicht ausgetreten war, besprach ich im Auftrage von Frau Maria mit dem amtierenden Geistlichen auch die Beerdigung. Dem Pfarrer sagte ich ohne Umschweife, wer der HERR für uns gewesen ist. Das wurde von ihm ohne Widerspruch entgegengenommen. Wir einigten uns für die Grabrede auf die Worte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.” Leider ist nach meinem Besuch der Pfarrer ohne mein Wissen von dritter Seite so schwer verärgert worden, daß er von der Gedenkrede Abstand nahm und nur noch die unerläßlichen kirchlichen Handlungen in der Kapelle und am Grabe vornahm. Das war sehr bedauerlich und unerfreulich. Beim Hinaustragen des Sarges aus der Kapelle zum Grabe fehlte ein Träger. Das war für mich ein letzter Ruf des HERRN; als einziger Seiner Jünger durfte ich helfen, den HERRN zu Seiner Ruhestätte zu tragen. Über die letzten Erdenstunden des HERRN habe ich eine besondere Niederschrift verfaßt. Sie liegt bei der Chronik der Gralsbewegung auf dem Vomperberg.

Nach dem irdischen Tode des HERRN ist von Seinen Erben eine Erbauseinandersetzung herbeigeführt worden, deren Einzelheiten mir bekannt sind. Frau Maria waren dabei die Liegenschaften auf dem Vomperberg und die Urheber- und Verlagsrechte an Seinen Büchern zugefallen. Frau Maria und Fräulein Irmingard haben kurz nach dem Tode des HERRN Kipsdorf verlassen. Sie sind zunächst nach Westerbuchberg in Oberbayern übergesiedelt und von dort auf den Vomperberg zurückgekehrt. Die Gebäude und der Grundbesitz auf dem Vomperberg waren nach Kriegsende vom Staate Österreich auf Veranlassung der französischen Besatzungsbehörde den Erben des HERRN zurückgegeben worden. Im Jahre 1949 sind die Gebeine des HERRN von Bischofswerda nach dem Vomperberg in eine dafür errichtete Pyramide überführt worden.

Das Rittergut Schlauroth, den ersten Zufluchtsort des HERRN nach Seiner Haftentlassung, habe ich 1945 nach dem Russeneinmarsch verloren. Es ist mir seiner Größe wegen von dem kommunistischen Zonenregime entschädigungslos enteignet worden. Auch der zweite Zufluchtsort des HERRN, das Giesecke’sche Villengrundstück in Kipsdorf, ist Herrn Giesecke samt seinen Fabriken, genau wie mir, entschädigungslos enteignet worden. Mit Herrn Giesecke konnte ich damals wegen seiner eigenen Bedrängnis keine Verbindung finden; später erfuhr ich, daß er und seine Frau ein bitteres Ende gefunden haben.

Nach meiner Enteignung und ohne Existenz meldete ich mich im Jahre 1946 bei Frau Maria auf dem Vomperberg und bot meine Hilfe an für den Neuaufbau der Siedlung und vor allem der Landwirtschaft. Obwohl keine Fachkraft auf dem Berge war, wurde ich abgewiesen.

Während der folgenden schweren Jahre nach der Vertreibung aus meiner Heimat war es mir aus pekuniären Gründen nicht möglich, Reisen auf den Vomperberg zu machen. Im Jahre 1961 war ich zum ersten Mal wieder dort. In die Tage meines Aufenthaltes auf dem Berge fielen die unerfreulichen Begebenheiten mit Fräulein lrmingards Adoptivtochter Marga, jetzt verehelichte Wurmann, die sichtbare Schatten auf die Sache des HERRN warfen.

Frau Maria lebte nicht mehr, Herr Alexander war als Universalerbe von ihr eingesetzt. Der gesamte sogenannte „Gralsbesitz” (Tempel, Verwaltung, Liegenschaften etc.), der zum großen Teil aus Spenden und Darlehen erbaut und erworben worden ist, befand sich damals wie auch heute noch in rein privatem Besitz der Familie Bernhardt; in jener Zeit war der Gralsbesitz grundbuchamtlich auf Herrn Alexander Bernhardt eingetragen. Herr Alexander war damals schon schwer krank; es war unverkennbar, daß seine Jahre gezählt waren. In Pressekampagnen wurden er und die gesamte Gralsbewegung damals wiederholt stark angegriffen. Eine wesentliche Ursache für diese Anfeindungen war die nach außen wirkende Unklarheit der rechtlichen und finanziellen Verhältnisse der Gralsbewegung; sie erregte (und erregt auch noch heute) Zweifel und Mißverständnisse, und hindert die Ausbreitung des

Wortes des

HERRN.

Mit einigen anderen Kreuzträgern, die dem HERRN nahegestanden hatten und die gleich mir von Sorge erfüllt waren, habe ich daher Vorschläge für eine Neuordnung der Organisation der Gralsbewegung ausgearbeitet. Sie waren in einer Denkschrift zusammengefaßt, die ich 1962 anläßlich der Lilienfeier Herrn Alexander, Fräulein Irmingard und dem gesamten Jüngerkreis vorlegte. Die Denkschrift sah vor, das Grals- Vermögen von dem Privat-Vermögen der Familie Bernhardt zu trennen. Es sollte aus dem Privatbesitz in den Besitz einer zu gründenden, straff organisierten Körperschaft übergeführt werden. Die geistige Führung sollte selbstverständlich bei Herrn Alexander und Fräulein Irmingard verbleiben. Damit sie für die geistige Führung wirklich frei würden, sollten sie durch Zusicherung bestimmter fester Einkünfte von jeglichen wirtschaftlichen Sorgen entlastet werden. Auch sollte selbstverständlich das seinerzeit von dem HERRN erworbene Haus „Gralshöhe” in ihrem Privatbesitz verbleiben.

Über diese Denkschrift wurde auf dem Jüngertreffen im Oktober des gleichen Jahres verhandelt. Die darin gemachten Vorschläge wurden von den Jüngern aus Mangel an Zivilcourage, vor allem aber aus Mangel an Verantwortungsbereitschaft, und allen Mitgliedern der Familie Bernhardt aus materiellen Gründen abgelehnt. Ich stand allein, wie 1938, als es schon mal galt, einen außergewöhnlichen Schritt für den HERRN tun. Ich mußte eine Flut von Schmähworten über mich ergehen lassen, bis hin zum „Antichrist”.

Hierzu ist noch zu sagen, daß der HERR in Seiner Weitsicht im Jahre 1932 in einer Aufzeichnung schon niedergelegt hatte, daß der Gralsbesitz später in die Hand einer Körperschaft übergehen soll (siehe auch: Swarovski in „Warum so viel Aufhebens …”, 1955, Seite 62/63). Die Durchführung dieses Gedankens ist sicher deshalb zurückgestellt worden, weil der HERR damals noch an der Botschaft arbeitete und sich daneben nicht praktischen und juristischen Fragen widmen konnte. Das, was Er auf dem Vomperberg erstehen lassen wollte, ist in Seinem Vortrage „Mein Ziel” klar gesagt. Über die juristische Form sich schlüssig zu werden, lag damals noch kein dringender Anlaß vor, denn Er weilte ja noch auf Erden; das ist aber heute, da Er von uns gegangen ist, grundsätzlich anders.

In folgenden Jahren bin ich manches Mal auf dem Berge gewesen, aber an den Feiern und Andachten nehme ich nicht mehr teil. Damit will ich dokumentieren, daß ich den seit Jahren eingeschlagenen inneren und äußeren Weg mit meiner Person und meinem Jüngertum nicht mehr decken kann. Es ist nicht der Weg, den ich durch den HERRN erkennen und erleben durfte. Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, daß der HERR, je länger um so mehr, in den Hintergrund gedrängt wird. Nach den klaren Richtlinien, wie sie in „Der Berg des Heiles” und „Mein Ziel” gegeben sind, wird heute nicht mehr gehandelt.

Herr Alexander ist tot. Er hat Fräulein Irmingard als Universalerbin eingesetzt. Hier stellt sich erneut die Frage: Was wird aus dem Gralsvermögen, wenn Fräulein Irmingard von dieser Erde abgerufen wird? – Wird dann Marga Wurmann, die Adoptivtochter von Fräulein Irmingard, die, wie für jedermann sichtbar, der Gralsbewegung entfremdet ist, die Universalerbin des Gralsvermögens sein?

Weit wichtiger aber als die Regelung der materiellen Belange ist die Frage: Was geschieht dann mit der Botschaft, und was wird aus dem Wort des HERRN?

Der HERR ist, ohne ein Testament hinterlassen zu haben, von dieser Erde gegangen. Er hat also über Seinen irdischen Besitz, wie auch über seine weiteren irdischen Pläne für eine Weiterführung der Gralsbewegung keine letztwillige Verfügung getroffen. Für mich besteht hier ein Zusammenhang mit den Worten, die der HERR so niedergeschlagen in dem letzten Jahre vor Seinem Tode an mich richtete: „Ja, das ist nun alles ganz anders geworden!”

Die Botschaft des HERRN ist sein Testament! Das ist so klar und einfach, daß es jeder von uns verstehen sollte, der guten Willens ist. Sie ist das A und O unseres Strebens nach geistiger Erkenntnis!

Die Sache des HERRN wird nicht auf dem Berge entschieden. Sie liegt in den Händen jedes einzelnen Kreuzträgers, der mit seiner Versiegelung die volle Verantwortung für die Sache übernommen hat. Er hat bewußt und selbständig zu prüfen und zu handeln. Nur in dem Maße, wie jeder einzelne die Botschaft in sich und um sich lebendig macht, wird sie rein erhalten und verbreitet. Unaufhörlich müssen wir wachsam sein, damit Sein Wort erhalten bleibe für die, die nach uns kommen. Niemand von uns sollte der unter Gralsbekennern verbreiteten Auffassung anheimfallen, er brauche nichts beizutragen zum Fortbestand des Wortes, das Licht werde alles von sich aus führen! 1938 hat das Dunkel unverhofft zugeschlagen und alles geistige Leben auf dem Berge ausgelöscht. Seien wir auf der Hut, daß dieser Vorgang sich nicht wiederhole!

Ich komme zum Abschuß meiner Erinnerungen und Gedanken. Vom Tage meiner Versiegelung an, als ich dem HERRN zum ersten Male gegenübertrat, ist mein Leben durch tiefere Impulse bewegt worden als bis dahin. Alle Probleme traten unmittelbarer an mich heran und forderten eine baldige Entscheidung, die, wenn sie aus der Empfindung getroffen wurde, stets auch die richtige war. Diese beinahe sichtbare Führung erstreckte sich bis in meine tägliche Arbeit, ja, bis in die Bestellung meiner Felder. Daß dieses Empfinden, geistig geführt zu sein, sich wesentlich verstärkte, nachdem ich dazu auserwählt war, den HERRN in meinem Hause aufzunehmen, ist wohl nicht mehr als selbstverständlich. Und so darf ich in aller Demut sagen, daß ich mein Leben als gesegnet empfinde. Ich bin aber auch davon überzeugt, daß allen Kreuzträgern mit einem reinen, mutigen, einsatzbereiten und gläubigen – aber nicht blindgläubigen – Herzen der gleiche Segen zuteil werden wird, den ich empfinde, denn er kommt ja aus derselben Hand.

Rötz/Opf., im März 1971

gez: Hellmuth Müller

 

Der letzte Erdentag des HERRN

Im nachfolgenden schreibe ich aus der Erinnerung nieder, was ich in Kipsdorf im Erzgebirge, im Hause des HERRN, am Sonnabend, den 6., und Sonntag, den 7. Dezember 1941, miterleben durfte:

Am Spätnachmittag des 5. Dezember 1941, es war an einem Freitag, erreichte mich in Schlauroth ein Telefonanruf von Fräulein Irmingard aus Kipsdorf. Fräulein Irmingard teilte mir mit, daß es dem HERRN gesundheitlich nicht gut gehe; sie bäte daher, daß Herr Dr. Hütten an das Krankenlager des HERRN kommen möge. Daß sie bei mir anrufe, hätte seinen Grund darin, daß ihr die Telefonnummer von Dr. Hütter fehle. Ich antwortete, daß ich Dr. Hütter sofort benachrichtigen würde, und fragte, ob ich selber auch mitkommen dürfe. Darauf entgegnete Fräulein lrmingard, daß meinem Mitkommen nichts entgegenstünde. Fräulein Irmingard sagte mir noch, daß sie im Hotel HaIali in Kipsdorf, obwohl dort Gaststättenruhetag sei, ein Zimmer für uns beide bereitstellen lasse. (Hier möchte ich einfügen, daß ich bereits mit dem Vater von Hütter, der ebenfalls Arzt in Görlitz war, befreundet gewesen bin, so daß sich diese Freundschaft sozusagen vom Vater auf den Sohn übertragen hat.)

