Alfred Fischer
Neues Wohnen als Ausdruck neuer Lebensgestaltung
(DER RUF – Heft 5, 6 und 7)
Die fundamentalsten Existenzgrundlagen des Menschen im physischen Leben sind Nahrung und Wohnung. Welcher Faktor im primitiven Urzustand der wichtigere ist, läßt sich schwer entscheiden. Ob der Schutz gegen die Einflüsse der ungebändigten Natur, gegen wilde Tiere, feindlich gesinnte Menschen das Wichtigere ist, oder die Befriedigung der notwendigsten Bedürfnisse des Leibes, wird jeweils von den besonderen Umständen und Lebensverhältnissen abhängen.
Es soll nun hier unter Außerachtlassung des Ernährungswesens auf die Entwicklung des Wohnwesens kurz eingegangen werden. Die primitivste Wohnung war die Höhle des vorgeschichtlichen Menschen. Danach kam die leicht aufschlagbare Hütte des nomadisierenden Menschen, die unter anderen Bedingungen die Form eines richtigen transportablen Zeltes annahm. Verhältnismäßig spät erst lernten die Menschen sich feste Häuser bauen. Auch im festen Haus wird die frühere Gewohnheit, bzw. das Bedürfnis des einen Raumes festgehalten.
Wir sehen zunächst das einräumige Haus. In recht junger Zeit haben die Bewohner unserer Landstriche, die Urgermanen, diese ganze Entwicklung durchgemacht. So ist auf dem Hochschwarzwald der Typ des urgermanischen Hauses noch unverfälscht festzustellen. Mit der Weiterentwicklung, die dann in die ersten Anfänge zivilisierter Lebensgestaltung hineinfällt, verschwindet die Feuerstelle, die der geheiligte Mittelpunkt des Hauses war, in einen eigenen Raum, aus dem sich sehr bald die Küche entwickelt. Die noch heute in alten Bauernhäusern nur durch einen Vorhang abgeschlossene Schlafnische wird zum Schlafraum, und so sind die Grundbedürfnisse auch des heutigen Wohnens in Küche, Wohn- oder Gemeinschaftsraum und Schlafraum fixiert. Was unter der Entwicklung der Kulturbedürfnisse daraus geworden ist, soll in Folgendem angedeutet werden. Es ist heute noch eine umstrittene Frage, ob das alte Bauernhaus die Grundform des späteren Stadthauses abgegeben hat, oder ob dieses Stadthaus sich auf einer eigenen Entwicklungsreihe aufbaut. Die früheste Form eines gemeindlichen Zusammenschlusses war die Streusiedlung. An Verkehrspunkten, an denen zwei Landstraßen sich kreuzten, entstanden Stapel-, Umschlags- und Handelsplätze.
Meist waren diese Stellen auch in der Nähe eines Flußlaufes und im Schütze einer adligen Burg angelegt. Die Siedlung zog sich der einen Straße entlang mit einer platzähnlichen Erweiterung in der Mitte zum Aufstellen der Handelswagen. Dem Charakter dieser Wohngemeinschaft entsprechend waren die Siedler meist Handwerker, die den mannigfachen Reparaturbedürfnissen der durchreisenden Wagenzüge genügten. Dazu kamen Herbergen und evtl. Stapelhäuser.
Wenn auch diese Handwerkerhäuser andere Raumbedürfnisse hatten, als das ältere Bauernhaus, so muß doch ein Zusammenhang vorhanden sein, denn diese Handwerker waren doch Menschen, die auch aus dem ursprünglichen Bauernstand kamen, dort bei einer weisen Familienpolitik kein Unterkommen mehr fanden, aber alle Gewohnheiten und Gebräuche ihres Standes mitbrachten. Nahmen im Bauernbaus Stall und Tenne den größten Teil des Platzes ein, und erscheint die Wohnung nur als eine kleinere ausgebaute Ecke, so wird dieses Verhältnis im Handwerkerhaus etwas verschoben. Doch ist die Handwerkerstube immerhin an bevorzugter Stelle an der Straße, und das Wohnbedürfnis wird auf Küche und Kammer eingeschränkt.
Eine zweite Grundform des Stadthauses bildet die Adelswohnung. Mit fortschreitender Entwickelung legten sich die Burgherren in der ihrem Schütze unterstellten Siedlung feste Häuser an, die ihrerseits wiederum das Abbild der Wohngewohnheiten der Burg waren. Die Burg, ursprünglich ein fester Wohn- und Verteidigungsturm, hatte schon früh differenzierte Wohnbedürfnisse festgelegt. Indessen waren diese verschiedenen Funktionen dienenden Räume auch in ganz getrennten Gebäuden untergebracht worden.
