Alfred Fischer
Der Turmbau zu Babel – heute gesehen
(DIE STIMME – 1937 – Heft 12)
„Wohlauf, laßt uns eine Stadt und Turm bauen, des Spitze bis an den Himmel reicht, daß wir uns einen Namen machen.“
So lesen wir im Alten Testament über den Turmbau zu Babel. Babylon war die bedeutendste Stadt des Altertums.
Ähnliche Gedanken überkommen den ernsten Betrachter, wenn er die Pariser Weltausstellung durchwandert hat.
„Pas de l’art sans technique et pas de technique sans art“ – steht als Motto in allen Sprachen geschrieben und ein Sinnbild über den Stand der Kultur aller Nationen und ihre Fortschritte sollte diese Weltschau sein.
Statt dessen, was erleben wir – „Keine Kunst ohne Technik“ – Die Technik wird zum vergötzten Herrscher, statt zur Dienerin – Man schneidet den Faden des Geistig-Schöpferischen ab, nur aus dem Materiell-Grobstofflichen heraus soll das lebenspendende Schöpferische auf allen Gebieten des Seins geschaffen werden.
Und der Erfolg: Wir sehen ihn deutlich. Ein gegenseitiges Übertrumpfenwollen mit Zahlen und Leistungen – ein Übertönen mit Größe und Monumentalität, eine Übertretung der Maschine und des Maschinellen. Was könnte alles diese Maschine Gutes leisten, wenn sie im rechten Gebrauche stünde! So wird sie zum sich immer mehr übersteigernden, fauchenden Tyrannen des Menschen.
Und der Mensch selbst. Er irrt hilflos umher in dieser Anhäufung von Erzeugnissen der modernen Zivilisation. Vergebens sucht man nach einer einheitlichen, noch so bescheidenen Grundlage – sowohl im äußeren Aufbau der ganzen Ausstellung, wie in der inneren Durchführung der Hallen und Bauten, als auch in den ausgestellten Gegenständen.
Verwirrend legt sich die Überfülle aller zu bestaunenden Dinge dem Besucher aufs Gemüt. Überfüttert und ermüdet verläßt er das große, warenhausähnliche Getriebe, um irgendwo erschöpft oder resigniert im Fluten der Weltstadt Paris Ersatz oder Erholung zu finden in irgend einer der Erheiterungsmöglichkeiten, die der äußeren Sinnenfreude dienen sollen.
Die Verwirrung ist ersichtlich. Die Zeit nennt es Überfülle der neuen Erscheinungen, sie ist aber nur das Spiegelbild der völlig zerrissenen Situation der Menschen und Nationen auf der Erde insgesamt.
Warum? Weil der Mensch sich gelöst hat aus der dienenden Stellung, als Lehensträger des göttlichen Pfundes auf Erden demütig und freudig in der großen Gesetzmäßigkeit der Schöpfung zu wirken.
Statt dessen glaubte er sich zum autokraten Herrn der Erde machen zu können, die dunklen Kräfte aber, die er rief und nicht mehr meistern kann, werden über ihm zusammenschlagen.
Wir sehen es allenthalben: Alles, was an Erfindungen und Neuerungen geschaffen wird, dient in erster Linie der kriegsmäßigen Hochrüstung. Alle Länder der Erde stellen sich auf Kriegswirtschaft um, um dem Frieden zu dienen.
Kann man die Groteske noch deutlicher machen? Im Osten und Westen schwelen schon richtige Brandherde. Versteht man immer noch nicht die Sturmzeichen der Zeit?