Nachdem ich festgestellt hatte, daß wir am Freitag Kipsdorf nicht mehr erreichen konnten (wir mußten mit der Bahn fahren, denn es war Krieg und weder Hütter noch ich hatten mehr einen Kraftwagen), setzte ich mich telefonisch mit Dr. Hütter in Verbindung, der selbstverständlich sofort bereit war, den HERRN aufzusuchen. Der nächste Zug, den wir nehmen konnten, fuhr am Sonnabend, den 6. Dezember, gegen 6 Uhr früh von Görlitz ab, und wir trafen gegen 9 Uhr vormittags in Kipsdorf ein. Wir stellten unsere Reisetaschen im Hotel ab, Dr. Hütter nahm lediglich seine Ärztetasche mit, und so begaben wir uns in das Haus des HERRN.

Dort wurden wir von den Damen empfangen. Dr. Hütter begab sich unmittelbar zur Untersuchung zum HERRN, während ich mit den Damen im Wohn-Speisezimmer blieb. Dieses Zimmer lag im Erdgeschoß des Hauses, das Schlafzimmer des HERRN hingegen im Obergeschoß.

Nachdem die Untersuchung beendet war, gingen die Damen zum HERRN, und ich schloß mich ihnen an. Fräulein Irmingard hatte ich gebeten, den HERRN zu fragen, ob auch ich zu Ihm kommen dürfe. In der offenen Tür stehend hörte ich, wie Fräulein Irmingard mit folgenden Worten den HERRN fragte:

„Vater, Herr Müller-Schlauroth ist auch hier, er läßt Dich fragen, ob er zu Dir kommen darf.” Darauf antwortete der HERR: „Meine Freunde können immer zu mir kommen.” Ich begab mich an das Lager des HERRN. Das Bett, in dem Er lag, stand so, daß man von drei Seiten herantreten konnte. Der HERR lag auf der linken Körperseite, ich ging um das Bett herum, um Ihn zu begrüßen. Der HERR reichte mir die Hand, schaute mich fest an und sprach kaum hörbar: „Es ist gut, daß Sie da sind.” Ich verblieb noch einige Sekunden unter Seinem gütigen Blick und zog mich dann leise von Seinem Lager zurück. Bei dieser Begrüßung war der HERR noch bei vollem Bewußtsein und ruhig. Er war jedoch sehr abgemagert, Seine Haut welk und gelb, Seine Augen aber leuchtend.

Anschließend wurden Dr. Hütten und ich von Frau Maria zum Mittagessen gebeten, das im Wohn-Speisezimmer eingenommen wurde. Fräulein Irmingard blieb am Bett des HERRN. Nach dem Essen begab sich auch Frau Maria wieder nach oben an das Lager des HERRN. Dr. Hütter und ich blieben allein im Zimmer zurück. Hier äußerte Hütter: „Wenn es sich nicht um den HERRN handelte, wäre ich der festen Überzeugung, am Lagereines Sterbenden zu sein.” Bald darauf wurde Dr. Hütter von Fräulein Irmingard dringend an das Krankenlager gerufen.

Das Befinden des HERRN hatte sich verschlechtert. Wir eilten beide die Treppe hinauf, Hütter begab sich zum HERRN, um den Puls zu prüfen, ich blieb an der Tür innerhalb des Zimmers stehen. Der HERR war einer Ohnmacht nahe. Dr. Hütter sagte den Damen, daß der Puls sehr matt geworden sei, er gab dem HERRN eine herzstärkende Einspritzung. Um dieses Mittel noch von außen her zu unterstützen, kamen die Damen mit Dr. Hütten darin überein, daß Frau Maria vermittels der ihr innewohnenden heilenden Fähigkeiten, am Fußende des Bettes stehend, durch Aufheben beider Arme dem HERRN Kraft spenden wollte. Von nun an hielt Dr. Hütter den Puls des HERRN unter ständiger Kontrolle, und immer dann, wenn der Puls schwächer wurde oder gar aussetzte, gab er durch Kopfnicken Frau Maria das Zeichen, mit ihrer Behandlung wieder einzusetzen. Ich hatte den Eindruck, daß der HERR jetzt ohne Bewußtsein wäre. Er lag verhältnismäßig ruhig, aber jedesmal, wenn Frau Maria ihre Arme erhob, richtete sich der HERR etwas auf und schlug sehr erregt, oft mit beiden Armen, aber meist mit dem rechten Arm so, als ob Er ein Schwert zur Abwehr führe, um sich. Diesen Vorgang habe ich drei- oder viermal miterlebt; dann habe ich mich zurückgezogen, um mich nach unten in das Wohnzimmer zu begeben. Dort habe ich gebetet.

Gegen 15 Uhr kam Fräulein Irmingard und sagte mir, daß um 16 Uhr das Ehepaar Giesecke in Kipsdorf mit dem Zuge ankäme. (Herr Giesecke war Besitzer des Hauses, in dem die Herrschaften wohnten; er hatte es ihnen zur Verfügung gestellt, nachdem dem HERRN von der Gestapo genehmigt worden war, Schlauroth zu verlassen, um wieder einen eigenen Hausstand zu begründen.) Frau Maria bäte mich, Gieseckes am

Bahnhof abzuholen, um Herrn Giesecke zu sagen, daß er seine Frau nicht mit in das Haus bringen, sondern nur allein kommen möge. Mir persönlich lasse Frau Maria sagen, daß sie angesichts der ernsten Lage Frau Giesecke nicht ertragen könne.

Das war für mich ein unangenehmer Auftrag, war ich doch mit Gieseckes, wenn auch nicht geradezu befreundet, so doch sehr gut bekannt. Da der Auftrag aber von Frau Maria kam, konnte ich mich schlechterdings nicht weigern, ihn auszuführen. Ich erwartete Gieseckes am Bahnhof. Auf dem Wege zum Schweizerhof (Schweizerhof hieß das Haus, in dem der Herr wohnte und das Giesecke gehörte) habe ich Herrn Giesecke so schonend wie möglich die Nachricht von Frau Maria überbracht. Sie traf Herrn Giesecke schwer; ich merkte ihm an, daß er sehr betroffen war. Aber Herr Giesecke sowohl als auch seine Frau entsprachen Frau Marias Wunsch. Frau Giesecke begab sich in den weiter oberhalb liegenden Gutshof, Herr Giesecke in das im Schweizerhof für Gieseckes zurückbehaltene Zimmer Das hat sich gegen 16.30 Uhr zugetragen.

Anschließend ist Herrn Giesecke von den Damen der Eintritt das Zimmer des HERRN gewährt worden.

Etwa zehn Minuten später kam Dr. Hütter, der bis dahin ununterbrochen den Puls des HERRN beobachtet und abwechselnd mit Frau Maria – er durch herzstärkende Einspritzungen, Frau Maria durch Erheben der Arme – versucht hatte, dem HERRN zu helfen und Ihn am Leben zu erhalten, sichtlich verstört zu mir und erklärte, sich eines für ihn furchtbaren Auftrages von Frau Maria entledigen zu müssen. Der Auftrag lautete: „Herr Giesecke hat im Zimmer des HERRN durch ein Pendel festgestellt, daß du (gemeint war ich) sofort das Haus verlassen müßtest, denn du stündest der Genesung des HERRN im Wege!” Darauf bin ich mit Hütter aus dem Zimmer in die Diele getreten, und während ich mich anschickte, meinen Mantel anzuziehen, rief Fräulein Irmingard von oben:

„Herr Dr. Hütter, kommen Sie, schnell, schnell!” Hütter lief die Treppe hinauf, zwei Stufen auf einmal nehmend. Gerade in dem Augenblick, als ich die Haustür öffnete, um das Haus weisungsgemäß zu verlassen, rief Dr. Hütter von oben: „Hellmuth, du brauchst nicht mehr zu gehen. Der HERR ist, während ich unten war, gestorben.” Das war am Sonnabend, den 6. Dezember 1941, gegen 17 Uhr.

Nachdem Dr. Hütter die notwendigen Handlungen am Leichnam des HERRN vorgenommen hatte, kamen wir mit den Damen im Wohn-Speisezimmer zusammen, wo verabredet wurde, am nächsten Tage, am Sonntag, das Weitere zu besprechen. Die Nacht von Sonnabend zu Sonntag verbrachten Hütter und ich im Hotel Halali in einem gemeinsamen Zimmer. Da ereignete sich noch ein Vorgang, der vielleicht der Erwähnung wert ist. Hütter war offensichtlich stark erschöpft und schlief bald ein, während ich noch lange wach lag. Plötzlich rasselte in er Hotelhalle das Telefon. Da außer uns niemand im Hause war (wir hatten deshalb bereits am Morgen den Hausschlüssel mitbekommen), läutete es unausgesetzt. Da weckte ich Hütter. Wir dachten beide, der Anruf könne von Frau Maria kommen. Sollte der HERR in Seine irdische Hülle zurückgekehrt ein? Ich eilte an den Apparat. Der Anrufer war aber ein Gast, der ein Zimmer verlangte.

Am Sonntag morgen frühstückten wir im Hotel. Dr. Hütter begab sich dann zum Bürgermeister, um die notwendigen Formalitäten zu erledigen. Im Sterbehaus trafen wir wieder zusammen. Dr. Hütter reinigte zusammen mit der herbeigerufenen Leichenwäscherin den Leichnam des HERRN. Die Damen brachten das Gewand für den HERRN herbei, sie kleideten Ihn zusammen mit Dr. Hütten in eine gelbe Robe und betteten Ihn auf ein Lager, das mit weißem Linnen bespannt war. Nachdem der HERR fertig aufgebahrt war und Leuchter neben Ihm brannten, trat auch ich an Ihn heran und nahm von Ihm Abschied.

Am Nachmittag baten mich die Damen, in Dresden bei dem staatlichen Begräbnisinstitut einen Sarg auszuwählen, die Überführung des Leichnams des HERRN nach Bischofswerda zu veranlassen, in Bischofswerda eine Grabstelle zu erwerben, mit dem zuständigen Pfarrer das Begräbnis zu besprechen und einen Termin zu vereinbaren. Am Montag, den 8. Dezember, verließ ich Kipsdorf mit dem Morgenzuge, um die Aufträge der Damen auszuführen. Nachdem das geschehen war, verständigte ich die Damen in Kipsdorf telefonisch über den Termin der Beisetzung des HERRN und den Ausgang meinen sonstigen Obliegenheiten. Dann reiste ich nach Haus auf meinen Schlaurother Gutshof zurück.

Diese Niederschrift erfolgte nach gewissenhaftester Prüfung meiner Erinnerung, und ich bin fest davon überzeugt, daß sie mit dem tatsächlich Erlebten übereinstimmt.

Rötz in der Oberpfalz, den 31. März 1969.

gez. Hellmuth Müller Jünger des HERRN

PS: Herr Giesecke trat – nach vorheriger Vermittlung durch meinen Freund Karl Linckelmann – während der Beisetzung des HERRN in Bischofswerda an mich heran und bat mich am offenen Grabe des HERRN wegen der mir in Kipsdorf angetanen Kränkung um Verzeihung. Diese habe ich ihm gern gewährt.

 

HELLMUTH MÜLLER-SCHLAUROTH

Aus seinem Leben

Ein jüngerer Freund meines verstorbenen Mannes machte mir den Vorschlag, das Leben von Hellmuth MülIer-Schlauroth in einer Skizze festzuhalten. Dieser Freund ist ein Bekenner der Gralsbotschaft und hat in den letzten Jahren die Sorgen und Kämpfe meines Mannes um die Reinerhaltung der Gralsbewegung und der Gralsbotschaft geteilt.

In der Erkenntnis, daß zu Beginn von Abd-ru-shins Wirken eine stärkere Verinnerlichung, ein tieferes Gottsuchen unter den Menschen war als in der heutigen Zeit, und in der Überzeugung, in Hellmuth Müller-Schlauroth einem letzten Vertreter einer entscheidenden Epoche begegnet zu sein, schrieb er u.a.:

„In der Hoffnung, daß es in einer späteren Zeit noch einmal Menschen geben wird, die wieder Gralssucher genannt werden können, erachte ich die Aufbewahrung von Ihres Mannes Lebenszeugnis als Notwendigkeit.”

Über Abd-ru-shin und die mit Ihm zusammenhängenden Erlebisse, die sein Leben am stärksten geprägt haben, hat Hellmuth Müller-Schlauroth in seinen Niederschriften

„Meine Begegnung mit dem HERRN”

und

„Der letzte Erdentag des HERRN” selber berichtet.

Ich kann und will nichts weiter tun, als aus den Zeiten, die vor, zwischen und nach den in seinen Niederschriften dargestellten liegen, zu erzählen. Ich werde einige seiner Erlebnisse aus den Kinderjahren, aus den beiden Weltkriegen, aus seinem Beruf, von seiner Vertreibung aus Schlesien, den ihr folgenden schweren Jahren und den letzten guten Jahren festhalten. Ich gebe sie so wieder, wie ich sie von ihm gehört habe, und ich berichte nur das, was ich mit Sicherheit weiß. Vielleicht gelingt es mir, damit die Züge seine Wesens und die Züge jener Jahre deutlich zu machen, von denen der Initiator dieses Berichtes spricht.