Kapelle, Frauenhaus, Herrenhaus, Gesindehaus usw. waren eine Reihe lose zusammengefaßter Bauten. Erst im Mittelalter fing man an, einzelne dieser Räume unter einem Dach zusammenzufassen. Auch in dem vorerwähnten adeligen Stadthaus mußten naturgemäß schon der Raumersparnis halber die verschiedenartigen Räume zusammengenommen werden. Noch eine anderweitige Entwicklungsstufe bedeutet das frühe städtische Adelshaus. Es war das erste aus Stein erbaute Haus, eine Gewohnheit von dem Burgenbau her, während das Handwerker- und Bauernhaus aus Holz erbaut waren.
Aus diesen beiden Typen (Handwerker- und Adelshaus entwickelte sich nun in langer Reihe das städtische und ländliche Bürgerhaus. Es würde zu weit führen, die einzelnen Entwicklungsstadien aufzuzählen. Ich möchte mich darauf beschränken, bestimmte Endpunkte zu fixieren. Wir sehen solche in dem Patrizier- und Bürgerhaus des blühenden Mittelalters. Der Handwerker war selbstbewußter, berufsstolzer Bürger geworden in der Zeit der Zünfte (Hans Sachs). Die Bedürfnisse der Repräsentation beginnen ihre Rechte geltend zu machen. Im Patrizierhaus sind schon eine Reihe von Räumen, die nicht dem nüchternen Wohnbedarf entspringen. Im 16. und 17. Jahrhundert nähern sich die beiden Formen mit Variationen einander, und im 18. Jahrhundert sind das reiche Bürgerhaus vom bescheidenen Adelshaus nicht mehr zu unterscheiden.
Ein Entwicklungsgesetz zeigt, daß sich überlebende Normen von oben Leitpunkt nach unten werden. Immerhin hat auch hier die ruhige Entwicklung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eine gewisse Stetigkeit in den Wohnformen gezeitigt. Tatsächlich bestand im Hause der späten Barockzeit oder des Klassizismus noch eine Einheit zwischen dem bürgerlichen Leben, seiner Wohnform, und dem allgemeinen Wohnbedürfnis, das heißt, klarer ausgedrückt, alle Räume des Hauses hatten eine dem täglichen Leben entsprechende Zweckbedeutung.
Das Verbundensein des damaligen Hauses mit Garten und Freifläche, das Fehlen spekulativer Ausnützung von Grund und Boden — eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts — bewirkten weiterhin eine Grundrißgestaltung der Wohnung, die in hygienischer und lebenstechnischer Beziehung den Forderungen der damaligen Zeit durchaus genügte.
Erst dem Zeitalter wirtschaftlicher und maschineller Rapidentwicklung blieb es vorbehalten, auf dem Gebiete des Wohnungswesens eine solch katastrophale Verwirrung hervorzurufen, daß heute Riesenkräfte dazugehören, einigermaßen wieder gesunde Verhältnisse zu schaffen.
Von vornherein möchte ich bemerken, daß, um auf die jüngste Zeit abzuheben, es ein Irrtum ist, zu glauben, das Wohnungselend sei eine Erscheinung des Krieges und der Nachkriegszeit. Mit nichten! Die Mietskasernen der Großstadt (um einige drastische Beispiele zu nennen) mit ihren luft- und sonnenarmen Hofräumen, die Kellerwohnung, waren durchaus Erscheinungen der Vorkriegs-Großstadt. Und es steht dahin, ob die wirtschaftlichen Folgen des Krieges nicht besser zu tragen gewesen wären, wenn ein hoher Prozentsatz der Großstadtbevölkerung nicht durch solche kaum tragbaren Wohnungsverhältnisse schon früher des letzten sittlichen und moralischen Haltes verlustig gegangen wäre.
Die Diskrepanz zwischen wirklichem Wohnbedürfnis und vermeintlichem Wohnbedarf trat schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf. Sie hängt mit der im vorigen Aufsatz erwähnten Kluft zusammen, die unsere gesamte Ausdruckskultur nach der französischen Revolution kennzeichnet. Wohl hat die Tradition im Wohnen etwas länger nachgehalten, als in der Architektur schlechthin. Im Biedermeier sehen wir immerhin noch den Ausdruck bürgerlicher Wohngestaltung, wie sie den Zeitbedürfnissen entspricht. Danach aber kommt die hemmungslose Entwicklung der Großstadt und mit ihr all die unzähligen Schäden einer nicht vorbereiteten Gestaltung. Das rasche Wachstum der allgemeinen Wirtschaft brachte es mit sich, daß einerseits im Leben Bedürfnisse großgezogen wurden, die mit dem wahren Leben nicht standhielten, andererseits für die immer mehr wachsenden Massen der Industriebevölkerung in keiner Weise gesorgt wurde, um auch nur den notwendigsten Wohnbedarf zu sichern. Der Wohnungsbau wurde Spekulationsbau des Unternehmertums, während er früher Befriedigung eines Zweckbedürfnisses war.
