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Зов к духу

Karl Linkelmann

Mein Besuch in Kipsdorf

Während einer Radtour nach Dresden und ins Riesengebirge kam ich schließlich nach Bärenfels, wo meine Eltern mit unseren kleinen Geschwistern im Sommer 1940 Urlaub machten. Bärenfels ist der Nachbarort von Kipsdorf, wo der Herr in einem Hause von Herrn Giesecke mit den beiden Damen lebte.

Ursprünglich wollten mein Bruder und ich uns irgendwo im Erzgebirge oder bei Dresden treffen, aber eine postlagernde Sendung, die auf dem Hauptpostamt sein sollte, war nicht da. So machte ich mich selbständig und fuhr von Dresden nach Bärenfels. Dort traf ich meine Eltern mit den Kleinen. Mein Bruder war noch nicht da, was den Vorteil für mich hatte, daß ich den Herrn allein sprechen konnte.

Eines Sonntags ging mein Vater und ich um 9 Uhr in der Frühe von Bärenfels nach Kipsdorf zum Hause des Herrn. Wir trafen erst die beiden Damen, dann kam der Herr aus seinem Arbeitszimmer im ersten Stock die Treppe herunter. Er begrüßte uns und nahm mich gleich in sein Arbeitszimmer mit, immer gleich zwei Stufen der Treppe auf einmal nehmend. Während dieser Zeit unterhielt sich mein Vater mit den Damen.

Zuerst zeigte mir der Herr eine Liste der damaligen Reichsschrifttumkammer, in der Er als Mitglied eingetragen war, dann erst setzten wir uns.

Mein Vater hatte mir eingeschärft, ich müßte unbedingt eine Frage stellen. Aber es war wie bei einer Prüfung, etwas Sachliches fiel mir nicht ein. Aber ich hatte eine ganz persönliche Frage, die ich stellen wollte. Dazu muß ich vorausschicken, daß ich ein Jahr zuvor bei einem Magnetopathen in Behandlung gewesen war. Er hielt mich wohl für ziemlich verklemmt und hatte mir geraten, doch mal mit Mädchen anzubandeln usw..

Die bisher noch nicht so tiefgehende Unterhaltung mit dem Herrn unterbrach ich und stellte Ihm dann verklausuliert die Frage, ob ich mit einem Mädchen ins Bett gehen sollte, allerdings nicht so direkt wie in heutiger Manier, sondern meine Frage war viel indirekter. Er stellte die Gegenfrage: „Wie empfinden Sie?“

Nun ging das Gespräch mehr in die Tiefe. So sagte der Herr von sich aus, ohne daß ich eine diesbezügliche Frage gestellt hatte, daß Er SEGNEN nicht für richtig halte. Er meinte, jeder Mensch könne sich das an Kräften aus der Schöpfung holen, was er brauche. Dann machte ich eine falsche Bemerkung, in dem ich sagte, daß ich den Verstand beiseite legen wollte. Sofort widersprach Er mir.

Immer mehr hatte ich das Gefühl, daß ein anderer vor mir sitzt als nur ein Mensch. Ich empfand Ihn wie ein Flammenmeer, wie eine Sache, obwohl niemand so persönlich werden konnte wie der Herr. Auch habe ich damals den Begriff „Ewigkeit“ erlebt. Der Herr war völlig selbstlos und von einer Güte, wie ich sie niemals wieder erlebt habe.

Er erzählte viel aus seinem Leben. So hatte Er als Junge drei sehr verschiedene Berufswünsche: 1. Offizier, 2. Kaufmann, 3. Pfarrer. Bei der Musterung wurde Er keinem Truppenteil zugeteilt; Er ist nie Soldat gewesen.

Weiter erklärte Er von seiner Arbeit als Schriftsteller; so sagte Er, Er stelle sich lauter verschiedene Personen auf der Bühne vor und werfe diesen dann in Gedanken einen Knüppel zwischen die Beine. So würde dann die Handlung vor Ihm ablaufen. Er schrieb ein Lustspiel in drei Tagen, ein Filmdrehbuch in zwei Wochen. Er stand damals mit dem Regisseur Carl Fröhlich in Verbindung, der ein Stück von Ihm im Dialekt bringen wollte, wogegen Er aber war. Er schätzte eine Feinkomik, wie Er es nannte, gegenüber der in den meisten Filmen geübten Praxis, grobe und derbe Witze zu bringen.

Wir sprachen auch über Musik. Er schätzte ja sehr die persönliche Einstellung, wie zum Beispiel Sologesang. Auch gefielen Ihm die damals gerade aufgekommenen modernen Orgeln. Er machte den Plan, daß wir beide einmal gemeinsam in die Dresdener Oper gehen wollten. Hierzu kam es leider nie.

Zum Schluß das Gespräch, das der Herr zum überwiegenden Teile, ungefähr eine Stunde, selbst bestritten hatte, sagte Er dann noch einiges sehr persönliches. Ich hatte das Empfinden, daß der Herr dazu einen regelrechten Entschluß faßte. So sagte Er mir, ich sei ein Mensch der neuen Zeit und hätte keine Beziehungen zu den Menschen der alten Zeit. Bei diesen Worten hatte ich die Empfindung, daß Sein Wort wie ein Fels dastand.

Weiter sprach Er davon, ich hätte ein reiches Innenleben und eine scharfe Beobachtungsgabe. Dann hob Er väterlich mahnend den Zeigefinger und sagte, ich solle nicht grübeln.

Gegen Ende des Gespräches gab Er mir eines von seinen Lustspielen zum lesen mit und schenkte mir eine Tafel Schokolade. Bei der Verabschiedung sagte Er noch, Er hätte sich über unser Gespräch gefreut.

Das Gespräch habe ich so niedergeschrieben, wie es bis heute in meinem Gedächtnis haften geblieben ist.

21. Juli 1981

Karl Linkelmann