Hellmuth Albert Müller wurde am 12. April 1897 in Cotta bei Dresden geboren. Cotta gehörte damals noch nicht zu Dresden; es war ein ländlicher, weit außerhalb der Stadt liegender Ort. Dort betrieb sein Vater am Hamburger Platz einen Großhandel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen.

Die Eltern waren, wie es damaliger bürgerlicher Gesinnung und Tradition entsprach, dem sächsischen Königshause treu ergeben. Schon der Vater trug den Namen des Königs Albert; auch der Sohn erhielt diesen Vornamen. Als Rufnamen bestimmten die Eltern „Hellmuth”, denn sie wünschten sich, daß der Sohn einen hellen Muth (der dazumal noch mit „th” geschrieben wurde) haben möge. Später mahnte der Vater, sobald der kleine Junge sich vor etwas fürchtete, ihn mit den Worten: „Hellmuth, laß’ dich nicht feige finden!”

Das Getreide, die Kartoffeln, Rüben und Äpfel rollten auf Wagen, die mit zwei oder vier schweren Pferden bespannt waren, in den Hof. Pferdegetrappel und der Umgang mit Natürlichem, Gewachsenem, Duftendem waren die ersten Eindrücke, die der kleine Hellmuth empfing; sie sollten für sein Leben bestimmend bleiben.

Eine der Prinzessinnen des sächsischen Hofes ließ sich manchmal an schönen Sommertagen in einer Pferdekutsche nach Cotta fahren, um dort mit ihrer Hofdame an dem damals noch stillen Elbufer spazierenzugehen. Wenn der Wagen der Prinzessin, aus der Stadt kommend, in den Hof einbog, trat Vater Müller vor das Haus, öffnete den Wagenschlag und kredenzte der Prinzessin auf einem silbernen Tablett einen Likör. Wenn er nicht anwesend war, tat es von seinem 6. Jahr an mit einer tiefen Verbeugung der kleine Hellmuth, wobei der Kutscher für ihn die Wagentür öffnen mußte, da er den Griff noch nicht erreichen konnte.

Nachdem er zunächst die Bürgerschule in Cotta besucht hatte, kam Hellmuth auf die Obenrealschule in Dresden. Besonders markante Schulerlebnisse habe ich von ihm nicht gehört, wohl aber eine Schilderung, die ich wiedergeben will, nicht weil sie für ihn bezeichnend wäre, sondern weil sie den Abstand zwischen unserer Zeit des Terrorismus und der Zeit vor dem Weltkrieg aufzeigt. Der damals regierende König Friedrich August III. pflegte öfters in den Mittagsstunden zu Fuß und ohne eine Begleitung ein Zigarrengeschäft in der Prager Straße -aufzusuchen und seine Einkäufe dort vorzunehmen. Sobald die aus der Schule strömenden Jungen ihn erkannten, hefteten sie sich ihm in Scharen und mit lauter Begeisterung an die Fersen. Nach einiger Zeit drehte der König sich um und sagte: „Nee, nee, Jungens, nu laßt mich ooch alleene weiterjeh’n!” Worauf die Meute einige Schritte zurückblieb und ihm nur noch leise murmelnd in respektvoller Entfernung bis zum Schloß folgte.

Als Hellmuth 10 Jahre alt war, beauftragte sein Vater ihn damit, kurz vor Schalterschluß die täglichen Geldeinnahmen mit dem Fahrrad zur Bank zu bringen und dort einzuzahlen. Es handelte sich um Gold- und Silberstücke, die er in einer schweren ledernen Tasche mit einem Riemen um den Leib geschnallt bekam. Das so früh in ihm geweckte Verantwortungsbewußtsein für ihm anvertrautes Gut hat ihn nie verlassen.

Eine Unentschiedenheit in der Berufswahl hat es für ihn nicht geben. Seine Liebe zu Tier und Pflanze, sein Wunsch, dem allen das Beste abzugewinnen, waren so eindeutig, daß er sogleich nach der Schulzeit die Höhere Landwirtschaftsschule in Döbeln in Sachsen absolvierte. Daran schloß sich eine praktische Lehre und eine Assistentenzeit auf zwei Großgütern.

Als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, meldete sich, wie Tausende ihr Vaterland liebenden junger Menschen, auch der siebzehnjährige Hellmuth Müller freiwillig zum Militär. Er kam an die Westfront. Noch in demselben Jahr wurde er mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und einige Monate später, nachdem der junge Kriegsfreiwillige sich in dem Sturm auf die Festung Verdun durch besonderen Mut hervorgetan hatte und schwer verwundet worden war, mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet. In einem Lazarett im Harz heilte seine Verwundung aus; danach wurde er einer Truppe an der Ostfront zugeteilt. Im Frühjahr 1917 geriet er, zwanzigjährig, bei Charkow in russische Gefangenschaft. Es waren die letzten Monate des zaristischen Rußland. Die deutschen Gefangenen wurden unvergleichlich menschlicher und legerer behandelt als etwa später im 2. Weltkrieg. Zwar arbeitete Hellmuth Müller tagsüber in einer Fabrik unter Bewachung, doch abends und an den Wochenenden konnte er sich frei unten der Bevölkerung bewegen.

In seiner Freizeit striegelte und longierte er Pferde auf der Trabrennbahn. Und ein anderes Bild stieg bis in sein hohes Alter immer wieder aus der Erinnerung auf: die Pracht, mit der die griechisch-orthodoxe Kirche in der Osternacht die Auferstehungsfeier beging.

Nach der Oktoberrevolution 1917 verschlechterte sich die Behandlung der deutschen Kriegsgefangenen sofort. Als bekannt wurde, daß sie in entlegenere Teile Rußlands gebracht werden sollten, ergriff Hellmuth Müller die erste sich bietende Gelegenheit, um sich nach Westen abzusetzen. Es wurde eine Flucht über mehr als 1000 km, die er unter ständiger Gefahr, wieder eingefangen und dann erschossen zu werden, unter Hunger und Kälte, größtenteils zu Fuß zurücklegte. Sie wäre ihm trotz seines Mutes und seiner Entschlossenheit nicht gelungen, wenn er nicht unterwegs immer wieder Hilfe gefunden hätte. So stopfte ihm eine Bauersfrau eines Nachts die Taschen voll Brot und Zucker. In Tschernowitz hielt ein jüdischer Trödler ihn ein paar Nächte versteckt, bis er sich wieder etwas erholt hatte.

Im Frühjahr 1918 war er wieder in der Heimat. Der Krieg war noch nicht zu Ende, aber ein geflüchteter Kriegsgefangener wurde nicht wieder an die Front geschickt. Im November 1918 wurde der Waffenstillstand geschlossen, der Krieg war verloren, die Monarchie stürzte, Deutschland wurden durch den Vertrag von Versailles schwere Lasten auferlegt. Dieser unglückliche Ausgang bewegte den jungen Patrioten sehr.

Mit Macht drängte es ihn nun in den erwählten Beruf des Landwirts. Er übernahm, zunächst als Verwalten, später als Pächter auf Lebenszeit, die Bewirtschaftung des devastierten und überschuldeten Rittergutes Schlauroth im Kreis Görlitz. Es handelte sich um einen Besitz von 115 ha, der – 5 km von Görlitz entfernt – zu Füßen der „Landeskrone” sich erstreckte. Der verstorbene Besitzer Schoppe hatte Schulden in Höhe von 510.000 Reichsmark, einer beim damaligen Geldwert gewaltigen Summe, hinterlassen. Die Gebäude waren verkommen, das Inventar verbraucht, die Felder verunkrautet. Wenn auch Vater Müller ihm in der ersten Zeit mit relativ großen Beträgen finanziell beistand, gelang es dem jungen Pächter doch nur mit Aufbietung aller Kräfte, den Hof vor den drohenden Wechselprotesten und der Versteigerung zu bewahren. 1919 heiratete er die Witwe des verstobenen Besitzers, Marie-Luise Schoppe. Um das Gut aus seiner schwierigen Lage herauszuführen, entschloß ersich, das Nutzvieh abzuschaffen und den Betrieb auf hochintensiven Samen- und Gemüsebau umzustellen. Das war ein sehr ungewöhnlicher Schritt, zu dem wiederum viel Mut gehörte und der ihm zunächst nur Spott und böse Prophezeiungen einbrachte.

Im Laufe der Jahre gelang es ihm jedoch, die auf dem Hof lastenden Schulden zurückzuzahlen und das Gut zu einem Musterbetrieb zu entwickeln, der die Aufmerksamkeit und die Anerkennung zahlreicher Fachkenner und der einschlägigen Behörden fand. Die Landwirtschaftskammer Niederschlesien kannte ihn als Lehrherrn an, die Samen-Versuchsanstalt Pommritz in Sachsen veranstaltete Führungen auf seinen Feldern, der Kreis Görlitz ernannte ihn zum stellvertretenden Landrat.

Allmählich wurde er weit über die Grenzen seines Heimatkreises hinaus bekannt. Der Name „Müller-Schlauroth” bürgerte sich ein. Man betraute seinen Träger mit zahlreichen Ehrenämtern. Mit knapp 35 Jahren wurde erzum Präsidenten des Verbandes der Landeskulturgenossenschaften (später: Reichsverband der Wasser- und Bodenkulturverbände) gewählt. Auch wählte ihn die Landesgruppe Schlesien dieses Verbandes zu ihrem Leiter. Der Verband erkannte in ihm eine Persönlichkeit mit neuen Ideen und mit Unternehmungsgeist.

Aber auch für die Bauern seines Dorfes war er da. Über 20 Jahre war er Vorsitzender der Genossenschaftsmolkerei Schlauroth, die täglich ca. 20.000 Liter Milch verarbeitete und die unter seinem Vorsitz zahlreiche maschinelle Verbesserungen einführte.

Auch für seinen eigenen Betrieb beschaffte er die bestentwickelten landwirtschaftlichen Maschinen, die ersten Schlepperund Drillmaschinen. Dessen ungeachtet benötigte ein Betrieb, der seinen Abnehmern völlige Sortenreinheit und Unkrautfreiheit für die gelieferten Sämereien garantierte viele menschliche Arbeitskräfte. Zu den ständig auf dem Hof beschäftigten Arbeitern und Angestellten kamen alljährlich im Frühjahr etwa 20 weibliche und 10 männliche Arbeiter aus Polen und blieben dort bis in den Spätherbst. Es kamen zumeist dieselben Leute wieder. Ihr „Chef” verlangte gute Arbeit von ihnen, Fleiß, Pflichtgefühl, Ordnungssinn. Und er konnte laut und heftig werden, wenn es daran fehlte. Wer aber das Seine tat, wurde gut behandelt und gut bezahlt.

Eine Episode mag das Verhältnis zwischen dem Gutsherrn und seinen Leuten zeigen: Der Betrieb baute große Flächen Lein an. Infolge eines unglücklichen Umstandes hatte in einem Jahr doch einmal Unkraut den Lein so stark überwuchert, daß die Felder umgepflügt werden sollten. Das wäre ein großer Verlust gewesen. Während Müller- Schlauroth noch, von Sorgen und Zweifeln geplagt, an den Feldern auf- und niederlief, kam ein deutsch sprechender Pole zu ihm und sagte: „Die Frauen lassen sagen, der Chef soll heimgehen. Sie machen die Felder sauber.” Und sie taten es, obwohl es Pfingstsonnabend war und in Strömen regnete. Nach der Ernte wurde der Lein in die Flachsröste geliefert. Der Ablieferer erhielt den Gegenwert teils in Geld, teils in Leinenstoffen. Müller-Schlauroth ließ zwei Ballen Stoff bunt bedrucken und für jede Frau und jedes Mädchen, die ihm im Frühjahr den Lein gerettet hatten, von der Schlaurother Hausschneiderin ein Dirndlkleid nähen.

Seine Polen blieben auch nach Ausbruch des 2. Weltkrieges bei ihm, weil die Ernte noch nicht beendet war. Die Behörden tolerierten das, doch verboten sie den Polen, noch deutsche Einrichtungen in Anspruch zu nehmen. Arzt und Apotheke waren ihnen nicht mehr zugänglich. Nun mußte den „Chef” alle Krankheiten behandeln und versuchen, die nötigen Medikamente zu beschaffen. Als eine Polin niederkam, wurde er in der Nacht geweckt, damit er die Hebamme ersetze. Er tat es mit Erfolg.

Gutsherr und Arbeiter fühlten sich einander verpflichtet. Das Bild des kapitalistischen Ausbeuters, des Nichtstuers, den seine Leute vom Pferde aus mit der Reitpeitsche antreibt, wie es nach Kriegsende von den Bolschewisten gezeichnet wurde, traf auf ihn nicht zu. Wie er sagte, gab es unter allen ihm bekannten schlesischen Gutsbesitzern keinen, auf den es zugetroffen hätte.