Die Korrelation aber zwischen Wohnung, ihrer Ausgestaltung und der sittlichen Einstellung des Menschen können gar nicht genug hervorgehoben werden. Die Wohnung ist und bleibt eine der primitivsten Grundlagen des Menschen. Wie sollte nun Menschen, die in lichtarmen, schmutzigen, ungesunden Räumen zusammengepfercht sind, das Walten einer sittlichen Weltordnung zum Bewußtsein kommen? Oder wie sollen die Menschen einer bürgerlichen Wohnung am Ausgang des vorigen Jahrhunderts noch ein Gefühl für ehrliche Wohnform haben? Das Stigma der guten Wohnung war ein auf Surrogaten aufgebauter Schein bis ins letzte, während die Massenwohnung auch noch dieses Scheins entbehrte, und die ganze nackte traurige Unzulänglichkeit liebloser Handelsware zeigte.
Der Schein einer äußeren aufgeblähten Lebenshaltung äußerte sich in der Grundrißanlage. Immer mehr traten (im bürgerlichen Mietshaus) die eigentlichen dem Wohnbedürf-nis und der Familie dienenden Räume zurück zu Gunsten sogenannter Gesellschafts- und Repräsentationsräume. Und da ein normaler Ausgleich nicht gefunden werden konnte, so mußte der erste Teil in nicht zu verstehender Weise leiden. Hand in Hand ging eine technische und künstlerische Ausstattung, die damit groß tat, Dinge vorzutäuschen, die nicht in den Rahmen der Bauaufgabe paßten.
Ein drastisches Beispiel bieten die größere und mittlere Mietwohnung der Großstädte, die nun einmal mit den Kleinwohnungen drei Viertel des ganzen Wohnbedarfes eines Volkes bilden. Die Straßenfassade des Hauses muß das Aussehen des Palastes haben, Eingang, Vorplätze, Treppenhäuser etc. beanspruchen einen in keinem Verhältnis zu den Wohnungen stehenden Aufwand an Raum und Ausstattungen, so daß für das eigentliche Bedürfnis des Hauses, für die Wohnung, nicht mehr viel übrig bleibt.
Der gleichen Hemmungslosigkeit, wie der Hausbau, unterlag natürlich zuvor die städtebauliche Verwertung des Grund und Bodens. Nicht die Bedürfnisse der Menschen waren maßgebend, sondern rein die spekulative Auswertung des Geländes. Soweit aber für den Unternehmer oder den Baumeister ästhetische Rücksichten in Frage kamen, erschöpften sie sich in jenen erwähnten Äußerlichkeiten einer stillosen Nachahmung irgendwelcher Perioden, die gerade dem Modebedürfnis entsprachen, zudem noch mit unechten Mitteln. Marmor und Stein wurde in irgend einer Putztechnik imitiert, die billige Tür aus Tannenholz (obwohl durchaus brauchbar) mußte durch Maseranstrich den Eindruck edlen Holzes erwecken usw.
Daß eine solche Gesinnung rückläufig nur der Abklatsch einer allgemeinen Unehrlichkeit sein konnte, oder vorwärtswirkend die Menschen zum Schein erziehen mußte, mag einleuchten. Über die noch schlimmeren Verhältnisse bei der Bereitstellung von Kleinwohnungen, die natütlich neben der räumlichen Unzulänglichkeit allen jenen Fehlern mit unterlag, wurde oben schon berichtet.
Die Unhaltbarkeit der Zustände war vor dem Kriege schon erkannt, und manche Bewegungen suchten Abhilfe zu bringen. So etwa die Bodenreformbewegung, die sich allerdings in Gedankengänge hineinwagte, welche der Wirklichkeit nicht standhalten. Dann und wann versuchten verantwortungsbewußte Führer der Großindustrie für ihre Betriebe eine Gesundung herbeizuführen, eine nachhaltige Wirkung aber konnte davon nicht ausgehen, konnte vor allem den noch tief wurzelnden, einmal anerzogenen Glauben an die Wertigkeit der bestehenden Wohnkultur nicht zerstören. Wie tief eine falsche jahrzehntelange Erziehung verderben kann, beweisen die Versuche, den Menschen guteingerichtete gesunde Musterwohnungen versuchsweise zu geben. Der Versuch scheiterte an dem Widerstand der Leute, die lieber in einer alten Talmiwohnung mit ebensolchem Hausrat wohnen wollten, als in einer neuen guten Wohnung.