Hellmuth Müller-Schlauroth war ein begeisterter Jäger und scharte einen freundlichen Kreis von Jagdkameraden um sich. seine besondere Freude, sein „Glück am Rande”, aber waren seine Pferde und seine Hunde, die ihm durch Zuneigung und Treue das Verständnis vergalten, mit denn er sie behandelte. Auch in hohem Alter erinnerte er sich jedes Namens und jeder Charaktereigenschaft seiner Tiere.

Im Jahre 1934 trat Abd-ru-shin in sein Leben, wenn auch zunächst noch nicht persönlich. Vielmehr bekam er von seinem um 11 Jahre älteren Freund, Herrn Rechtsanwalt Karl Linckelmann, der zu jener Zeit in Berlin lebte, die erste, 1926 erschienene Ausgabe der Gralsbotschaft „Im Lichte der Wahrt” zum Lesen. Eingehende Gespräche zwischen den Freunden folgten. Sie führten dazu, daß Müller-Schlauroth 1935 mit seiner Familie und einer langjährigen Hausangestellten der Gralsbewegung beitrat. Im September 1935 wurde er auf dem Vomperberg vom HERRN versiegelt, 1936 wurde er berufen und 1937 in der Feier des Strahlenden Sternes vom HERRN zum Jünger geweiht.

Zehn Wochen später wurde Österreich dem Deutschen Reich eingegliedert. Abd-ru-shin wurde von der Geheimen Staatspolizeiverhaftet und in das Gefängnis Innsbruck gebracht. Durch zähe und mutige Verhandlungen in Innsbruck und bei der Gestapo in Berlin erreichte Müller-Schlauroth schließlich Abd-ru-shins Entlassung, nachdem er mit Kopf und Vermögen für Ihn Bürgschaft geleistet hatte. Nach der Freilassung stellte er dem HERRN und dessen Familie sein Haus zum Aufenthalt zur Verfügung. Diese Ereignisse hat er in der ersten seiner eingangs genannten Niederschriften eingehend geschildert; ich erwähne sie daher nur kurz, um die zeitliche Folge aufzuzeigen.

Am 6. Dezember 1941 starb Abd-ru-shin in Kipsdorf. Müller-Schlauroth hat die letzten Erdenstunden des HERRN und dessen Beisetzung in Bischofswerda in seiner zweiten Niederschrift aus eigenem Erleben geschildert.

Etwa 1931 war MülIer-Schlauroth der NSDAP beigetreten, weil er in ihr eine vaterländische Partei sah, eine Partei, die das schwer um seine Existenz ringende Bauerntum förderte. Von der „Kristallnacht” 1938 an, die ihn tief empörte, begann er jedoch, sich innerlich von der Partei zu lösen. Im Juli 1943 ist er schließlich unter öffentlichem Protest ausgetreten; im damaligen Stadium des Krieges galt das als „Verrat an der deutschen Sache”.

Zur Wehrmacht eingezogen wurde er im 2. Weltkrieg nicht, da der Kreis Görlitz ihn zur Sicherung der Ernährung als landwirtschaftlichen Sachverständigen beanspruchte. Man übergab ihm auch die Verwaltung zweier benachbarter Güter, deren Besitzer im Felde standen.

Durch Rechtsanwalt Linckelmann kam Müller-Schlauroth mit der Forschungsstelle für Nationalwirtschaft in Berlin in Kontakt. Von 1932 bis zum Kriegsende stand er dort als Berater zur Verfügung, sooft landwirtschaftliche Fachfragen zu klären waren.

Vom Januar 1945 bis zum Kriegsende hielt Müller-Schlauroth eine junge Görlitzerin, Fräulein Elisabeth-Charlotte Kuban, die aus politischen Gründen zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, beim Russenvormarsch aber aus der Strafanstalt Jauer hatte fliehen können, in seinem Hause versteckt.

Auch mit anderen Flüchtlingen füllte sich das Haus. Die Verwandten seiner Frau und Freunde der Familie flüchteten vor dem Vormarsch der Russen aus Oberschlesien nach Schlauroth. Freunde, die in Berlin ausgebombt waren, suchten und fanden ebenfalls Zuflucht in Schlauroth, darunter von Ende 1943 bis Frühjahr 1944 die wissenschaftliche Leiterin der eben erwähnten Forschungsstelle für Nationalwirtschaft, Frau Johanna Bödeker, mit ihrer Kusine, und ab Januar 1945 Rechtsanwalt Linckelmann mit seiner Familie.

Von Anfang Februar 1945 an lag Schlauroth im Frontgebiet. Mit dem Einmarsch der Russen war nun zu rechnen. Die meisten Bauern aus dem Dorfe flohen. Mit Rücksicht auf seine Familie und wegen der Flüchtlinge, die das Gut beherbergte, darunter zahlreiche Mädchen und junge Frauen, quälte Müller-Schlauroth die Frage, wie er sich verhalten sollte. Wäre es ausschließlich um ihn gegangen, hätte er die Russen auf seinem Hof erwartet.

Als im April die Front vorübergehend zurückging, fuhr er mit einigen Männern in das geräumte Gebiet, um zu sehen, wie dort mit den Menschen umgegangen worden war. Die Eindrücke waren so furchtbar, daß daraufhin der Entschluß gefaßt wurde, einen Treck zusammenzustellen. Als die ersten feindlichen Kugeln in das Wohnhaus einschlugen, ging der Treck mit 3 Zugmaschinen und 5 Anhängern, auf denen sich 34 Personen mit ihrem Gepäck befanden, auf die große Straße nach Zittau. General Schörner hielt diese Straße noch frei, um den zurückflutenden deutschen Soldaten die Möglichkeit zu geben, die Elbe und damit die Amerikaner zu erreichen.

Die verstopfte Straße und Tieffliegenangriffe zwangen den Treck, in die Tschechoslowakei, das damalige Sudetenland, auszuweichen. Dort waren sie, als der Waffenstillstand eintrat. Nach etwa drei Wochen kehrte die Familie und die Mehrzahl derer, die sich ihr anvertraut hatten, mit den Resten ihrer Habe – vieles war geplündert worden – nach Schlauroth zurück.

Auch auf dem Hof war inzwischen mit Plünderungen und Verwüstungen schlimm gehaust worden. Als Hellmuth Müller-Schlauroth zurückkam, waren die Russen dabei, die für die Görlitzer Bevölkerung eingelagerten Lebensmittelvorräte wegzuschaffen. Ertrug seinen Namen wieder zu Recht: unter Einsatz seines Lebens kämpfte er darum, daß die Saatkartoffeln für den Herbst unangetastet blieben. Auch ließ er alle Möhren, allen Porree, die den Winter über in Mieten gelegen hatten, zu je 2 Pfund bündeln und ungeachtet der lautstarken Proteste der Russen am Hoftor an die Görlitzer verkaufen. Die Görlitzer Straßenbahn schickte 3 Tage lang Extrazüge nach dem nahegelegenen Ort Biesnitz, um die Menschen hinaus- und wieder zurückzubringen.

Kaum war das letzte Gemüsebündel verkauft, wurde Hellmuth Müller-Schlauroth von der russischen GPU verhaftet und in das Gerichtsgefängnis Görlitz gebracht. Nach 7 Wochen wurde er entlassen und 3 Tage später auf offener Straße von einem Funktionär der kommunistischen Partei erneut festgenommen. Am 21.8.45 durfte er, nachdem alle Erkundungen auf dem Hofe und im Dorfe keine Handhabe gegen ihn ergeben hatten, nach Schlauroth zurückkehren. In Görlitz herrschten inzwischen Hungersnot und Typhus.

Am 22. Oktober 1945 wurde das Rittergut Schlauroth im Zuge der ostzonalen Bodenreform, die zunächst alle Güter über 100 ha Grundfläche erfaßte, enteignet. Das Land wurde unter 18 Neusiedlern aufgeteilt. Hellmuth Müller-Schlauroth hatte es zu diesem Zeitpunkt 27 Jahre bewirtschaftet, und es war so gut wie schuldenfrei. Er, seine Frau und deren Tochter Inge aus ihrer ersten Ehe wurden zusammen mit anderen niederschlesischen Grundbesitzern und -pächtern nach der Insel Rügen deportiert. Es gelang ihm, von dort mit seiner Familie in einem Fischerboot über die Ostsee nach Stralsund und von da nach Westberlin zu entkommen. Dort fand die Familie Aufnahme bei Frau Johanna Bödeker, die ihrerseits 1943 nach ihrer Ausbombung Zuflucht in Schlauroth gefunden hatte und die nun eine enge Notwohnung in Berlin innehatte.

In Berlin arbeitete Hellmuth Müller ein Jahr lang als Bauhilfsarbeiter an der Enttrümmerung und dem Wiederaufbau der Städtischen Oper. Etwa in diese Zeit muß die Ankunft eines Briefes fallen, den einer seiner langjährigen polnischen Arbeiter ihm geschrieben hatte und der ihn auf Umwegen erreichte: der Pole bot ihm an, zu ihm zu kommen und auf Lebenszeit bei ihm zu bleiben. Wenn auch die Annahme dieses Angebots außer Frage stand, so bedeutete es doch eine Freude in dieser Zeit völliger Ungewißheit.

Da Hellmuth Müller mit Leib und Seele Landwirt war, in der Großstadt sich am falschen Platze fühlte und hoffte, auf einem kleineren Hof auch unten dem kommunistischen Regime unangefochten arbeiten zu können, kehrte ertrotz allem seit dem Kriegsende Erlebten im Oktober 1946 wieder in die Ostzone bzw. in den Kreis Görlitz zurück. Er pachtete ein nur 41 ha großes Bauerngut in Siebenhufen, das bombenbeschädigt und verwahrlost war. Als er nach 1 V* Jahren den Hof wieder leidlich in Ordnung gebracht hatte, begann, da ein Kommunist ihn nun haben wollte, das Kesseltreiben gegen den früheren „Großgrundbesitzer” von neuem. Wieder wurde Hellmuth Müller verhaftet und eingesperrt, zuerst im Gerichtsgefängnis Görlitz, dann im Haftlager Bautzen. Nach seiner Entlassung gingen die Anfeindungen weiter. Schließlich wurde er im November 1948 aus dem Landkreis Görlitz (der inzwischen im Landkreis Niesky aufgegangen war) ausgewiesen. Dieses unter Berufung auf eine russische Verordnung, nach der frühere Großgrundbesitzersich im Umkreis von 50 km ihres früheren Besitzes nicht ansiedeln durften. Da er der Ausweisung nicht sofort nachkam, drohte ihm eine neue Verhaftung. Jetzt endlich sah er ein, daß seines Bleibens in der Sowjetzone nicht länger sein konnte. Er floh mit seiner Frau in die Bundesrepublik.

Nun begann der Kampf des Flüchtlings um eine neue Existenz, um eine Wohnung, um einigen Hausrat. Was tut ein Bauer ohne Land? Aus der Fülle dessen, was Hellmuth Müller unternommen hat, nur einiges: er arbeitete als Eisenbieger, er übernahm Vertretungen für Ackerschlepper und andere landwirtschaftliche Maschinen, er war Lagerverwalter in einem Industriebetrieb, er richtete einen Meilereibetrieb bei Düren in der Eifel ein, er versuchte, sich an einem Gemüsebaubetrieb zu beteiligen, was mangels eines ausreichenden Kredits mißlang. Schließlich hat er in dem von Frau Bödeker geleiteten wirtschaftswissenschaftlichen Institut (für das er in Berlin von 1932 bis zum Zusammenbruch des Reiches als Ratgeber zur Verfügung gestanden hatte und das jetzt in der Eifel seinen Sitz hat) Rentabilitätsprobleme und Landarbeiterfragen bearbeitet.

Seine Ehe hat dem Druck der Nachkriegsnöte nicht standgehalten; 1956 ist sie geschieden worden.

1958 brachte mich eine glückliche Führung wieder mit Hellmuth Müller zusammen. Wir kannten uns seit 1939; ich arbeitete damals in dem eben erwähnten Berliner wirtschaftswissenschaftlichen Institut. Auch das Rittergut Schlauroth kannte ich; das letztemal war ich, kurz ehe es enteignet wurde, dort gewesen. In der Turbulenz der Nachkriegsjahre war die Verbindung mit Hellmuth Müller verlorengegangen; nach unserem Wiedertreffen riß sie nicht wieder ab; im Februar 1960 heirateten wir in Berlin. Ich war nach dem Kriege in dem alten Berliner Verlag Walter de Gruyter & Co. tätig; mein Mann konnte für den Verlag als Hauskorrektor arbeiten. So froh wir waren, daß sein Leben nun in ruhigeren Bahnen lief, so war doch bald zu erkennen, daß es für den leidenschaftlichen Naturfreund und Landwirt schwer war, in einer engen Großstadtstraße von früh bis abends am Schreibtisch zu sitzen. Da auch ich, obwohl in Berlin geboren, nie ein echter „Großstadtmensch” war, beschlossen wir, daß ich den Beruf aufgeben würde, sobald es wirtschaftlich vertretbar wäre, und wir dann „aufs Land” ziehen würden.

Mein Mann war mir Lehrer und Führer auf dem Wege in die Botschaft. Das war nicht immer ein leichter Weg für mich; um so mehr beeindruckte mich, mit welcher Sicherheit des Empfindens er jeden Satz der Botschaft aufnahm. Wenn er mir etwas erklären wollte, verwendete er Beispiele aus dem Naturgeschehen. Botschaft und Natur waren eine Einheit für ihn.

Im Frühjahr 1965 übersiedelten wir nach Rötz in der Oberpfalz. In unserer sonnigen Wohnung, in unserem schönen, ertragreichen Garten und in der Stille der Oberpfälzer Wälder sind wir sehr glücklich gewesen. Die Trauer um das geteilte Deutschland, um das geliebte Schlesien und um seinen verlorenen Hof hat ihn nie verlassen, aber sie wurde milder in den guten Jahren unseres Zusammenlebens.

Auch ein Charakterzug, der ihm oft zum Vorwurf gemacht worden war, glättete sich allmählich: seine geringe Toleranz gegenüber neueren Anschauungen und neuerer Lebensart. Tolerant zu sein, hieß für ihn, „schwach” oder „feige” zu sein, und da er beides nicht war, vertrat er das von ihm als richtig Angesehene oft zu heftig. In den letzten Jahren war er aber bestrebt, niemanden mehr durch Schroffheit zu kränken. Für sich selber allerdings hielt er unerschütterlich an den Idealen und Anschauungen fest, die in seinen Jugendjahren die gültigen waren.

Sobald 1960 die schwersten Nachkriegsnöte des Entwurzelten überwunden waren, nahm Hellmuth Müller die Verbindung zur Gralsbewegung wieder auf und fuhr auf den Vomperberg. Er war tief enttäuscht über die Entwicklung, die die Bewegung genommen hatte und die er als weit von dem abweichend empfand, was Abd-ru-shin gewollt hat. In Zusammenarbeit mit einigen anderen Anhängern, die sich gleich ihm sorgten, machte er in der Denkschrift vom September 1962 Vorschläge für einen in der Organisation der Gralsbewegung einzuschlagenden neuen Weg.

Die Gralsleitung hat die Vorschläge vehement abgelehnt und Hellmuth Müller unlauterer Motive bezichtigt. Wie weit das von der Wirklichkeit entfernt war, wissen diejenigen, die ihm nahestanden. Einen treueren Jünger hat der HERR nicht gehabt. Hellmuth Müller hat es als die größte Gnade und den größten Segen seines Lebens empfunden, daß er dem HERRN in der Not dienlich sein konnte. Ständig hat ihn im Alter die Frage bewegt, ob er nicht etwas zu tun versäumt habe. Am 5. März 1976, als fast Neunundsiebzigjähriger, hat er noch, getrieben von der Sorge um die Reinerhaltung der Botschaft Abd-ru-shins, einen eindringlichen Brief an die Gralsleitung gerichtet. Eine Antwort hat er nicht bekommen.

Seit 1972 hatten sich zwei Gralsanhänger zu ihm gesellt, die ihm in seinem Bemühen, dem Willen des HERRN auf dem Vomperberg Geltung zu verschaffen, zur Seite standen: Herr Kurt Schlüter aus Mosbach am Neckar und Herr Horst Dühmke aus Berg über Hof/Saale, der nach meines Mannes Tode auch die Anregung zu diesem Bericht gab. Für Hellmuth Müller war den Austausch mit den beiden jüngeren Freunden, die Möglichkeit, jede auftauchende Frage in Rede und Gegenrede zu klären, Hilfe und Freude zugleich.

Am 5. März 1978 besuchte ihn Herr Schlüter, wie er es oft in den letzten Jahren getan hatte. Auf einem Spaziergang am Schwarzwihrberg kreisten ihre Gedanken und Worte wieder um das gemeinsame Anliegen. Niemand ahnte, daß es ihr letztes Gespräch sein sollte.

Am 8. März 1978, mittags 12 Uhr, wurde Hellmuth Müller-Schlauroth von dieser Erde abberufen. Sein oft geäußerter Wunsch wurde ihm erfüllt, bis zum letzten Tage aufrecht und tätig sein zu können. Er hatte kein Krankenlager, und es war ihm ein sanfter Tod ohne Kampf beschieden. Die Todesursache war eine am Vorabend eingetretene Aortenruptur.

Hellmuth Müller-Schlauroth hat in dem Wandel und den Wirren seines fast 81-jährigen Lebens furchtlos und treu sich eingesetzt für das von ihm als recht Erkannte, und er war, seit er die Botschaft Abd-ru-shins kannte, aufs ernsteste bemüht, sie zur Richtschnur für sein Leben und Handeln zu machen. Für das Jahr 1978 (in dem ihm nur 9 Wochen noch zu leben bestimmt waren) hat er als Leitspruch auf der ersten Seite seines Notizbuches die Worte eingetragen, die ich hier in seiner Handschrift anfüge:

Wer in sich festes Wollen zu dem Guten trägt und sich bemüht, seinen Gedanken Reinheit zu verleihen, der hat den Weg zum Höchsten schon gefunden! Ihm wird dann alles andere zuteil.

Vortrag: Was sucht Ihr, Bnd. I S.13, Abs.4

Am 11. März wurde sein irdischer Körper auf dem Rötzer Friedhof der Erde übergeben. Von weither waren viele, die im nahegestanden hatten, gekommen, um ihm das letzte Geleit zu geben. Groß war auch die Anteilnahme der Rötzer Bevölkerung. Auch der katholische Pfarrer von Rötz, der evangelische Geistliche von Waldmünchen und sein Arzt aus Regensburg, der ihn sehr geschätzt hat, folgten seinem Sarge. Die Trauerfeier hielt mein Vetter Heinz Winkelmann, der früher als evangelischer Pfarrer in Berlin gewirkt hat. Freunde von Hellmuth Müller-Schlauroth würdigten seinen Einsatz für Abd-ru-shin und die Gralsbewegung.

Kurt Schlüter sprach:

„Hellmuth Müller-Schlauroth – Nur wenige wissen um die Bedeutung, die in diesem Zusatz Deines Namens liegt.

Man schrieb das Jahr 1938. In diesen Märztagen jähret sich der Beginn Deines Kampfes zum 40. Male! Unter der Gefahr, selbst verhaftet zu werden, befreitest Du in zähen Verhandlungen mit der Gestapo die Persönlichkeit aus dem Gefängnis, die in Deinem Leben eine so einzigartige Bedeutung hatte, und botest ihr irdischen Schutz auf Deinem Rittergut Schlauroth.

In vielen persönlichen Gesprächen vertrautest Du mir Dein Erleben jener Zeit an, und wer Dich kannte, wußte um Deine Sehnsucht zum Licht.

Noch Deine letzten Stunden, in denen ich bei Dir sein durfte, waren erfüllt von Gedanken an das HEILIGE WORT, dessen Reinerhaltung Deine große Sorge war.

Hellmuth Müller-Schlauroth, möge die Treue, die Du dem HERRN aller Welten hieltest, Dir in unserer geistigen Heimat entgegenleuchten!

HERR! Dein Diener kehrt heim!”

Ein Sohn seines 1964 verstorbenen besten Freundes verlas einen von seiner Mutter verfaßten Nachruf:

„Du Getreuester unter den Treuen bist heimgegangen zu Deinem Herrn. Dein Leben war Einsatz für Ihn, Deine täglichen Gebete waren Zwiesprache mit Ihm und waren ein Segen für alle, die sie miterleben durften.

Mit beispiellosem Mut gabst Du Schutz und Geborgenheit. In Dein Leben kam ein Licht, wie es selten einem Menschen geschah. Mit dem Licht kam aber auch das Dunkel, und Du wurdest ein unermüdlicher Kämpfer für das Licht.

Du warst auserwählt vor vielen und hast die Würde und die Bürde dieser Berufung bis zum letzten Atemzuge bewußt und aufrecht getragen. Als ein getreuer Knecht kehrst Du zu neuem Dienste heim.”

Sonthofen/AlIgäu Obere Mühle 5 den 12. April 1979

gez. Elisabeth Müller

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11.08.1940: Bei einem Tagesausflug nach Bischofswerda teilt Abd-ru-shin dem ihn begleitenden Ehepaar Wagner mit, daß er die Erde bald verlassen werde. Innerlich nimmt er von seiner Heimatstadt Abschied, in der er so viel Schönes erleben durfte. Auch bei der Töpferwerkstatt schaut er vorbei, welche ihm zu der Töpfer-Metapher inspirierte (vgl. GB I, 28, 8).

November 1941: Abd-ru-shin geht es körperlich sehr schlecht. Es folgt ein Krankenhausaufenthalt in Dresden. Die Ärzte können keine physische Krankheitsursache diagnostizieren. Abd-ru-shin ahnt sein Ende nahen und sagt: “Es ist gut, daß ich hier (= im Krankenhaus in Dresden) genau untersucht werde, damit die Menschheit einmal erfährt, dass ich nicht an einem organischen Leiden gestorben bin.” Die Ärzte geben Abd-ru-shins Wunsch nach, “heim nach Kipsdorf zugehen”.

06.12.1941: An diesem Samstag geht Abd-ru-shin gegen ca. 16:15 Uhr hinüber in eine andere Welt.

Die Todesursache Abd-ru-shins: Von alten Gralsanhängern wird berichtet, Abd-ru-shin ist daran gestorben, daß er “innerlich verbrannt” sei. Das muß man sich so vorstellen: Wenn zwei Menschen sich lieben, dann kann die Liebe so stark sein, daß man weder Speise noch Trank noch Schlaf braucht. So stark greift die Liebe in den Körper ein. Bei Abd-ru-shin war es genau so. In ihm brach seine ganze Liebe zu den Menschen strahlend durch. Wie damals im Ismanen-Reich. Und zwar so stark, daß sie ausgereicht hätte, die gesamte Menschheit zu erfüllen. Ein jeder Mensch hätte diese Liebe gespürt und sich an ihr aus dem Dunkel herausziehen können. Aber die Menschheit achtete dieser Liebe nicht. Genau wie ein Verliebter nun Höllenqualen erleidet, dessen Liebe vom geliebten anderen nicht erwidert wird, in genau der gleichen Weise mußte Abd-ru-shin schlimme seelische Qualen erleiden, die sich dermaßen auch körperlich bemerkbar machten, daß er daran starb. Es waren keine Berufenen da, die ihm seine Liebesglut abnahmen, aufsaugten und weitergaben an die anderen Grals-Anhänger, und es gab keine Menschen, an die diese Liebeskraft weitergegeben werden konnte. Groß war in Abd-ru-shins letzter Zeit daher sein Verlangen nach dem kühlenden Wasser, hervorgerufen durch die innere Glut sich stauender Strahlungen, die den Weg nicht finden konnten zu den Herzen derer, die berufen waren zum Dienst für den Heiligen Gral.

Daher seine Worte, die er in den letzten Tagen vor seinem Heimgang sprach: “Das Wasser ist herrlich, eine Kostbarkeit, welche der Mensch noch gar nicht zu schätzen weiß. Der Mensch ahnt ja nicht einmal, was Wasser ist!” Doch auch hier hat fürsorgliche Liebe Abd-ru-shin seinen letzten Weg vorbereitet. Denn sein Sterbe-Ort Kipsdorf liegt so ziemlich am Gipfel eines Berges im Erzgebirge. Dort ist es sehr kalt und der Wind pfeift. Das wird ihm sehr geholfen haben, die Hitze seines Körpers zu kühlen. Und das dort geschöpfte Wasser ist von ausgesprochener Kühle und Klarheit.

Jeder in Naturheilkunde ausgebildete Arzt hätte in diesem Falle natürlich sofort Kneipp-Anwendungen verordnet. Aber das wäre falsch gewesen. Denn wozu noch den Körper stärken? Das hätte nur den Todeskampf Abd-ru-shins verlängert, dem die Menschen nun mal das Verderben bereitet hatten. Äußerlich machte sich sein Leiden letztlich in einer Magengeschichte bemerkbar, dessen Ursache die Ärzte im Krankenhaus in Dresden – natürlich – nicht finden konnten. Dazu sagt Abd-ru-shin: “Es ist gut, daß ich hier (im Krankenhaus in Dresden) genau untersucht werde, damit die Menschheit einmal erfährt, dass ich nicht an einem organischen Leiden gestorben bin.”