Welche Forderungen stellt nun der neue Städtebau und Wohnungsbau auf. Zunächst eine Trennung von Wohnungsund Arbeitsvierteln, um das Zusammenpferchen von Menschen zu Wohnzwecken zu vermeiden. Dann die ungehemmte Zufuhr von Licht, Luft und Sonne zu jedem einzelnen Raume. Nur wo Sonne Zutritt hat, können fröhliche Menschen wohnen und gesunde Kinder aufwachsen. Zum Dritten ein sich Besinnen auf die wirklichen Bedürfnisse der Familie. Wohn-, Schlaf- und Arbeitsräume sollen in genügender Zahl vorhanden sein.
Den Begriff des Repräsentations- oder Gesellschaftsraumes gibt es nicht mehr, weil er nicht notwendig ist. Der Fremde oder der Gast soll ruhig in das Getriebe der Familie hineinsehen, das allein vorführungsfähige Staatszimmer (die gute Stube) hat keine eigentliche Berechtigung. Gut sind heute alle Stuben, in denen gesundes Leben pulsiert.
Weiterhin mag als Forderung gelten eine unbedingte Ehrlichkeit des Materials, d. h. diejenigen Baustoffe, die wir heute verwenden, Stein, Holz, Eisen, Glas, sollen in der ihnen eigenen charakteristischen Werkform auch gezeigt werden. Wer die echte gute Tapete nicht bezahlen kann, möge sich mit einem einfachen Anstrich begnügen, mit gutgewählten Farben können ausgezeichnete Wirkungen erzielt werden. Die kalkgetünchte Wand und der blankgescheuerte Tisch des Bauernhauses waren immer befriedigender, als irgendwelche imitierte Stilausstattung einer Durchschnittswohnung. Ganz verloren aber war für uns das Gefühl für Räumlichkeit und Fläche! Die meisten Wohnungen glichen Möbelmagazinen, in denen man sich nur mit Schlangenwindungen bewegen konnte. Die Wände waren übersät mit Dingen, die weder schön noch zweckmäßig waren. Das Gefühl für die Einzelwirkung eines Bildes, das auf freier Fläche ringsum steht, muß wieder gewonnen werden. Und wenn die Möglichkeit nicht vorhanden ist zu gutem Wandschmuck, möge man erst einmal mit Willen und Liebe die ruhige Fläche einer irgendwie getönten Wand auf sich wirken lassen, man wird dabei eine ganz bestimmte Beruhigung empfinden. In der Natur draußen freut sich der Mensch auch an den weiten, großflächigen und großlinigen Bildern. Warum davon nicht lernen?
Das notwendige Mobiliar sind Betten, Tische, Stühle und Schrank. Alle anderen sogenannten Luxusmöbel verkleinern den Raum in seinem Eindruck, vermehren die tägliche Arbeit der Hausfrau, und sind in Wahrheit höchst unpraktisch. Außerdem veranlassen sie zum Stapeln von mannigfachen Gegenständen, die man andernfalls befreit wegwerfen würde.
Diese innere Ruhe und Ehrlichkeit, die ein Haus haben soll, darf sich in seinem Äußeren zeigen. Das Siedlungshaus des Durchschnittsmenschen soll nicht den Eindruck einer fürstlichen Villa machen, ebensowenig darf das Reihenhaus die monumentale Gebärde eines Verwaltungsgebäudes haben. Auch nach dem Garten, der Grünfläche hin, soll das Haus sich öffnen in Terrassen, Gartenflächen u. a. m., so daß neue Verbundenheit des Menschen mit der umgebenden Natur sich offenbart, der Natur, die immer wieder der allmächtige Arzt ist, wenn die Menschen sich in irgend einer Sackgasse der Zivilisation verrannt haben. Diese Wechselbeziehung zwischen draußen und drinnen mag sich auch in der Anordnung großer Fenster als Licht- und Luftzubringer zeigen. Dann wird die Zeit der staubfangenden und lichtabsperrenden schweren Vorhänge bald verschwinden.
Wer solchermaßen den Begriff der Wohnung auf die natürliche Einheit einer guten und gesunden Lebensgestaltung reduzieren hilft, wird praktische Mitarbeit zur Wiedergesundung der Zeit leisten. Unvoreingenommenes Durchdenken der erwähnten Grundsätze wird die allerorts sichtbaren Zeichen einer neuen Wohnungsgestaltung und einer neuen Architektur verstehen lernen und ihr zum Durchbrach verhelfen. —