Sein vorzeitiger Tod hat ihn noch vor einer weiteren Qual bewahrt. Gegen Ende des Krieges gingen die Nazis immer mehr dazu über, unter Aufsicht stehende Personen zu “liquidieren”, um die Zeugen ihrer Schandtaten zu vernichten. Deshalb wurden diese Menschen meistens in einem Gerichtsverfahren, das diesen Namen nicht verdient, und bei dem das Urteil schon von vornherein feststand, gedemütigt, abgeurteilt und anschließend erhängt. Gegen Ende des Krieges, als der Feind schon im eigenen Lande stand und immer weiter vorrückte, wurden die “Intellektuellen” auch ohne Prozeß “eliminiert” und verscharrt, um diese Verbrechen der grundlosen Einkerkerung zu vertuschen. Wenn die Nazis keine Gelegenheit mehr hatten, ihre Opfer zu erhängen, dann wurden sie füsiliert, das heißt, an die nächste Wand gestellt und erschossen.

Dieses Schicksal ist Abd-ru-shin nur deshalb erspart geblieben, weil

der Allmächtige ihn beizeiten von dieser Erde abberufen hat.

Die Beerdigung Abd-ru-shins: Bei dieser Beerdigung waren neben vielen Gralsanhängern auch Frau Maria, Fräulein Irmingard, Herr Alexander und das Ehepaar Vollmann anwesend.

Zunächst hielt der evangelische Geistliche (Abd-ru-shin war nie aus der evangelischen Kirche ausgetreten) eine mit Musik umrahmte Andacht. Von der Gralsbewegung durften keine Handlungen vorgenommen werden, das hatten zuvor übereifrige, unverständige Gralsanhänger beim evangelischen Pfarrer verpatzt. Der sprach folgende Worte, die ihm von den Angehörigen (= Frau Maria usw.) gegebenen waren:

Am 6. Dezember 1941, nachmittags 16.15 Uhr folgte Oskar Ernst Bernhardt dem Ruf des Ewigen! Damit erfüllte sich seine hohe Aufgabe, den Menschen den Weg in lichte Höhen zu weisen.

Einsam, schwer und hart war sein Weg auf Erden und nur seine Gattin, seine Tochter und wenige Freunde waren ihm treue Begleiter und Helfer in den vielen leiderfüllten und in den wenigen freudevollen Stunden seines Erdenseins. Schon lange war des Heimgegangenen Sehnen zum Licht übergroß, bis es nun durch den irdischen Tod Erfüllung fand.

Unter dem Klang der Glocken seiner Geburtsstadt, in der er als Kind und Jüngling die glücklichsten Jahre seines Erdenseins erlebte, wollen wir nun den Körper in die kühle Erde betten.

Laßt uns beten:

Allmächtiger! Unendlich ist Deine

Weisheit und Güte und vollkommen Deine Gerechtigkeit in Ewigkeit!

Amen.

Um Mißverständnissen vorzubeugen:

Abd-ru-shin ist nur deshalb in der evangelischen Kirche geblieben, weil unter seinen Gralsanhängern keiner war, der seine Beisetzung hätte durchführen können (in Analogie zu GB II, 33, 7).

Ende Mai 1942: Frau Maria ahnt die kommende Besetzung Sachsens durch die russische Rote Armee und die entsetzlichen Verbrechen der russischen Soldaten: sinnlose, barbarische Quälereien an den Männern, die monatelangen, furchtbaren Dauervergewaltigungen aller Mädchen und Frauen, die brutale Ausraubung der Zivilbevölkerung und die schrecklichen Verwüstungen.

Deshalb will sie sich und ihre Familie in Sicherheit bringen und sucht einen Wohnsitz im südlichen Deutschland. Die Damen selbst sind von dem Zwangsaufenthalt Abd-ru-shins durch die Gestapo ja nicht betroffen und können sich deshalb frei bewegen. Sie mieten auf den Westerbuchberg bei Übersee am Chiemsee (in Oberbayern) ein Wohnhaus und ziehen mit Frau Vollmann dorthin. Herr Alexander gibt seine kaufmännische Stellung in Mitteldeutschland (Schlauroth?) auf und folgt nach. Herbert Vollmann muß noch im Rüstungsbetrieb (Wagenachsenfabrik) des Gralsanhängers (Jünger) Otto Giesecke in Großenhain bei Dresden bleiben (er arbeitet dort als “unentbehrlicher Mitarbeiter in einem kriegswichtigen Betrieb”, und wird somit nicht zur Wehrmacht eingezogen). Doch auch er erreicht durch eine glückliche Fügung den Westerbuchberg, bevor die russischen Truppen am 24./25. April 1945 Großenhain besetzen und die furchtbaren Greuel an der Zivilbevölkerung beginnen.

Sommer 1943: Fräulein Irmingard adoptiert die Waise Marga, um nicht zum Kriegsdienst eingezogen zu werden, z.B. als Nachrichten-Helferin (= “Blitzmädel”), Flak-Helferin, Krankenschwester, Fabrikarbeiterin oder ähnliches. Denn Mütter von kleinen Kindern werden von diesen Diensten ausgenommen.

Marga Bernhardt entwickelt sich später nicht im Sinne der Gralsbotschaft. Deshalb trennt sich Irmingard später von ihr, adoptiert Margas Tochter Claudia Maria (21.6.1961 19.4.1999), und bestimmt diese für ihre Nachfolge.

08.05.1945: Ende des “Dritten Reiches”

Mai 1945: Der Vomperberg erhält nach Kriegsende (= 8. Mai 1945) eine amerikanische Besatzung. Einige Monate später rücken die Amerikaner ab und am

09.07.1945: rücken französische Soldaten nach.

01.07.1945: Herbert Vollmann macht sich auf den Weg zum Zildererhof auf dem Vomperberg. Er fährt mit dem Fahrrad, denn zwei Monate nach Kriegsende steht der gesamte Verkehr noch still. Vorher: Die Militärbehörden stellen Herbert Vollmann einen “Passierschein für Landarbeiter (farm workers)” aus, denn nur Landarbeiter bekommen diesen Passierschein. Damit kann er von Deutschland nach Österreich/Tirol einreisen und auf dem Vomperberg die Rückkehr von Frau Maria und ihrer Familie vorbereiten.

Ende Juni 1945: Die französische Militärregierung Tirols gibt die Gralssiedlung an Frau Maria als rechtmäßige Besitzerin zurück. Das Eigentum wird allerdings erst mit dem Beschluß des Bezirksgerichtes Schwaz am 31.12.1949 im Grundbuch eingetragen. Und das Eigentumsrecht wird durch die Kontrolle der Besatzungsmacht und der öffentlichen Aufsicht beschränkt, weil die Siedlung deutsches Eigentum war. Diese Kontrolle lockert sich jedoch sehr, bevor sie am 03.09.1956 aufgehoben wird.

Diese Kontrolle nützten österreichische Parteifunktionäre in öffentlichen Ämtern schamlos dazu aus, um die Siedlung als eine Partei-Institution für “soziale Zwecke” zu mißbrauchen. Insbesondere die Schule = Gästehaus ist als gutes und billiges Erholungsheim sehr begehrt.

Noch 1945: In der Gralssiedlung wohnen noch Nazis mit ihren Familien, die es einfach nicht wahrhaben wollen, daß der Krieg und damit ihre Herrschaft vorbei ist. Durch Schmähungen und durch Anzeigen bei den Militärbehörden versuchen sie, natürlich wieder in Verbindung mit Abtrünnigen, den mittlerweile wieder in der Gralssiedlung wohnenden Gralsanhängern das Leben schwer zu machen. Doch durch erfolgreiche Gegenwehr, durch die Unterstützung des Bezirkshauptmannes von Schwaz Dr. Josef Huber, der Besatzungsbehörden und durch so manche Schicksalsfügungen müssen diese widerlichen Menschen endlich den Vomperberg verlassen.

29.12.1945: Die erste Feier wird nach siebenjähriger Unterbrechung wieder in der Andachtshalle auf dem Vomperberg gehalten. Dabei gibt Frau Maria ihre neue Aufgabe bekannt: Sie vollendet mit Irmingard das Werk Abd-ru-shins.

15.04.1948: Die neuen Glocken kommen auf dem Vomperberg an. Im Jahre 1948 wird zuvor der Glockenturm gebaut. Das Metall für die Glocken spenden die Schweizer Gralsanhänger. Gegossen werden sie in einer Innsbrucker Glockengießerei (Graßmayr?). Auf einem mit Girlanden geschmückten Lastwagen kommen sie an.

Glockenweihe: Am 15.04.1948 werden die drei Glocken mit einem geschmückten Lastwagen auf den Vomperberg gebracht. Dann erfolgt in der feierlichen Andacht am 18. April 1948, dem

Geburtstag Abd-ru-shins, die Weihe der Glocken. Damit geht in Erfüllung, was Abd-ru-shins geplant hatte, aber nicht mehr ausführen konnte. Die Glocke “Reinheit” trägt als Symbol das Bild einer Lilie und den Spruch: “Dem Herrn der Welten diene ich in Reinheit und in Treue.” Die Glocke “Liebe” ziert eine Rose und der Spruch: “Liebe läßt sich von Gerechtigkeit nicht trennen, sie sind eins!” Und die dritte und größte Glocke “Gerechtigkeit”, geschmückt mit der Blauen Blume Abd-ru-shins (= blaue Enzian-Blüte) und der Dornenkrone, trägt die Worte:

“Mutig voran! Gott wohlgetan! In Reinheit begonnen und vollendet! Im Jahre des Herrn 1948.”

Bild oben: Der Glockenturm auf dem Vomperberg mit den drei Gralsglocken. Er hat die Form eines offenen Campanile. Abd-ru-shin hatte noch selbst bestimmt, daß auf dem Glockenturm ein transparentes (und elektrisch beleuchtetes) Gralskreuz stehen soll. Die Glocken läuten morgens (Sommer =6 Uhr, Winter = 7 Uhr) und abends 6 Uhr, sowie 15 Minuten vor jeder Andacht und 30 Minuten vor jeder Feier, sowie danach. Die Gralsglocken rufen nicht nur einfach die Gläubigen herbei und entlassen sie. Nein, wenn sie ihr Geläut über das Tirolerland erschallen lassen, dann läuten sie zur Auferweckung des Geistes und zum Gericht! So sagte es Herr Vollmann.

1947/1948: Frau Maria und ihrer Familie wird die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen. Um die sie sich sehr bemüht haben. Insbesondere deshalb, weil dieSiedlung als deutsches Eigentum wegen der öffentlichen Kontrolle vonösterreichischen Parteibonzen immer noch als Erholungsheim mißbraucht wird.

17./18.08.1949: Die Gebeine Abd-ru-shins werden von Bischofswerda etappenweise zum Vomperberg überführt.

17.08.1949: Bischofswerda – München

18.08.1949: München – Vomperberg. Ankunft dort um 15:15 Uhr. In den nächsten Wochen wird die Grabpyramide fertiggestellt.

Die Überführung der Gebeine Abd-ru-shins von Bischofswerda zum Vomperberg: Eine solche Überführung ist eigentlich unmöglich. Denn die Russen, zu deren Zone Bischofswerda mittlerweile gehörte, haben Angst vor Seuchen und geben für Exhumierungen (= Öffnen von Gräbern) keine Erlaubnis. Aber trotzdem gelingt es. Durch eine Verkettung mehrerer schicksalhafter Fügungen. Die Überführung wird von dem Jünger Erich Walkhoff durchgeführt. Er ist Bauunternehmer und hat deswegen trotz dieser schweren Zeiten einen Lastwagen zur Verfügung.

Am 04.08.1949 wird vom Kreisgesundheitsamt Bautzen (= zuständig für Bischofswerda) der Leichenpаß ausgestellt, mit dem der Leichnam die Staatsgrenzen passieren kann. Zunächst wird der Sarg mit dem Leichnam Abd-ru-shins auf dem alten Friedhof von Bischofswerda ausgegraben. Hierüber liegt eine eidesstattliche Erklärung des Friedhofmeisters und seiner Gehilfen vor, daß der Sarg auch tatsächlich ausgegraben wurde.

Am 18.08.1949 passiert der Sarg die deutsch-österreichische Grenze bei Kiefersfelden, was aus dem diesbezüglichen Stempel im Leichenpaß hervorgeht. Im Bericht über die Heimkehr der Erdenhülle Abd-ru-shins auf den Vomperberg heißt es: “Gegen 15:15 Uhr kehrte die irdische Hülle des HERRN unter dem Läuten der Gralsglocken heim! Als der Wagen mit der Erdenhülle in die Grals-Siedlung einfuhr, hatte sich die dichte Wolkendecke auseinandergeschoben; ein Stück blauer Himmel tat sich verheißungsvoll auf und grüßend fluteten die Sonnenstrahlen hernieder.

In den nächsten Wochen wird die Grabpyramide fertiggestellt. Dann findet am 07.10.1949 eine Gedenkstunde statt, und anschließend erfolgt die Beisetzung der Erdenhülle Abd-ru-shins in der Pyramide.

07.10.1949: Nach einer Gedenkstunde um 9:00 Uhr findet die Beisetzung der Gebeine Abd-ru-shins in der Pyramide in der Gralssiedlung statt.

29.05.1952: Einweihung der neuen Andachtshalle. Der Bau der Fundamente beginnt Anfang Oktober 1951. Der Neubau dauert bis Ende Mai 1952. Die Andachtshalle ist für 1.500 Teilnehmer geplant.

>>>Die Andachtshalle >>>

28.12.1952: Abd-ru-shins erste Frau Martha verstirbt. Sie lebt zuletzt im Haushalt der gemeinsamen Tochter Edith in Bad Tölz, Wackersberg-Bach 135.

April 1954: Frau Maria überträgt die offizielle Leitung der Gralsbewegung an Herrn Alexander. Dieser ist besonders um den Aufbau der Landwirtschaft bemüht, die er zu einem Musterbetrieb aufbaut.

1954/1955: Jesacher-Prozeß – Die katholische Gemeinde Vomp bekommt einen neuen Pfarrer, den jungen Kooperator Friederich Jesacher. Dieser will mit dem “Sekten-Unwesen” in seiner neuen Gemeinde aufräumen. In einem Brief vom 03.03.1953 beleidigt er die Familie Bernhardt als “Schwindler-, ja Verbrecherbande”. In ihrer noblen Art hätte Frau Maria diesen Affront ignorieren können. Da es aber das Ziel der kath. Kirchenleute von Tirol ist, die Gralssache zu eliminieren, muß sie sich wehren. Deshalb verklagt sie den Pfarrer Jesacher am 18.05.1953. Aber sie verliert den anschließenden Prozeß.

Der Jesacher-Prozeß: Der katholischen Kirche ist die Gralsbewegung seit langem ein Dorn im Auge. Unterdrückungsversuche vor und während der Nazi-Zeit scheitern jedoch. Aber Anfang der fünfziger Jahre holt sie zum Schlag aus. Die katholische Gemeinde Vomp bekommt am 1.9.1950 einen neuen Pfarrer, den jungen Kooperator (=”Mitarbeiter”; kirchlicher Titel) Friederich Jesacher (* 21.10.1920). Dieser will nun im Auftrage seines Bischofs mit dem “Sekten-Unwesen” in seiner neuen Gemeinde aufräumen. Eine Gelegenheit ergibt sich, als abtrünnige Gralsanhänger mit ihm zusammenarbeiten und “auspacken”. Am 03.03.1953 schreibt er einen Brief an Fräulein Bouvier, eine Gralsanhängerin auf dem Vomperberg und ehemals persönliche Bedienstete im Gralshaus, um sie ebenfalls zum “auspacken” zu animieren. Ihre Adresse hat er von dem abgefallenen Grals-Anhänger Karl Seebacher aus Fiecht. Der Brief beginnt mit: “Im Auftrage des hochwürdigsten Bischofs unseres Kirchengebietes bitte ich Sie um eine werte Mithilfe, und weiter: “Unser Hochwürdigster Kirchenfürst hat nun die Angelegenheit auf dem Vomperberg in die Hand genommen und ist nun bestrebt, diesem Frevel ein Ende zu bereiten und anderen Opfern das Schicksal vom Vomperberg zu ersparen…”

Dann nennt er in diesem Brief die Familie Bernhardt “… eine raffinierte, unter dem Deckmantel von Religionsfreiheit getarnte Schwindel-, ja Verbrecherbande”. Frau Maria erhält am 8. April 1953 von diesem Brief Kenntnis.

Das kann sich Frau Maria nicht gefallen lassen, und zwar deshalb, weil es hier um ihre Existenz geht. Zwar könnte sie nach dem Motto handeln: “Was kümmert es den Mond, wenn ihn der Hund anbellt?” Aber hier geht es nicht nur um die Frage der Ehre, sondern der Vernichtung durch die Kirche.

Der Versuch einer gütlichen Verständigung scheitert. Natürlich, den die Kirche hat ja weitergesteckte Ziele. Daraufhin läßt Frau Maria durch ihren Rechtsanwalt, Dr. Bauer aus Innsbruck, am 18.05.1953 Ehrenbeleidigungsklage beim Bezirksgericht Schwaz/Tirol einreichen, um den Kooperator Jesacher wegen seiner beleidigenden Äußerungen bestrafen zu lassen. Das ist nicht nur ihr gutes Recht, sondern sogar ihre Pflicht, um ihre Ehre nicht verletzen zu lassen, und um den Angriffen der Kirche von Anfang an Paroli zu bieten. Der sich anschließende Prozeß erstreckt sich über vier Verhandlungen. Die Hauptverhandlung findet am 16.2.1955 vor dem Bezirksgericht in Schwaz statt.

Im Strafrecht ist es so: Die Privatsphäre ist geschützt. Aus diesem Grunde kann man unter sich über andere Personen schlimme Dinge erzählen, von denen man glaubt, daß sie richtig sind, und ohne daß man sich der Beleidigung schuldig macht. Ganz anders verhält es sich, wenn man sich öffentlich äußert. Hier darf man über andere Leute nur dann schlimme Dinge erzählen, wenn man genau weiß, daß sie stimmen. Sonst macht man sich wegen Beleidigung strafbar.

Im Prozeß muß der Richter nun feststellen, ob der Kooperator Jesacher seine beleidigende Äußerung öffentlich oder privat gemacht hat. Öffentlich ist seine Äußerung dann, wenn er sie gegenüber mehreren Personen gemacht hat. Also wird der Kooperator Jesacher gefragt, ob er er diese Aussage wie im Brief auch gegenüber anderen Personen gemacht hat. Auf diese Frage antwortet er nicht. Das darf er. Denn im Strafprozeßrecht gilt, daß niemand gezwungen werden darf, gegen sich selbst auszusagen. Sein Schweigen darf der Richter auch nicht werten. Folglich gilt seine Aussage als “privat” und nicht als “öffentlich” gemacht.

Strafbar sind aber nur “öffentlich” gemachte Beleidigungen. Deshalb verliert Frau Maria den Prozeß. Sie legt Berufung ein, zieht diese aber dann später wieder zurück.

Mit diesem Prozeß sind eine üble Zeitungshetze verbunden sowie Steuerprüfungen und Fahndungen, als deren Urheber der Kooperator Jesacher als Teil seines “Kreuzzuges” gilt. Die Gralsleitung will sich nicht mit dem Schmutz der einzelnen Zeitungsartikeln auseinandersetzen und verfaßt als Antwort ein Inserat unter dem Titel “Eine notwendige Klarstallung”. Diese Anzeige wird bei zehn österreichischen Zeitungen in Auftrag gegeben, aber nur die “Wiener Zeitung” als offiziell über ganz Österreich verbreitete Staatszeitung druckt sie in ihrer Ausgabe vom 04.07.1954 ab.

Diese Anzeige hat folgenden Inhalt:

EINE NOTWENDIGE KLARSTELLUNG

In letzter Zeit sind in einzelnen Zeitungen und Zeitschriften üble Schmähartikel über unsere Gralsbewegung und deren Leitung erschienen, trotzdem die Glaubensfreiheit in jedem Kulturstaat als unantastbar gilt.

Die Unsachlichkeit und der aus ihnen sprechende Haß richten diese Artikel auch ohne unser Zutun. Darum entgegnen wir darauf nicht.

Wir wissen uns mit dieser Haltung in Übereinstimmung mit allen gerecht und objektiv Denkenden, auch da, wo unser Gedankengut abgelehnt wird.

Wer uns kennt, weiß, daß wir mit dem ganzen Ernst unseres Seins nach wahrem Menschentum in der Erfüllung des Gottgesetzes streben und daß uns dazu die in der GRALSBOTSCHAFT “IM LICHTE DER WAHRHEIT” VON ABD-RU-SHIN ruhende Kraft und lebendige Wahrheit Weg und

Leuchte sind.

Jeder Unvoreingenommene wird es schätzen, daß wir zur Auseinandersetzung auf geistigem Gebiet bereit sind, nicht aber im Schmutz persönlicher Gehässigkeiten und Beleidigungen.

In unserem Streben nach innerer Erneuerung inmitten der Wirrnis unserer Zeit ist uns der Bringer der Gralsbotschaft und die heutige Leitung der Gralsbewegung auf dem Vomperberg Hilfe und Vorbild in einer Art und Größe, welche zu erkennen Intoleranz und Unsachlichkeit, Fanatismus und Böswilligkeit allerdings niemals fähig sein werden. Wir setzen dem die Klarheit unserer Überzeugung entgegen. Gralsbewegung in Österreich, Deutschland, Brasilien, England, Frankreich, Holland, Schweiz, U.S.A. Die Gralsanhänger in den übrigen Ländern Stiftung Gralsbotschaft, Sitz Schwäbisch Gmünd Verlag “Gralswelt”, Schwäbisch Gmünd Stiftung zur Verbreitung der Gralsbotschaft, Sitz Riehen bei Basel Gralsschriften-Verlag, Basel Editions Françaises du Graal, Strasbourg Grail Foundation und Grail Press, Edinburgh O Mundo do Gral, São Paulo Damit ist die Sache erledigt.

Im Jahre 1956: Der Hauptteil der brasilianischen Gralsanhänger spaltet sich von der Internationalen Gralsbewegung ab und gründet eine eigene Vereinigung, den “Ordem do Graal na Terra” (= portugiesisch für “Orden des Grals auf Erden”; in Brasilien spricht man Portugiesisch).

HISTORISCHER ÜBERBLICK Der Ordem do Graal na Terra: wurde am 18. April 1933 als “Sociedade Philosófica Natural Adeptos do Gral” gegründet. Zu Beginn bestand die Gemeinschaft größtenteils aus Deutschen, die die ersten in deutscher Sprache verfaßten Vorträge des Herrn gelesen hatten. (In Süd-Brasilien gibt es viele deutschstämmige Einwanderer. Deren Hauptort im Bundesstaat Santa Catarina heißt “Blumenau”, wo sie auch jedes Jahr ein “Oktoberfest” ein von ganz Brasilien beachtetes großes Volksfest nach Münchener Vorbild feiern.). Im Jahr 1934 bevollmächtigte der Herr diese Gemeinschaft, die Gralsbotschaft in die portugiesische Sprache zu übersetzen und zu veröffentlichen. Es handelte sich hierbei um die Übersetzung der aus 91 Vorträgen bestehenden deutschen Originalfassung von 1931 – “Im Lichte der Wahrheit”, Große Ausgabe.

In den Jahren zwischen 1934 und 1937 schrieben sich der Herr (Abdruschin) und (die aus Österreichstammende Frau) Roselis von Sass zahlreiche Briefe. Roselis von Sass wurde 1934 von Ihm berufen und geweiht. Die entsprechenden Kreuze wurden ihr zugeschickt. Bereits 1935 schrieb der Herr an Roselis von Sass: “Johannes, oder besser gesagt: Ismael, wird sich den Menschen durch Sie nahen, …” Dank dieser Verbindung erschienen später die Bücher von Roselis von Sass. Im Jahr 1942 wurde die “Sociedade Philosófica Natural – Adeptos do Gral” wegen des Weltkrieges aufgelöst. Nach dem Krieg, im Jahr 1946, reorganisierte Frau Maria die in Österreich ansässige Gralsbewegung. Mit der B2 Notifikation vom April 1947 beauftragte sie Roselis von Sass sämtliche Gralszeremonien (in Brasilien) durchzuführen und übertrug (dem Jünger) Walter Bräuning die kommerziellen und organisatorischen Aufgaben. Dazu gehörten auch Übersetzung, Druck, Veröffentlichung und Vertrieb der Gralsbotschaft und der Gralsliteratur in portugiesischer und spanischer Sprache. Am 3. November 1947 wurde die Gemeinschaft “O Santo Gral” gegründet, um die Aktivitäten der “Sociedade Philosófica”, die im Krieg unterbrochen worden waren, weiterzuführen. Der Gralstempel in Sao Paulo, Brasilien, wurde am 7. September 1948 mit den entsprechenden Feierlichkeiten und Gralsfestivitäten eingeweiht. Als Harry von Sass 1951 den Vomperberg besuchte, übergab ihm Frau Maria eine Ausgabe der Gralsbotschaft in drei Bänden. Sie bestätigte, daß die neue Reihenfolge der Vorträge und die Aufteilung der Botschaft in drei Bände sowie die Änderungen in einigen der Texte vom Herrn persönlich vorgenommen worden waren. Der Schriftsteller José Geraldo Vieira übersetzte die Ausgabe in drei Bänden (Deutsche Ausgabe von 1949/50) in den Jahren 1951 bis 1954. Er wurde beauftragt und bezahlt von unserer Gemeinschaft. Der erste portugiesischsprachige Band erschien 1954 in den Buchläden. Frau Maria hatte 1954 einen Unfall. Da sich ihr Gesundheitszustand hiernach verschlechterte, zog sie sich von allen Aktivitäten zurück und übergab die Führung der internationalen Gralsbewegung ihrem Sohn Alexander Freyer. Die Trennung vom Berg erfolgte 1956. Die Geschwister Alexander und Irmingard Freyer (gemeint sind Herr Alexander und Fräulein Irmingard Bernhardt) hatten einen falschen Weg eingeschlagen. Ganz offensichtlich wurde dies, als Alexander Freyer in einer Jüngerversammlung behauptete, in erster Linie müsse der Berg geschützt und unterstützt werden, da ohne den Berg die Kraft nicht weitergeleitet und das Wort nicht verbreitet werden könne. Die brasilianischen Jünger konnten dies nicht akzeptieren, denn für uns steht das Heilige Wort vor allem- so ist es immer gewesen. Daher trennten sich die drei Jünger – Roselis von Sass, Walter Bräuning und Harry von Sass – freiwillig vom Berg. Sie konnten Alexander Freyer nicht als Vermittler der ursprünglichen Strahlungen bestätigen. Die brasilianische Gemeinschaft löste sich von der Gralsbewegung am Vomperberg. Einige wenige der in Brasilien lebenden Deutschen beschlossen, weiterhin Alexander Freyer zu folgen und gründeten eine eigene Gemeinschaft, die mit dem Berg verbunden blieb. Im Jahr 1958 wurde unsere Gemeinschaft – O Santo Graal, Congregação Brasileira – zum Ordem do Graal na Terra umbenannt, mit neuem Statut und umfangreichen Aktivitäten. Frei von den ständigen Intrigen und Störungen von Alexander Freyer und einigen seiner Gefolgsleute in Brasilien, war es Roselis von Sass nun möglich, sich vollkommen ihrer Mission zu widmen, so wie es ihr der Herr bereits angekündigt hatte. Alle ihre Bücher schrieb sie mit Ismaels Hilfe. Solange Frau Maria aktiv tätig war, war sie Brasiliens bester Freund.

Der Tag ihres Geburtstages wurde ausgewählt für eine Andacht zu Ehren der Wesenhaften, der Naturwesen, da sie eng verbunden sind mit der Göttlichen Liebe. Diese Gedenkfeier findet jeweils am dritten Sonntag im August statt. Es gab zu keiner Zeit Mißstimmungen oder Feindschaft zwischen Frau Maria und Roselis von Sass und der brasilianischen Gemeinschaft. Frau Maria hatte stets unsere Bewunderung und unseren Respekt. Im Jahr 1975 weihten wir den neuen Tempel des Ordem do Graal na Terra ein, der Platz für 1000 Menschen bietet. Er war dasErgebnis unserer kontinuierlichen und gesegneten Arbeit. Nach zahlreichen Bemühungen von Seiten des Berges (= der Internationalen Gralsbewegung auf dem Vomperberg) den Aktivitäten des Ordem do Graal na Terra Einhalt zu gebieten, strengte 1976 Irmingard Bernhardt, die Stiftung Gralsbotschaft und die Sociedade do Graal no Brasil, eine brasilianische Vereinigung, die an den

Vomperberg gebunden ist, einen Prozeß gegen den Ordem do Graal na Terra an. Die Forderungen lauteten wie folgt:

1. Unmittelbar mit dem Gebrauch des Namens “GRAL” oder “GRAAL”, in allen ihren Tätigkeiten aufzuhören

2. Unmittelbar mit der Anwendung der Bilder “GRALSKREUZ” und des stilisierten Buchstabens “A” umringt mit einem, aus einer Schlange geformten, Kreis, in allen ihren Tätigkeiten aufzuhören

3. Unmittelbar alles was mit den genannten Symbolen und einschliesslich mit dem Decknamen ABDRUSHIN, vorhanden ist, zu zerstören

4. Unmittelbar mit der Veröffentlichung, Herausgabe und Verbreitung der ungerechtlich nachgedruckten Werken aufzuhören, und diese zu zerstören

5. Die betreffende Bezahlung für den eingeschätzten Wert von allen herausgegebenen Werken zu begleichen, mit Basis auf den Wert von zweitausend Exemplaren für jede Herausgabe Der Prozeß dauerte 14 Jahre und wurde vom Ordem do Graal na Terra in allen Instanzen bis hin zum Obersten Gerichtshof gewonnen. Die Arbeit des Ordem do Graal na Terra wurde ohne Unterbrechungen weitergeführt. Heute haben wir neben unserem Sitz in Embu, einer Stadt in der Nähe von Sao Paulo, weitere neun Niederlassungen in ganz Brasilien mit Andachtshäusern und Verwaltungsbüros, die für den Vertrieb der Bücher zuständig sind. Abgesehen von diesen Niederlassungen, bilden sich zur Zeit weitere Gruppen in anderen Städten. Harry von Sass starb im Alter von 85 Jahren im August 1992. Roselis von Sass verschied mit 90 Jahren im Juni 1997. Unsere Bemühungen zur Verbreitung der Gralsbotschaft und der damit in Bezug stehenden Bücher haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Neben dem Vertrieb der Bücher haben wir bereits mehr als 38.635 Exemplare an Öffentliche Bibliotheken in Brasilien und im Ausland gespendet. Wir alle wissen jedoch, daß das große Wunder der geistigen Entwicklung allein vom Streben des einzelnen Menschen abhängt im Sinne der Schöpfungsgesetze zu leben.

Die Anschrift des Ordems do Graal na Terra lautet:

Ordem do Graal na Terra –

Präsident: Herr Harald Schuler – Caixa

Postal 128, СЕР

06801-970-Embu (SP) Brasilien Tel./Fax:

0055-11-4781-0006/4781-0447 Internet:

www.graal.org.br

E-Mail:

graal@graal.org.br

Für den Außenstehenden stellt sich die Situation so dar, daß es nun auf dem riesigen südamerikanischen Kontinent gleich zwei Grals-Tempel gibt, und beide in dem Städtchen Embu bei Sao Paulo stehen.

Aus dem Internet, http://www.graal.org.br/Deutsch/AutoraDe.asp; Januar 2002

Aufsatz von Herrn Harald Schuler, dem Präsidenten des “Ordems do Graal na Terra” in Brasilien, den er dankenswerterweise am 31.12.2002 zur Verfügung gestellt hat.

(Redaktionelle Anmerkungen stehen kursiv in Klammern.)

“Roselis von Sass (1906-1997) wurde in Österreich geboren und verbrachte ihre Jugendzeit in Europa, wo sie ihre Schulausbildung abschloß. Noch jung kam sie nach Brasilien und blieb definitiv in diesem Land, in der Nähe von São Paulo. Die Frage nach dem tieferen Sinn der Existenz, mit ihren Lehren, war immer das wichtigste Anliegen dieser außergewöhnlichen Schriftstellerin. Sehr zeitig lernte ihre sensible Seele zwischen Wirklichkeit und bloßem Anschein zu unterscheiden. Schon als junges Mädchen erkannte sie: >>Weder der Ort, an dem wir uns befinden, noch die Äußerlichkeiten machen die Menschen glücklich; die Glückseligkeit kommt aus dem Innersten, aus dem, was der Mensch in sich selbst empfindet.<< Alles im Laufe der Zeit Geschehene ist registriert und verwahrt. Nichts ging verloren! Es kann auch gesagt werden, daß das gesamte, vor Millionen von Jahren begonnene menschliche Erleben gefilmt und aufbewahrt wird, bis sich alle Schicksale nach dem Gesetz der Gerechtigkeit erfüllen. Als besondere Eigenschaft hatte die Autorin die Gabe, in diese Vergangenheit einzudringen und von dem vielfältigen Schicksalsweben zu berichten, das im großen Buch der Menschheitsgeschichte eingetragen ist Ihr arbeitsreiches und fruchtbares Leben war immer von der wahrhaften Liebe geleitet, Liebe zur Natur und all ihren Kreaturen, Liebe zu den Erdenmenschen, und vor allem eine tiefgründige und treue Liebe zu unserem Schöpfer.”

Im Jahr 1957: Für die Zildererquelle wird ein 100-cbm-Hochbehälter gebaut, damit auch im Sommer in der niederschlagsarmen Zeit die Wasserversorgung gesichert ist.

19.12.1957, kurz nach 07:00 Uhr: Während des morgendlichen Glockenläutens verläßt Frau Maria die Erde.

Frau Maria geht heim: Schon seit geraumer Zeit wird Frau Maria von großer Sehnsucht nach ihrer jenseitigen Heimat erfüllt. Als sie wieder einmal besonders unter der Niedertracht und Bosheit der Menschen zu leiden hat, seufzt sie schließlich resignierend: “Was soll man noch unter diesen dunkeln Menschen? Hier kann man ja doch nichts mehr bewirken!”

15.09.1953: Frau Maria stürzt im Gralshaus und bricht sich den Oberschenkel. Sie wird sofort nach Innsbruck ins Sanatorium gebracht, das sie erst am

10.12.1953 wieder verlassen kann. Trotz bester Pflege erholt sie sich nicht mehr richtig von diesem Sturz. Im April 1954 überträgt Frau Maria die offizielle Leitung der Gralsbewegung an Herrn Alexander. Die diesbezügliche Mitteilung lautet: “Wir geben hiermit allen Kreuzträgern bekannt, daß Frau Maria Herrn Alexander die gesamte Führung in allen Angelegenheiten des Grales auf Erden übertragen hat, das bezieht sich sowohl auf alle geistigen als auch auf alle irdischen Angelegenheiten. Die entsprechenden Vollmachten liegen vor.

Diese Maßnahme wird entsprechend der geistigen Forderung durchgeführt, da die aktive Leitung der Sache des Grales auf Erden in den Händen eines Mannes liegen soll. Die geistigen Aufgaben Fräulein Irmingard’s bleiben davon unberührt. Ein weiterer Grund für diese Bevollmächtigung liegt in einer vollständigen Entlastung Frau Maria’s, damit sie sich ganz und ungetrübt der so notwendigen geistigen Verbindung und den wichtigen Entscheidungen für den weiteren Aufbau des Grales auf Erden widmen kann.

Vomperberg, den 27. April 1954.

Gralsverwaltung

gez. Herbert Vollmann.”

Dreieinhalb Jahre später, am 19. Dezember 1957 kurz nach 7:00 Uhr, während des morgendlichen Glockenläutens, scheidet Frau Maria von dieser Welt. Die feierliche Andacht zur Beisetzung findet am 22. Dezember 1957 um 9:00 Uhr statt. Gegen 10:30 Uhr erfolgt die Beisetzung in der Pyramide.

22.11.1967: Kauf der Brandstallquelle auf 1.150 Meter Höhe von Baron Max von Biegeleben/ Vomp. Damit kann sich die Gralssiedlung aus eigenen Quellen mit Trink- und Nutzwasser versorgen und muß nicht die neue angeschlossene Gemeindewasserversorgung in Anspruch nehmen.

03.02.1968: Nach langer schwerer Krankheit geht Herr Alexander geht hinüber in eine andere Welt. Die Beisetzungsfeier findet am 07.02.1968 um 9.00 Uhr statt. Dann wird sein Sarg zur Pyramide gebracht und in ihr beigesetzt. Fräulein Irmingard tritt sein Erbe und seine Nachfolge an. Dies wird den Kreuzträgern mit dem Rundschreiben vom 07.02.1968 bekanntgegeben.

18.04.1975: Anläßlich des 100-sten Geburtstags Abd-ru-shins erhält die Pyramide eine notwendige Reparatur sowie eine Verkleidung aus rötlichen Granitplatten.

6. 12.1984: 43. Todestag Abd-ru-shins. Fräulein Irmingard setzt in ihrem Testament ihre Enkelin und Adoptiv-Tocher Claudia Maria (21.6.1961 – 19.4.1999) als Alleinerbin ein, mit Ausnahme der Stiftung Gralsbotschaft, und damit den Urheber-Rechten an der Gralsbotschaft. Bedingung: Die Feiern und Andachten müssen weiterhin in der Andachtshalle abgehalten werden. Als Nach-Erbin (im Vorversterbensfall usw.) setzt sie ihre Urenkelin = Claudias Tochter Elisabeth Maria Bernhardt ein.

22.05.1990, nachmittags: Fräulein Irmingard geht hinüber in eine andere Welt. Die Beisetzungsfeier findet am 25. Mai 1990 um 9.00 Uhr statt. Danach werden ihre sterblichen Überreste in der Pyramide beigesetzt.

20.06.1999: An diesem Sonntag um 16:30 Uhr geht Herr Herbert Vollmann, der Schwiegersohn Abd-ru-shins, hinüber in eine andere Welt. Seine sterblichen Überreste finden auf dem Friedhof ihre letzte Ruhestätte.

05.03.2002: An diesem Dienstag geht Frau Elisabeth Maria Vollmann, die Adoptivtochter Abd-ru-shins, hinüber in eine andere Welt. Ihre sterblichen Überreste finden am 8.3.2002 auf dem Siedlungsfriedhof ihre letzte Ruhestätte.

Ende der Biographie

>>>Die Gralsbotschaft im Buchhandel >>>

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Von André Dombrowski Kontakt: info@oskar-ernst-bernhardt.de ©

André Dombrowski 11/2002